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Literatur Kritisierte kritisieren Kritiker

15.10.2005 ·  Jahrelang haben sie geschrieben und gefeilt. Und dann der Moment der Hilflosigkeit: Ein müder Literaturkritiker faßt kurz die Fehler zusammen. Nun, vor der Buchmesse, läßt die F.A.S. die Schriftsteller zurückschlagen.

Von Volker Weidermann
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Es ist die Zeit kurz vor der Frankfurter Buchmesse. Die Kritiker in den Redaktionen stehen bereit, wie jedes Jahr, ihr Buch der Saison zu preisen, zu verreißen, zu loben oder zu verlachen. Viele haben ihre Kritik schon geschrieben. Das besprochene Buch ist für sie abgehakt und bald vergessen. Ein erledigter Fall? Nicht für jeden. Der Autor, der jahrelang an seinem neuesten Werk gearbeitet hat, der Tag für Tag Seite auf Seite schrieb und schrieb und jetzt sein Lebenswerk in wenigen Zeilen abgefertigt sieht, der ist damit noch lange nicht fertig.

Er sitzt da, in der einen Hand sein Buch, in der anderen das Urteil, und kann es oft nicht fassen. Es hat wohl noch nie einen Schriftsteller gegeben, der mit einer Besprechung seines Werkes, und sei sie noch so preisend, rundum einverstanden gewesen wäre. Es ist nie genug. Nie genau genug. Nie lobend genug. Nie genau der Text, den der Autor sich erwartet hatte, der dem Buch gerecht geworden wäre. Doch er hat kein Einspruchsrecht. Das Urteil ist da. Jedermann kann es lesen, und man selbst wird nicht mehr gefragt. Meist zu Recht. Denn nichts ist peinlicher als ein Künstler, der sein Werk erklärt.

Die Künstler schlagen zurück

Und doch: Es ist ein einseitiger Kampf. Die einen gehen immer voraus, geben ihr Bestes hin und müssen dann machtlos zusehen, was damit geschieht. Einmal, ein einziges Mal, soll das jetzt anders sein. Für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung haben zweiundzwanzig Schriftsteller aus aller Welt jetzt zurückgeschlagen und Texte über Kritiker geschrieben, über Literaturkritik, über die Rezensionen ihres Lebens.

In Erzählungen, Gesprächen, Gedichten, Essays und Ansprachen wehren sie sich gegen ihre Kritiker. Schreiben über fatale Ungerechtigkeiten, immer wiederkehrende Klischees, Bösartigkeiten, nie aufgeklärte Fehler. Manche loben auch, erinnern sich an rührende Texte der Vergangenheit, die wenigstens eine Idee eines ihrer Werke wiedergaben. Doch in welcher Ton- und Gemütslage sie sich mit der Kritik beschäftigen - eines trifft auf alle Autoren, die sich in dieser Ausgabe äußern, zu. Auf Hans Magnus Enzensberger und Julian Barnes, auf Walter Kempowski und A. L. Kennedy, Andrej Kurkow und Julia Franck, Elke Heidenreich und Hwang Chi Woo, Ingo Schulze und Felicitas Hoppe: sie alle sind Verletzte. Die Pfeile vergangener Kritiken stecken noch, die Wunden verheilen kaum.

Immer lasen sie ein anderes Buch

Auch wenn man mit besten Tricks arbeitet: Der englische Autor Julian Barnes berichtet, wie er 1980, vor dem Erscheinen seines ersten Romans, einen fürchterlichen Verriß über seinen eigenen Roman verfaßte. Er benannte jede Schwachstelle, spottete über die eigene Konventionalität, seine bescheidenen Innovationsbemühungen. Nur um von den erwarteten Verrissen nicht so tief verletzt zu werden. Um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Allein: Die Schwächen, welche die Rezensenten fanden, waren nie dieselben, die er kannte. Immer lasen sie ein anderes Buch. Nach dem Erscheinen seines zweiten Romans gab er es auf - und leidet noch heute unter der Uninformiertheit der Rezensenten (“Merkwürdig“, stellt er fest: „die Rezensionen über Bücher der Kollegen klingen immer so weise und wohlinformiert und gerecht“).

Hans Magnus Enzensberger schreibt böse erfreut: „Ich jedenfalls gebe mich der angenehmen Gewißheit hin, daß Rezensionen noch weit vergänglicher sind als die Bücher, über die sie urteilen.“ Und rät zur Langmut. Die Schottin A. L. Kennedy ruft zum Angriff und lacht schon jetzt über die Zimperlichkeit der angegriffenen Rezensenten: „Ich finde es witzig, daß Leute, die die Werke von Autoren in aller Öffentlichkeit auseinandernehmen, plötzlich ganz empfindsam reagieren, wenn ich mit meinem kleinen stumpfen Buttermesser auf sie zeige.“

So stumpf und klein ist das Buttermesserchen allerdings nicht. Es wird mit dem Florett gefochten. Oder mit der Faust. Es ist eine einmalige Gelegenheit. Die haben die zweiundzwanzig gut genutzt.

Quelle: F.A.Z., 15.10.2005, Nr. 240 / Seite 35
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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