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Literatur-Debatte : Darauf eine Kronauer!

Bild: dpa

Die Gegenwartsliteratur steht unter dem ständigen Vorwurf, zu angepasst zu sein. Sie müsse wieder von echten, wilden Geschichten ihrer Autoren zehren, heißt es. Literatur aber muss gar nichts! Schon gar nicht authentisch sein.

          Eines fällt auf bei der laufenden Diskussion über Gegenwartsliteratur: Unter dem Deckmantel einer soziologischen Bildungsdebatte um Herkunft und Chancengerechtigkeit werden der Literatur ästhetische Korsette von anno dazumal aufgezwungen. Dem Vorwurf, die neue deutsche Literatur sei zu langweilig und zu brav, wird als Wunschbild eine Literatur gegenübergestellt, die wild, roh, von der Straße, näher am Leben ist.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Beklagt wird allenthalben die Erfahrungsarmut heutiger Schriftsteller: Sie war die Grundlage für Florian Kesslers Behauptung in der „Zeit“, junge Bürgerkinderliteraten lebten wie die Maden im Speck und hätten, wie Enno Stahl in der „taz“ sekundierte, „nichts erlebt“ und daher nichts zu erzählen. In Maxim Billers Beitrag aus der „Zeit“ vergangener Woche fiel es dann endlich, das Stichwort: Während er die „leblosen, unehrlichen, indirekten, in tyrannischer Deutschunterricht-Tradition erstarrten Geschichten“ schmäht, vermisst er die „wilden, ehrlichen, bis ins Mark ethnischen und authentischen“.

          Es geht also, wieder einmal, um Authentizität, ein Wort, das kaum noch für Werbeprospekte taugt, ein totgerittenes Pferd der Literaturkritik. Es ist der Wiedergänger des kaum noch fassbaren Realismusbegriffs und zahlreicher Debatten um diesen, im Feuilleton zuletzt vor gut zehn Jahren: In einem „Positionspapier“ forderten seinerzeit die Schriftsteller Matthias Politycki, Thomas Hettche, Michael Schindhelm und Martin R. Dean den „relevanten Realismus“.

          Literatur darf gehoben sein

          Was der Einforderung von Authentizität oft anhaftet, ist eine gleichzeitige Verurteilung des gehobenen Stils und latente Kunstfeindschaft. So ätzten noch die „relevanten Realisten“ gegen „Pseudoavantgarde“ und „Berührungsängste der Sprachartisten“ mit der Wirklichkeit. Bei Biller heißt es: „Wir müssen immer nur in den einfachsten Worten, die wir kennen, über die Menschen sprechen, wie sie wirklich sind.“ Das erinnert an naturalistische Manifeste wie an das Diktum des Historikers Leopold von Ranke, man müsse erzählen, „wie es eigentlich gewesen“ ist.

          Das muss die schöne Literatur aber nun gerade nicht, und sie darf auch andere als nur die einfachsten Worte verwenden. Das genus humile mag ein interessantes Stilmittel sein, aber als einziges Register sollte man es der Literatur dann vielleicht doch nicht aufzwingen – es sei denn, man verfolgt eine klare Agenda, die Literatur als Politik mit anderen Mitteln betrachtet. Genau dazu bekennen sich Kessler und Stahl auch mehr oder weniger offen.

          Den Vogel aber schießt Biller mit einer Formulierung ab, die man von ihm gar nicht erwartet hätte: „Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie.“ So rührend es ist, dass sich der Autor der legendären Kolumne „100 Zeilen Hass“ heute im Genre des Klappentext-Kitsches betätigt, so vehement wird man darauf beharren dürfen, dass Poesie zwar Wahrheit im Sinne einer Beglaubigung durch außersprachliche Tatsachen nicht ausschließt, aber sich grundsätzlich um diese gar nicht zu scheren braucht.

          Graben zwischen Realismus und Formalismus

          Erfahrungsarmut korreliert eben nicht zwangsläufig mit solcher in literarischen Texten – noch nie etwas von Imaginationskraft gehört? Gerade die größten, oft zu einer Dachkammerexistenz verurteilten Schriftsteller bauten darauf. Und, um Gegenwartsautoren zu nennen: Weder Reinhard Jirgl noch Georg Klein waren auf dem Mars, haben aber trotzdem jüngst relevante Romane darüber geschrieben.

          Müssen wir also wirklich noch einmal den alten Graben zwischen Realismus und Formalismus, zwischen angeblicher Authentizität und angeblich weltfremdem Schreiben wieder aufreißen? Und muss man die Literatur immer wieder in den Schatten von neuen Filmen und Serien stellen, weil diese angeblich so viel „welthaltiger“ seien, anstatt die Möglichkeiten zu preisen, welche die Sprache dem visuellen Medium voraushat?

          Nichts gegen einen guten Reportageroman von der Straße, aber seine Wildheit darf ruhig übertrieben, erlogen oder karnevalisiert sein. Ehrlichkeit ist eine Tugend, die man eher bei Menschen als bei Romanen schätzen kann. Maximen für Literatur sollten nicht klingen wie aus dem Reportageseminar für Journalisten, und es ist ärgerlich, wenn damit auch noch Front gegen gute Schriftseller gemacht wird. Gelegentlich ein bisschen „kalter Suhrkamp-Ton“, wie er etwa Biller schreckt, kann gar nicht schaden – oder sogar mal zur Erfrischung eine „eiskalte Kronauer“.

          Quelle: F.A.Z.

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