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Literatur : Die Mutmacherin: Zum Tode von Hilde Domin

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Hilde Domin, 1909 - 2006 Bild: dpa

Wenige Dichter sind von ihrem Publikum so geliebt worden: Zum Tod der großen Lyrikerin Hilde Domin, die im Exil ihre zweite Geburt erlebte und in die Sprache zurückkehrte.

          Es war ein langer Abschied, darin sich Trauer und Dankbarkeit durchdringen. Hilde Domin hat ein wahrhaft biblisches Alter erreicht. Es war ein wahrhaft gesegnetes. Gesegnet bis zuletzt, bis zum unerwarteten Tod der Sechsundneunzigjährigen am Mittwoch, durch Gesundheit und geistige Frische. Wer sie auch nur flüchtig kannte, staunte darüber, wie sie ihre, freilich spärlicher werdenden, Auftritte absolvierte, wie sie bei Diskussionen mithielt. Klar, pragmatisch und mit einer Vernunft des Herzens.

          Vor allem aber vergessen wir nicht, daß noch die Neunzigjährige einen Gedichtband vorlegte, der sie auf der Höhe ihrer Kunst zeigt. Sein Titel: „Der Baum blüht trotzdem“. Es war ein alt-junger Baum, der blühte und Früchte trug. Manche Zeilen in diesem wundersamen Spätbuch glimmen wie Phosphor, andere wirken frisch und grün.

          Ein Buch des Abschieds

          Kein Zweifel: Es war ein Buch des Abschieds. Des eigenen Abschieds, vor allem aber des Abschieds von dem, was ihr lieb war. Das schönste und anrührendste Gedicht steht gleich am Anfang. „Mein Herze“, beginnt es. Nicht: Mein Herz. Wann hat ein kleines e soviel Charme, soviel Zärtlichkeit entfaltet? So beginnt das erste von drei Abschiedsgedichten, die Hilde Domin ihrem 1988 gestorbenen Mann Erwin Walter Palm gewidmet hat: „Mein Herze / wir sind verreist / nach verschiedenen Weltteilen.“ Die Dichterin sieht sich als Eurydike: „Ich komme hinter dir her.“ Der Weggefährte ermahnt sie: „Langsamer, sagst du wie immer / ,Sei langsam'.“ Daran hat sich die Schreiberin gehalten.

          Die Dichterin im Jahr 1997

          Da wir bei Erwin Walter Palm sind, darf gesagt werden, daß er der erste Zeuge einer Geburt war, der wichtigsten im Leben Hilde Domins. Ihrer eigenen nämlich, ihrer Geburt als Dichterin. Das Paradox ist schnell aufgeklärt. „Ich habe ein Gedicht geschrieben“, mit diesem Satz überraschte Hilde Palm eines morgens ihren Mann, der allenfalls eine neue Übersetzung erwartet hatte und sagte: „Du schreibst keine Gedichte.“ Das war 1951, da war die eben geborene Dichterin schon über vierzig.

          Ein Dank an das Land

          Das Faktum selbst war vielleicht merkwürdiger als die Szene, in der es geschah. Es war im Exil, in Santo Domingo; und das Pseudonym Domin, unter dem Hilde Palm fortan ihre Gedichte schrieb, sollte ein Dank an das Land sein, das sie und ihren Mann aufgenommen hatte. Bereits im Oktober 1932 waren der Archäologiestudent Palm und die 1909 in Köln geborene Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts nach Italien gegangen. Die jungen Leute heirateten 1936, und die junge Frau promovierte im gleichen Jahr über die Staatstheorie der Renaissance.

          Dann aber begann, nach einem kurzen Englandaufenthalt, das eigentliche Exil, kamen die zwölf Jahre Santo Domingo, verbracht im Windschatten der Trujillo-Diktatur. 1954 kehrten die Palms nach Deutschland zurück, 1961 wurde Heidelberg der Ort von Leben und Arbeit. Hans-Georg Gadamer, der Freund, hat Hilde Domin die „Dichterin der Rückkehr“ genannt. Er durfte das tun, ohne politisch mißverstanden zu werden.

          Rückkehr in die Sprache

          Hilde Domins Rückkehr war eine Rückkehr in die Sprache. Wie prekär sie in den frühen Nachkriegsjahren war, zeigt der Titel ihres ersten Gedichtbandes „Nur eine Rose als Stütze“ (1959). Er wurde gleich ein außerordentlicher Erfolg. Wenige Dichter sind von ihrem Publikum so geliebt worden. Geliebt wegen der so zarten wie kräftigen Gedichte. Geliebt auch wegen der Art, wie die Autorin auf ihr Publikum zuging, freundlich und energisch zugleich. Hier gab es eine Autorin, die ihre Gedichte als magische Gebrauchsgegenstände begriff, „die, wie die Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen“.

          Hilde Domins Gedicht ist nie wirklich schwierig, keines aber ganz ohne Geduld zu lesen. Ihre Lyrik hob in glücklichen Momenten die Unvereinbarkeit von Artistik und Engagement auf. Das zeigen die „Gesammelten Gedichte“ von 1987, das zeigt der Abschiedsband „Der Baum blüht trotzdem“. So wuchs über die Jahre der Ruhm, wurde die Dichterin in viele Sprachen übersetzt und durch viele Preise und Auszeichnungen geehrt.

          Eine starke Ruferin

          Anläßlich des Roswitha-Preises der Stadt Gandersheim hat die Dichterin die Namenspatronin „eine starke Ruferin“ genannt. Natürlich war das auch in eigener Sache gesprochen. Hilde Domin hat sich nie gescheut, Position zu beziehen, einzugreifen. Auch da, wo es gewagt oder nicht eben opportun war. In ihren Essays ignorierte sie die Spartentrennung in Poesie und Politik, Autobiographie und Wissenschaft. Sie ließ in dem Band „Doppelinterpretationen“ (1966) Lyrikkenner und Autoren zugleich auftreten; und 1968 verteidigte sie in den Essays „Wozu Lyrik“ die Poesie gegen ihre Abschaffer.

          „Von der Natur nicht vorgesehen“ (1974) brachte Autobiographisches, darunter auch die Schilderung ihrer literarischen Anfänge. Ein späterer Band sammelt Arbeiten „aus und über Deutschland“, unter anderem ihre Römerberg-Rede von 1978. Hier bezeichnete sie die Bundesrepublik als den „gutartigsten Staat“, den es seit Hermann dem Cherusker auf diesem Territorium gegeben habe. „Aber die Hoffnung“ - der Titel des Bandes könnte über ihrem gesamten Werk stehen. Es ist ein vielschichtiges „Aber“ - eines der Hoffnung, doch auch des Zweifels.

          All das - die Poesie und ihre Zurufe - werden die Leser Hilde Domins nicht vergessen. Vor allem aber wird uns ihre noble wie zarte Gestalt in Erinnerung bleiben. Hilde Domin war eine große Mutmacherin. In einem ihrer späten Gedichte beschwört sie sich und uns zugleich, nicht müde zu werden. Wir sollen vielmehr, heißt es da, „dem Wunder / leise / wie einem Vogel, / die Hand hinhalten“.

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