Home
http://www.faz.net/-gr0-apq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Literatur Die unreifen Verehrer amerikanischer Helden

Roth und Updike, Auster und Franzen: Deutsche Leser lieben amerikanische Schriftsteller. Doch die Neigung der Deutschen, amerikanische Autoren zu verehren, verrät sowohl Stolz auf die eigene Internationalität als auch Unwissenheit. Eine Polemik von Ralph Martin.

© ASSOCIATED PRESS Vergrößern Unkritische Heldenverehrung: Paul Auster ist in Deutschland ein Star

Gleich am Eingang der Berliner Buchhandlung Dussmann standen vor ein paar Wochen zwei Tische mit hohen, von Werbetafeln gekrönten Bücherstapeln. Bei dem einen handelte es sich um den letzten „Harry Potter“, bei dem anderen gleich daneben um Paul Austers neuestes Buch „Reisen im Skriptorium“. Einem Amerikaner erscheint dieses Nebeneinander sonderbar. Auster erreicht zwar gelegentlich die hinteren Ränge der amerikanischen Bestsellerlisten, doch „Reisen im Skriptorium“ ist dort nicht zu finden. Es ist ein schmaler Roman im Stile Samuel Becketts. Darin sitzt ein alter Mann namens Mr. Black allein in einem Zimmer und empfängt den Besuch von Figuren aus früheren Auster-Romanen. Als ich das letzte Mal nachsah, nahm das Original beim Internetbuchhändler Amazon.com Rang 29.645 auf der amerikanischen Verkaufsliste ein.

Offenbar liebt man in Deutschland amerikanische Highbrow-Bücher - und deren Autoren. Während meiner Arbeit im New Yorker Verlagswesen war ich immer wieder beeindruckt von der europäischen Begeisterung für ernste amerikanische Literatur. Wie ich in zwei Literaturagenturen erfuhr, für die ich Auslandsrechte amerikanischer Autoren verkaufte, verdient Paul Auster mit seinen Büchern in Deutschland und Frankreich sehr viel mehr als in Amerika. Dasselbe galt schon für Klassiker wie John Dos Passos und sogar J. D. Salinger. Große deutsche Buchhandlungen vermitteln einem Amerikaner so oft das Gefühl, er wäre zu Hause. Gleich am Eingang stößt man auf lauter Bücher von Richard Ford, Jonathan Safran Foer, Jonathan Franzen, Dave Eggers, John Irving und Jeffrey Eugenides, alle an prominenter Stelle plaziert. Aber was veranlasst eigentlich die Deutschen, so viele amerikanische Highbrow-Titel zu kaufen? Und was haben sie davon?

Mehr zum Thema

Universelles Lebensgefühl

„Ein universelles Lebensgefühl“ sei der Grund, weshalb die Deutschen Richard Ford läsen, meint die Berliner Literaturagentin Karin Graf. Bei den Salzburger Festspielen habe sie erst kürzlich beobachten können, dass Richard Ford und Jeffrey Eugenides von einem entzückten Publikum wie Rockstars gefeiert wurden. Tatsächlich ist die Welt Frank Bascombes, des Helden in Fords Romanen (siehe auch: Romanatlas: Richard Fords „Die Lage des Landes“), geprägt von der Spannung zwischen Selbstzufriedenheit und Katastrophe - ein scheinbar erfolgreiches Mittelschichtleben, bei dem gleich unter der Oberfläche das Chaos lauert. Ford verkörpert das amerikanische Ideal eines Universalismus, der seinen Ausdruck in regionaler Besonderheit findet. Flannery O'Conner hat das Ziel dieser literarischen Schule als den Versuch bezeichnet, „Mysterium durch Sitten zum Ausdruck zu bringen“.

auster2 © AP Vergrößern Sein Amerika ist ein Wunschbild der Europäer

Ein besonders populärer jüngerer Vertreter dieser Schule ist Jonathan Franzen, dessen Roman „Die Korrekturen“ sich auf beiden Seiten des Atlantiks großer Beliebtheit erfreute. Der Roman erzählt eine archetypisch amerikanische Geschichte: die Kämpfe innerhalb einer Familie, in der die Kinder vor ihren zu jeglicher Ironie und Verfeinerung unfähigen Eltern fliehen, auf der Suche nach Erlebnis und Exotik, ihr Leben lang von wirren Schuldgefühlen verfolgt - und alles dies vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Verfalls (siehe auch: Franzen, Jonathan: Die Korrekturen).

Europäisiertes Bild von Amerika

Doch im Club der „in Deutschland großen“ amerikanischen Schriftsteller sind Ford und Franzen, wie ich fürchte, die Ausnahmen und nicht die Regel. Oft drängt sich der Eindruck auf, dass die deutschen Freunde amerikanischer Highbrow-Literatur sich solche Autoren aussuchen, die ein fetischisiertes, europäisiertes Bild von Amerika zeichnen. Nur wenige ausländische Schriftsteller haben hier solchen kommerziellen Erfolg und solchen ästhetischen Einfluss wie Paul Auster, der bei seinen Lesern eine nahezu kultische Bewunderung genießt (siehe auch: Rezension: Mit Paul Auster auf Reisen).

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fernsehdokumentation „Fordlandia“ Was sucht der Mainzer Stadtschreiber am Amazonas?

Der Schriftsteller als Fernsehreporter: Peter Stamm erkundet als Mainzer Stadtschreiber mit dem ZDF ein altes brasilianisches Dschungelcamp. Und was hat das nochmal mit Mainz zu tun? Mehr

20.07.2014, 21:41 Uhr | Feuilleton
Zukunft der Verlage Amazons größter Feind heißt heute Amazon

Haben traditionsreiche Verlagshäuser überhaupt noch Chancen gegen den Netzgiganten? Ein Gespräch mit Daniel Kampa, Verleger von Hoffmann und Campe, über die Zukunft seiner Branche. Mehr

28.07.2014, 16:46 Uhr | Feuilleton
Zum Tod des Schriftstellers Joao Ubaldo Ribeiro Brasilianer in Berlin

Joao Ubaldo Ribeiro war ein genauer Chronist der Berliner Nachwendezeit und nicht zuletzt deshalb einer der bekanntesten brasilianischen Schriftsteller hierzulande. Jetzt ist er im Alter von 73 Jahren verstorben. Mehr

19.07.2014, 14:15 Uhr | Feuilleton