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Literatur Das Mysterium der Welt unter Tage

01.07.2004 ·  Ralf Rothmann ist auf dem besten Wege, zum Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur zu werden. In seinem Roman „Junges Licht“ läßt der Sohn eines Bergmanns das Ruhrgebiet als Ort der Poesie erscheinen.

Von Hubert Spiegel
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Ralf Rothmann ist auf dem besten Wege, zu einem Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur zu werden. Wie kein anderer Autor seiner Generation, der um 1950 Geborenen, versteht er es, eine bestimmte Region und die in ihr vorherrschende Mentalität einzufangen.

Rothmanns Terrain ist das Ruhrgebiet der Bergarbeiter und kleinen Leute. Aber noch wichtiger ist ihm ein Thema, das an keinen Ort und keine Zeit gebunden ist: Es ist das Ende der Kindheit, jene flimmernde, sich scheinbar endlos dehnende Phase des Übergangs, die doch im Handumdrehn vorüber ist. Rothmann beschreibt sie immer wieder mit unvergleichlicher Intensität. In den Schilderungen eines vor Leere und Langeweile schier berstenden Sonntagnachmittags erweist sich ein Meister zärtlicher Melancholie.

Zurück im Pott

Ein gutes Dutzend Bücher umfaßt Rothmanns Werk nun, angefangen mit dem Gedichtband "Kratzer" aus dem Jahr 1984, über die frühen Ruhrgebietsromane "Stier" (1991) und "Wäldernacht" (1994) bis zu den späteren, in Berlin spielenden Romanen "Milch und Kohle" (2000) und "Hitze" (2003). In seinem jüngsten Roman "Junges Licht", mit dessen Vorabdruck wir an diesem Freitag beginnen, kehrt Rothmann, der 1953 in Oberhausen als Sohn eines Bergmanns geboren wurde und seit 1976 in Berlin wohnt, ins Ruhrgebiet zurück.

Julian, der Ich-Erzähler, zwölf, fast schon dreizehn Jahre alt, lebt mit seinen Eltern und der kleinen Schwester Sophie im ersten Stock eines Bergmannshäuschen. Der Vermieter Gorny, ein Kumpel wie Julians Vater, wohnt im Erdgeschoß, seine Stieftochter Marusha, eine fünfzehnjährige Ruhrpott-Lolita, hat ein Zimmer auf Julians Etage und stattet den Mietern gern überraschende Besuche ab, mit Vorliebe dann, wenn Julian allein zuhause ist. Aber Marushas Blicken, ihren lackierten Zehennägeln und schnoddrigen Bemerkungen ist Julian noch lange nicht gewachsen.

Zielstrebige Kindfrau

Es liegt aber nicht nur an der zielstrebigen Kindfrau, wenn das kleine verdruckste Reihenhäuschen vom Keller bis zum Dachboden vor erwachender oder unterdrückter Sexualität vibriert. Der undurchsichtige Vermieter Gorny, Julians Vater, der gewissenhafte Rutschenmeister, der nicht gern über seine Kriegserlebnisse spricht, die gern und ausdauernd prügelnde Mutter des Ich-Erzählers, die mit geschminkten Lippen im Unterrock durch die Wohnküche stöckelt, die Zigarette im Mundwinkel - sie alle haben Sehnsüchte, Sorgen, Träume und Ängste, von denen Julian nichts weiß, aber vieles spürt.

Wie viele Figuren Rothmanns ist auch Julian ein Einzelgänger, der durch Stadtrandlandschaften in Essen, Oberhausen oder Duisburg streift, wo auf Trümmergrundstücken Stadtstreicher in Baracken hausen, herrenlose Promenadenmischungen herumstreunen und die Jungen der Nachbarschaft sich zusammenrotten und als "Kleekamp-Bande" die Gegend unsicher machen.

Vom Paradies zur Hölle

Was nach harmlosen Streichen klingt, kann unversehens und ohne jede Vorwarnung in nackte Gewalt umkippen. Auch darin zeigt sich Rothmanns großes Können: Julians Naivität und Kindlichkeit siedeln so dicht neben der Welt der Erwachsenen mit all ihrer Gewalt und Niedertracht, ihren Härten und Enttäuschungen, daß ein winziger Schritt genügt, um vom vermeintlichen Paradies in die vermeintliche Hölle zu geraten. Daß er selbst schon dort angelangt ist, wo er die anderen, die Erwachsenen, vermutet, muß der Ministrant Julian erfahren, als er stellvertretend für einen anderen dessen Sünden beichten will.

Die Katastrophe, auf die dieses Buch von der ersten Seite an zusteuert, bleibt nicht aus. Nicht unter und nicht über Tage. Denn während Julian erleben muß, wie seine kleine Familie und ihre Welt im Verlauf der Sommerferien in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, geschieht unter Tage ein Grubenunglück.

Stätte des Mysteriums

In sparsam in die Handlung eingestreuten Passagen wunderbarer Prosa erscheint die Welt der Stollen und Flöze tausend Meter unter der Oberfläche jedoch nicht als Ort dreckiger Maloche, sondern als Stätte des Mysteriums und der Poesie.

Und so klingt es, wenn Ralf Rothmann beschreibt, wie ein Bergmann den Abdruck eines prähistorischen Vogels in der Kohle findet, der zu feinstem Staub zerfällt, als er mit Sauerstoff in Berührung kommt: "Doch einen Moment hatte er etwas von der Kontur gefühlt, den zarten Krallen, und einen leisen Schreck bekommen - ähnlich dem, der einen durchfährt, wenn man mit den Fingerspitzen über die Rückseite eines Briefes streicht und dabei noch die Hand, ihren Druck, eines längst Verstorbenen fühlt."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004, Nr. 151 / Seite 37
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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