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Samstag, 18. Februar 2012
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Literatur Ein Rächer namens Reacher

07.10.2003 ·  Peter Olson, Vorstandsvorsitzender des Buchkonzerns Random House, ist Herr über eine Million Bücher pro Tag. Was aber liest der mächtigste Verleger der Welt selbst am liebsten? Die Antwort ist überaus irritierend.

Von Hannes Hintermeier
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Er hat gerade fünf Männer umgebracht. Ein Killerkommando, das ihn an die Wand nageln und verstümmeln wollte, weil es das immer so macht. Aber nicht mit ihm. Zwei erledigt er mit einem Totschläger, dem dritten schneidet er die Kehle durch, dem vierten rammt er ein Messer ins Gesicht, und dem Anführer reißt er beim Endkampf im Swimmingpool buchstäblich den Kopf ab. Kurze Zeit später antwortet er auf die Frage, wie er sich denn danach gefühlt habe, mit einer Gegenfrage: Wie man sich wohl fühle, wenn man Insektengift streue? Da haben wir ihn vor uns in seiner ganzen Pracht - Jack Reacher, seines Zeichens Serienheld in bislang sieben Romanen des amerikanischen Schriftstellers Lee Child.

Reacher ist ein Mann mit Unterarmen so dick wie bei anderen Männern die Oberschenkel. Eine hünenhafte Kampfmaschine mit hohem Intelligenzquotienten, Scharfschütze, Nahkampfexperte, dazu ausgebildet, renitente Marines und andere trainierte Killer zur Räson zu bringen. Ein hochdekorierter Held und ehemaliger Major der Militärpolizei, der nach dreizehn Dienstjahren rund um den Globus den ziellosen Wandervogel gibt. Hier und da nimmt er Gelegenheitsjobs an; seine Kleider wirft er in den Müll, wenn sie schmutzig sind. Ohne festen Wohnsitz streift er durch Gottes eigenes Land, in dessen Dienst er stets erfolgreich den harten Schädel hingehalten hat. In "Ausgeliefert" antwortet er auf die Frage, wer er sei: "Niemand." Seinen Bruder, den er jahrelang nicht gesehen hat, trifft er gleich im ersten Roman "Killing Floor" (1997) nach siebenjähriger Pause wieder - als bestialisch zugerichteten Leichnam.

Feines Tuch und Manieren

Peter Olson ist, was Auftreten und äußere Lebensumstände angeht, ziemlich genau das Gegenteil von Jack Reacher. Er ist Vorstandsvorsitzender des weltweit größten Buchkonzerns Random House, residiert nach einer Bilderbuchkarriere im Bank- und Buchwesen im Bertelsmann Tower in New York. Er spricht Russisch, Japanisch, Deutsch und einiges anderes, trägt feines Tuch über dem fitnessgestählten Körper, hat exquisite Manieren, eine glamouröse zweite Ehefrau, einen Chauffeur und ein schönes Einkommen. Und doch verbindet ihn mit Jack Reacher mehr, als man zunächst hätte annehmen wollen.

In einem Ende Juli erschienenen Porträt des "New York Times Magazine" schildert Lynn Hirschberg Olson als kaltblütig agierenden Manager, der etwa bei einem Rundgang über die Frankfurter Buchmesse dem Reporter erklärt, er erkenne hier Hunderte von Leuten - viele hätten für ihn gearbeitet, viele habe er persönlich gefeuert. Es seien so viele von ihm entlassene Leute hier, daß man eine Wiedersehensfeier organisieren könnte. Dann beschreibt Hirschberg ein Abendessen in New York mit Bestsellerautoren und Großbuchhändler, bei dem Olson enthusiastisch aufspringt, als sein Lieblingsautor Lee Child den Raum betritt. Child, so Hirschberg, sei der einzige Autor, den Olson persönlich zu Random House geholt habe, "Killing Floor" (auf deutsch unter dem Titel "Größenwahn" noch bei Heyne erschienen) zähle er zu den fünf wichtigsten Büchern von Random House, die er in den vergangenen fünf Jahren gelesen habe. Child, dem mit Olson eine Bücherweltmacht zu Füßen liegt, sagte denn auch artig, daß "Peter die Vorlage für Jack Reacher" sei. Darauf Olson ebenso artig: "Nun, er ist größer als ich."

Keine Botschaft, nur Plot

Man sucht bei Lee Child, einem Engländer, der lange Erfahrung als Produzent von Fernsehserien in seine amerikanische Wahlheimat mitbrachte, vergeblich nach Botschaft, Feinschliff oder Überbau. Der Plot allein zieht die Romane vorwärts, Nebensätze spendiert Child nur in Notfällen, Sentimentalitäten ebenfalls. Je steiler die Spannungskurve, desto weniger Zeit, dem Personal ins Herz zu schauen. Obwohl es Child weder in den Vereinigten Staaten noch in Deutschland auf den Bestsellerlisten nach ganz oben gebracht hat - dies war ihm nur in Bulgarien vergönnt -, ist er doch der Prototyp des kommerziellen Autors, mit dessen Produkten Peter Olson die Verwertungskette zu schmieren gedenkt. Hollywood steht in den Startlöchern. Bei uns bewirbt der katholische Weltbild-Versand Lee Childs neuen Roman "Tödliche Absicht" in einer Anzeigenkampagne.

