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Literatur Haben Sie ein Gespür für Gott, Herr Høeg?

29.01.2007 ·  Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ machte ihn berühmt. Doch dann, 1996, verschwand Peter Høeg plötzlich. Nun ist er wieder da: ein Gespräch über den Schriftsteller als Bergführer und Høegs neuen Roman „Das stille Mädchen“.

Von Felicitas von Lovenberg
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Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ machte ihn berühmt. Doch dann, 1996, verschwand Peter Høeg plötzlich. Gerüchte von Séancen auf Jütland machten die Runde. Bis der Däne sich im letzten Herbst zurückmeldete - mit einem Roman. In wenigen Tagen erscheint „Das stille Mädchen“ in deutscher Übersetzung. Wir treffen uns in einem Münchner Hotel. Peter Høeg trägt beige Cargohose und grauen Pulli und besteht darauf, deutsch zu sprechen. Außerdem möchte er geduzt werden.

Du warst zehn Jahre verschwunden; selbst dein dänischer Verleger soll zeitweise nicht gewusst haben, wo du warst. Als du weggegangen bist aus Kopenhagen, wusstest du da, ob du je wieder ein Buch schreiben würdest?

Ich wusste, dass ich dieses Buch schreiben musste. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben. Der Prozess hat lediglich sehr lange gedauert.

Woran lag das?

Ich glaube, dass dieses Buch als Projekt groß ist, ganz egal, ob man es mag oder nicht. Und für eine lange Reise braucht man einfach mehr Zeit als für eine kurze. Das könnte ein Grund sein. Und: Ich habe selbst das Gefühl, dass ich in meinen früheren Büchern ein bisschen in Spirale, in Kreisbewegungen geschrieben habe, ohne wirklich voranzukommen. Eine vertikale Veränderung zu erreichen dauert länger, es ist viel einfacher, horizontal voranzuschreiten.

Es ist leichter, in die Breite zu gehen als in die Tiefe?

Ja, genau.

Wie äußert sich das im Buch?

Kaspar Krone, die Hauptperson, ist im Dialog mit dem Weiblichen. Ich glaube, wir möchten alle ganze Menschen sein, und für mich heißt es, dass man Kontakt mit dem anderen Geschlecht in sich selbst hat, ebenso wie man auch als Erwachsener mit dem Kind in sich die Verbindung suchen sollte. Das versuche ich in meinen Büchern. Vielleicht hat es auch mit meinem Alter zu tun. Ich bin jetzt fast fünfzig. Als junger Mensch fällt es einem schwer, die volle Kompliziertheit der Welt zuzulassen, und wenn man sich mit großen Fragen beschäftigt, dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern, Gott, der Möglichkeit von Transzendenz, Erwachsen- und Kindsein, dann gibt es in diesen Fragen viel Energie, und dann zerfällt die Welt allzu leicht in das Gute und das Böse. Hier eine Balance zu finden, diese Polarisierung auszuhalten, das hat mindestens für mich länger gedauert.

Wo hast du den Roman geschrieben? Du hast ja schon in vielen Ländern gelebt, auch in Afrika. Wo warst du denn nun in den letzten zehn Jahren?

Ich war viel in Jütland, aber nicht nur. Ich wohne auf dem Land, zwanzig Kilometer außerhalb von Kopenhagen. Zwar verbringe ich jedes Jahr eine gewisse Zeit zurückgezogen, in einem Retreat. Dort sind auch große Teile des Buches entstanden. Aber meine Basis war immer mein Haus mit meinen Kindern, meiner Familie, bei Kopenhagen.

Warum hieß es dann, du seist verschollen gewesen? Es schien ja so, als seist du zu einer deiner eigenen Figuren geworden, Zentrum einer fast kriminalistischen Geschichte . . .

Die Mythologisierung von Personen ist ein medialer Vorgang, gegen den man machtlos ist. Wenn ein normaler Mensch beschließt, sich für einige Jahre ins Privatleben zurückzuziehen und sich seiner Familie zu widmen, regt das niemanden auf. Ich hatte einfach das Gefühl, ich will Zeit mit meinen Kindern verbringen und ich will dieses Buch schreiben, und ich will keinen Kontakt mit der Öffentlichkeit haben, weil das ja sehr anstrengend ist. Was ich getan habe, war ganz natürlich.

Wobei es hieß, du hättest 1996 auch deiner Familie den Rücken gekehrt. Als wäre damals ein Bruch erfolgt mit allem, was du vorher warst.

