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Literatur : Die Modernität des Martin Mosebach

Verwirrt die Fronten: Martin Mosebach Bild: ddp

Martin Mosebachs Rede zur Verleihung des Büchner-Preises hat polarisiert wie seit langem keine Schriftstellerrede mehr. Die Kritiker scheint dabei vor allem die Tatsache zu verwirren, dass Mosebach nicht in das öffentliche Generationenbild passt.

          Man muss Martin Mosebach verteidigen, und zwar ebenso gegen manche seiner Liebhaber wie gegen das Gros seiner Verächter. Die Rede des Romanciers zur Verleihung des Büchner-Preises hat das öffentliche Gespräch in Bewegung gebracht, sie hat polarisiert wie seit langem keine Schriftstellerrede mehr. Aber seltsam: Sie hat auch zu einem neuen Schematismus geführt, dem die Romane Mosebachs nie zugerechnet werden konnten. Kritiker und Fürsprecher des „politischen“ Mosebach treffen sich oft in einem ästhetischen Punkt. Man lobt oder verwirft, je nachdem, das vermeintlich gefällige Erzählen. Da wird Mosebachs Stil schon zur neuen Mitte ausgerufen, als sei er bloß nachträgliche Politur von außen statt Ergebnis der Fülle, des erstaunlichsten erzählerischen Reichtums. So scheint man sich rechts und links vor allem darin einig zu sein, dass es sich um ein im Grunde harmloses Werk handelt; die einen freut's, und die anderen sehen eine verwerfliche Wiederkehr des Biedermeierlichen.

          Aber der wäre ein schlechter Katholik (und Romancier), der sich auf das idealisierte Selbstbild der Herrschenden verließe, seien es Bürger oder Könige, und in der Welt nicht auch größere oder kleinere Teufeleien wirken sähe. Mosebach ist katholisch, und mehr: Er gehörte mit dem Philosophen Robert Spaemann zu den Köpfen, die sich in ihrer Kirche für die Wiederzulassung der alten Messordnung einsetzten. Man übertreibt wohl nicht, wenn man feststellt, dass seine Streitschrift gegen die „Häresie der Formlosigkeit“ zu den geistigen Kräften gehörte, die im Sommer dieses Jahres zum „Motu Proprio“ Benedikts XVI. führten.

          Majestät des Absurden

          Spricht da bei der Kritik an Mosebach nicht auch ein wenig der Neid mit, dass einer, dem man es nicht zutrauen will, von der Moderne, die ja vieles gewesen sein mag, nur nicht rationalistisch, mehr versteht, dass er sie besser kennt, tiefer von ihr getroffen wurde als die Gegenpartei, die glaubt, alles künstlerisch Avancierte für sich allein gepachtet zu haben und auf ewig verwalten zu können? Gibt es denn heute einen Autor, der mehr vom Surrealismus gelernt hätte, von diesem eigentlichen, rabiaten und heroischen Aufstand gegen die romanisch-katholische Welt, als dieser Freund des Papstes? Und wer vor ihm - Paul Celan einmal ausgenommen - hätte in einer Rede zum Büchner-Preis der Majestät des Absurden so gehuldigt wie dieser Königstreue?

          Vor allem aber: Mit Mosebach lässt sich kein Staat machen, auch kein neubürgerlich aufgepeppter Überbau der Berliner Republik. Dass seine Figurenwelt dem Bürgertum entstammt, sagt rein gar nichts darüber aus, wie es diesen Menschen dann in der Wirklichkeit der Romane ergeht - in der sie nämlich auf geradezu aberwitzige Weise scheitern oder sich verfangen. Mosebach ist in Wahrheit viel eher ihr ironischer Chronist als ihr Anwalt vor dem Forum der Geschichte. Um einmal die Klassiker zu bemühen: Dass Goethe die „Wahlverwandtschaften“ mit dem Porträt eines Barons beginnt, macht ihn noch nicht zu einem Autor der „neuen Feudalität“, so wenig wie Robert Musils Ulrich, der „Mann ohne Eigenschaften“, schon durch seine gute Herkunft vor dem historischen Absturz gesichert ist.

          Er verwirrt die Fronten

          Es mag für die Schwierigkeiten der Kritik mit diesem Autor noch einen anderen Grund geben. Im öffentlichen Generationenbild der Bundesrepublik ist einer, der wie Mosebach 1951 geboren wurde, schwer unterzubringen, man hat für ihn kein Passwort, das den Zugang erleichtern würde. Er verwirrt die Fronten. Kaum ist der „Reaktionär“ gesichtet, da verblüfft er mit einem Bekenntnis zu Daniil Charms, dem in Leningrad verhungerten Großmeister einer absurden Avantgarde. Gerade noch die Maler des Ancien Régime preisend, analysiert er am nächsten Tag die Bildhauerkunst von Alfred Hrdlicka und erklärt die Dichtungslehre von Peter Hacks.

          Das alles ist für einen grobgestrickten Generationen- und Ideologiediskurs, der die Achtundsechziger kennt und dann vielleicht gerade noch die Neunundachtziger, wohl der wahre Skandal. Wollte man Mosebach unbedingt zum Sprecher eines Kollektivs machen, dann wäre er der Wortführer jener in den sechziger Jahren Herangewachsenen, für die alle Reformrhetorik nicht mehr den erhofften Neubeginn bedeuteten konnte, sondern nur noch das aktuellste Gesicht des Herrschenden und Geltenden. „Moderne“ wurde in einer betonierten Version überliefert - ausgeschlossen war es, sich mit ihr zu identifizieren.

          Für Mosebach wurde das sichtbar an den Folgen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aber selbst die Tradition, in deren Namen er gegen die Kirchenreformer auftritt, ist reicher, nuancierter und viel weniger gradlinig, als man glauben könnte. Gibt es denn einen Schriftsteller, der dem Orient - der Türkei, Indien, Kairo und dem einheimischen am Baseler Platz in Frankfurt - in seinem Werk mehr Raum gegeben hätte? Dies ist auf einer geraden Linie, die von links nach rechts führt, kaum zu verrechnen. Zum Glück nicht nur des Lesers.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

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