Er habe einen "fröhlichen, starken, tüchtigen und unkomplizierten Helden schaffen wollen", vertraute Child dem Branchenblatt "Publishers Weekly" an. In einem Fernsehinterview, das Peter M. Hetzel kürzlich mit Child in New York führte, reiht der Autor seine Romane großzügig in eine Tradition ein, die bei der mittelalterlichen Queste beginne und mit dem Western noch lange nicht beendet sei. In Analogie zum Automobilbau gelte für Autoren das gleiche - einen Maybach könne doch jeder Konzern bauen, aber ein Erfolgsmodell wie den Golf zu entwickeln, das Millionen von Käufern anspreche, das sei die wahre Kunst.

In letzter Sekunde

"Er hat nie einen Mann erschossen, der nicht erschossen werden mußte", wird im Roman "In letzter Sekunde" eine Grabschrift zitiert, die Reachers uneingeschränkte Zustimmung findet. Aber selbst bei der einfachsten Form des Utilitarismus - Nutzenmaximierung als moralisches Prinzip zu jeder (Tat-)Zeit - würde man vergeblich suchen, um so eine simple Erstschlagstheorie, wie sie Reacher in Fleisch und Blut übergegangen ist, theoretisch unterfüttern zu können. Es sind die Gesetze des Dschungels und der Landstraße, denen Reacher folgt. Die bestehende Ordnung beziehungsweise ihre Gesetze definiert er von Fall zu Fall neu, und daß er gegen bestehendes Recht verstößt, interessiert ihn - den ehemaligen Vertreter dieser Gesetze - nicht im mindesten.

Verglichen damit, geht es im Buchgewerbe human zu. Selbst in jenem quälend langen Augenblick, als die New Economy wie ein brennender Engel zu Boden stürzte, ist nicht zur Waffe gegriffen worden. Daß mit anderen Mitteln aber ebenso unsanft exekutiert wurde, wie es Lee Child in seinen Romanen durchspielt, ist nicht von der Hand zu weisen. "Never forgive, never forget, never apologize": Diese Fanfare zu Childs Internet-Auftritt erinnert fatal an das neue Bild, das der mächtigste Verleger der Welt zuletzt öffentlich abgegeben hat. Daß es ihm persönlich bislang nicht geschadet hat, enttäuscht nur die, die auf irdische Gerechtigkeit setzen. Die Zentrale von Bertelsmann gibt ihrem Hire-and-fire-Experten Rückendeckung - auch wenn das Motto Reachers ("Als erster zuschlagen, kräftig zuschlagen, keine Gegenwehr zulassen") in dem an ein erschöpftes Ende gekommenen Fusionsverfahren mit der Heyne-Econ-Ullstein-List-Gruppe nicht bündig umgesetzt wurde.

Sanft - mit Knüppel

Irritierend ist nicht, daß Olson wie Millionen andere auch zur Entspannung Thriller wie die von Lee Child liest. Irritierend ist, daß er sich so explizit auf Reacher als seinen großen literarischen Helden beruft. Gewiß, die Zeit der pietistischen Erbauungsschriften, die Bertelsmann groß gemacht hat, ist längst Geschichte. Aber noch vor nicht allzu langer Zeit gefiel sich Olson in der Rolle des Intellektuellen, der stets seinen Musil, Kraus oder Dostojewski in der Jackentasche hat. Mit dem Image des in Originalsprache lesenden Kulturmenschen kam Olson als erster Amerikaner im Bertelsmann-Vorstand in der deutschen Presse gut an. Aber das Idyll ist nach einer Entlassungswelle ohnegleichen und einer Neuausrichtung Richtung Massenmarkt perdu. Olson selbst - Devise: "Sprich sanft, aber hab immer einen Knüppel dabei" - hat zuletzt zu oft den Reacher gegeben.

Oder ist am Ende Lee Child die verspätete amerikanische Antwort auf Dostojewski, sind die Jack-Reacher-Romane "Die Brüder Karamasow" mit anderen Mitteln? In "Tödliche Absicht" sinniert Reacher, der sonst jeglicher schöngeistiger Lektüre abhold ist, über den letzten Roman von Dostojewski, den er seinem Bruder einst zum Geburtstag nicht geschenkt hat - weil ihm das Buch zu brutal erschien. Reacher begründet dies ungewohnt feinfühlig: "Dostojewski hat seine Gefühle in einem Roman ausgedrückt. Ich besitze nicht sein Talent, deshalb will ich diese Verbrecher aufspüren und auf meine Weise begreiflich machen, daß sie sich auf einem falschen Weg befinden." Never forget, never forgive.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003, Nr. 232 / Seite 37
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