Das ist Blödsinn. Das hat mit der Wahrheit nichts zu tun.

Im Roman spielt das Verhältnis zwischen Vater und Kind eine große Rolle, eine Art intuitive Liebe, die selbst über große Distanz hinweg besteht. Spiegelt sich darin eigene Erfahrung?

Hier besteht die Gefahr der Verwechslung von Protagonist und Buchautor. Kaspar Krone ist ja kein Mensch, er ist eine Sprachmöglichkeit. Es gibt im Roman keine wirklichen Personen, es gibt nur Sprachen. Ich bin nicht Kaspar Krone, ich führe ein ganz anderes Leben, ich bin viel durchschnittlicher.

Wenn Figuren für dich Sprachmöglichkeiten sind, wie näherst du dich ihnen dann? Hattest du beim Schreiben eine unmittelbare Vorstellung vom Aussehen Kaspar Krones oder nur davon, wie er sich anhört?

Er ist ein reines Sprachgeschöpf. Viele Leser haben mir gesagt, dass sie beim Lesen Bilder sehen. Darum habe ich vor zehn Jahren, nach Bille Augusts filmischer Inszenierung von „Fräulein Smillas Gespür vor Schnee“, beschlossen, keine Verfilmungen meiner Bücher mehr zu erlauben. Dafür gab es mehrere Gründe, aber einer war, dass ich nicht möchte, dass der bildlichen Phantasie der Leser Grenzen gesetzt werden. Ist ein Film gelungen, dann brennen sich die Bilder ins Gedächtnis ein. Ich kann zum Beispiel den „Tod in Venedig“ nicht mehr lesen, ohne vor meinem inneren Auge die Bilder der Visconti-Verfilmung zu sehen. Ich möchte die Bilder meiner Bücher nicht derart festgelegt wissen, auch wenn ich sie selbst nicht sehe. Mein Medium ist Sprache.

Deine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Hast du den Eindruck, dass manches deiner Bücher in einem Land anders oder besser verstanden wurde als in einem anderen?

Ja. „Das stille Mädchen“ ist im vergangenen Herbst in Dänemark erschienen, und mir scheint, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen den Fragen, die mir dort gestellt wurden, und jenen hier. Der größte Unterschied betrifft die Religion: Im protestantischen Dänemark ist es provokant, nach der Möglichkeit von Transzendenz auch nur zu fragen. Das ist ein fundamentaler Unterschied etwa zu Deutschland. Hier scheint dieser Gedanke die Gemüter nicht zu erregen.

Das Buch fordert aber nicht nur auf, sich mit spirituellen Fragen auseinanderzusetzen, sondern auch, über das Alter nachzudenken.

Ja, aber wir müssen wieder zwischen mir als Person und dem Buch unterscheiden. Im Buch greift etwas Größeres, Kollektiveres als die Privatperson. Sprache gehört uns allen, es ist wie das Blut, das einen ganzen Körper verbindet. Das Buch strömt durch den Schriftsteller, gehört aber eigentlich allen. Als Privatperson ist mir das Alter wichtig. Die positive Seite ist die Reife, die Erfahrung, der immerfort sich vertiefende Kontakt mit sich selbst. Die andere Seite ist, dass die Zukunft immer kürzer wird. Ich habe nicht das Gefühl, ein älterer Mann zu sein, aber ich weiß objektiv, dass ich heute weniger Wahlmöglichkeiten habe als vor zehn Jahren. Der Tod ist realer geworden.

Du begreifst dein Schriftstellertum offenbar eher als Berufung denn als Beruf.

Kreativität verlangt Offenheit. Aber um diese Offenheit zu behalten und wenn möglich noch zu vergrößern, muss man Risiken eingehen. Man darf sich nicht einfach wiederholen, sondern muss sich immerzu verändern. Das ist auch eine Bürde und eine Anstrengung. Erst dann kommt die Auseinandersetzung mit dem Publikum. Ein Buch ist eine sehr langsam gestellte Frage. Man will andere Menschen erreichen damit. Und dann kommt vom Publikum eine sehr langsame Antwort. Und dieser Prozess, dieser Dialog mit sehr vielen Personen ist anstrengend.

Wie gehst du mit Kritik um? Verunsichert es dich, wenn ein Buch so abgelehnt wird wie jetzt „Das stille Mädchen“ in Dänemark?

Ich weiß nicht, ob es eigentlich nur ein Buch gibt. Jeder Leser ist einzigartig und seine jeweilige Lesart korrekt. Das ist Teil des Preises, den ich für meine kreative Offenheit bezahlen muss: dass ich im Kontakt mit vielen verschiedenen Lesarten bleiben muss und mich nicht allein für die positiven Auffassungen begeistern darf. Und ich habe, wie schon angedeutet, das Gefühl, dass dieser Strom, der durch mich, der durch alle läuft, die kreativ arbeiten - dass dieser Strom nicht mir allein gehört. Deshalb versuche ich, einen Teil der Energie, die zu mir kommt, weiterzugeben. Das macht es dann auch leichter, die negativen Dinge auszuhalten. Und wenn ich nicht die volle Verantwortung für das Buch halte, dann bin ich auch nicht allein zuständig für die Kritik, dann kann ich sagen: Das Buch passiert. Ich habe es zwar geschrieben, aber es ist eben auch etwas, was größer ist als ich.

Es ist dies kein leicht zu lesendes Buch. Denkst du beim Schreiben an den Leser?

Ich bin froh über diese Frage, denn sie berührt einen für mich wesentlichen Punkt. Ich komme mir vor wie ein Bergführer auf einem sprachlichen, erzählerischen Berg. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, in Kontakt mit dem kollektiven Bewusstsein zu stehen. Dann sage ich zum Leser: Jetzt machen wir eine sehr gefährliche Reise. Sie ist auch für mich sehr gefährlich. Ich bin der Bergführer, aber ich habe nicht viel mehr Erfahrung als du. Willst du mir folgen, auch wenn du weißt, dass ich mir nicht sicher bin? Dieses Zutrauen, dass ich den Leser überreden kann, mit mir auf diese Reise zu gehen, das habe ich tatsächlich. Aber wenn viele Leser sagen, wir gehen nicht mehr mit, dann muss ich beim nächsten Buch etwas ändern. Es nützt nichts, wenn man in den Himalaja geht und alle anderen im Tal bleiben. Dann ist etwas falsch, dann entsteht Einsamkeit.

Das Buch strotzt vor literarischen Anspielungen und hochspezialisierten Themen - Schneekristalle, Musik, Gehör. Es entsteht der Eindruck immensen Wissens. Wie arbeitest du, wie recherchierst du?

Es ist gefährlich für mich, diese Frage zu beantworten, weil das zum Geheimnis der Literatur gehört. Aber ich will es dennoch tun. Es ist Illusion. Ich weiß nicht viel. Ich bin nur Schriftsteller und habe nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Aber ich kann so tun, als ob ich etwas weiß. Wenn ich drei Steine habe, dann kann ich damit so tun, als sei es ein Haus. Es ist wie mit Kulissen im Theater oder im Film. Es ist nicht die Wirklichkeit, aber es sieht echt aus.

Liest du denn viel?

Ich las viel, als ich jünger war, aber in den letzten fünf, zehn Jahren haben meine eigenen Bücher so viel Aufmerksamkeit beansprucht, dass ich hauptsächlich Sachliteratur lese, die in Verbindung zu meinem eigenen Werk steht. Und ich lese die großen spirituellen Denker.

Bist du über literarische Vorbilder hinaus?

Sie haben in meinen früheren Büchern eine große Rolle gespielt, das waren alles direkte Dialoge mit Vorbildern. Das ist der einzig mögliche Lernprozess. Wir wachsen künstlerisch sehr langsam. Das ist das Normale. Mit den vier Büchern, die ich zwischen 25 und 35 geschrieben habe, habe ich mich davon befreit, scheint mir. Bei „Das stille Mädchen“ hatte ich das Gefühl, auf einem gigantischen Spielplatz voller sprachlicher Möglichkeiten zu sein, wo sich all die großen Schriftsteller tummeln. Aber das sind dann keine Vorbilder mehr, sondern Freunde.

Machst du jetzt erst wieder eine Pause, oder sitzt du schon am nächsten Buch?

Nein, ich mache eine Pause. Diesmal ist die Pause vielleicht noch wichtiger als zuvor. Mit diesem Buch bin ich nicht hundertprozentig zufrieden, das bin ich nie. Aber ich glaube, in der unendlichen Spirale bin ich der Wahrheit diesmal ein bisschen näher gekommen als früher.

Heißt das, du wirst bald wieder verschwinden?

Wer weiß?

Quelle: F.A.Z., 27.01.2007, Nr. 23 / Seite Z6
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