22.09.2005 · Der polnische Kriminalroman ist im Kommen: In seiner Breslau-Trilogie um einen zynischen Kommissar läßt der Schriftsteller Marek Krajewski die deutsche Vergangenheit der Stadt wieder lebendig werden.
Von Marta Kijowska, BreslauDas Haus liegt zwar zentral, doch von innen werden es nur wenige Einwohner Wroclaws kennen: Als Sitz des Instituts für Altphilologie ist es nur für einschlägige Kreise ein Ziel, und daß hier früher das deutsche Polizeipräsidium der Stadt untergebracht war, werden die meisten entweder nicht wissen oder kaum interessant finden. Für den Wissenschaftler und Autor Marek Krajewski hingegen ist beides von existentieller Bedeutung - weil das Institut seine Arbeitsstätte ist und weil in diesem Gebäude über weite Strecken jene drei Romane spielen, die ihn in den letzten Jahren zum erfolgreichsten Krimiautor Polens gemacht haben.
„Ich wollte schon lange ein Buch lesen, das in Breslau spielen und die Handlung eines Kriminalromans mit metaphysischen Elementen verbinden würde. Da es ein solches Buch nicht gab, beschloß ich, es selbst zu schreiben“, kommentiert der heute neununddreißigjährige Altphilologe sein Debüt, das er 1999 mit „Tod in Breslau“ gab. Als bisher einziges ist es auch 2002 auf deutsch als btb-Taschenbuch erschienen. Der Titel signalisierte das Genre, den Handlungsort und - da auch im Original der deutsche Namen der Stadt stand - daß es in der Vorkriegszeit angesiedelt sein würde.
Krimi und Psychothriller
Genaugenommen spielt der Roman in den Jahren 1933/34 und ist eine gelungene Mischung aus Krimi und Psychothriller. Die Handlung, die mit einem grausamen Verbrechen einsetzt - eine junge Baronesse und ihre Gouvernante werden vergewaltigt und erschossen aufgefunden, und im Inneren ihrer aufgeschlitzten Leichen kriechen Skorpione umher -, ist voller Rätsel. Vor allem aber fesselt das Buch durch seine Hauptfigur, den Kriminalrat Eberhard Mock, einen Bonvivant, Zyniker und Säufer, der weder brutale Verhörmethoden noch zweifelhafte erotische Eskapaden scheut.
Mit seiner dehnbaren Moralauffassung befindet er sich in bester Gesellschaft. Schauplatz des Geschehens ist nämlich ein Breslau, das es bis dato in der Literatur nicht gegeben hatte: das Breslau des beginnenden Faschismus, in dem nicht nur politische Karrieristen, sondern auch allerlei Gauner, Spekulanten und Profiteure ihr Spiel treiben. Erpressung, Intrigen, Sexskandale, Drogenhandel, Alkoholexzesse, geheime Sekten: all das setzte sich zu einer dichten und düsteren Atmosphäre zusammen, in der ein Mord nur die natürliche Konsequenz des allgemeinen Verfalls zu sein schien. Ihr morbides Klima behielt die Stadt selbst dann, als Krajewski in seinem nächsten Buch, „Weltuntergang in Breslau“ (2003), die Handlung in die „goldenen“ zwanziger Jahre zurückverlegte. Auch diesmal bewegte sich sein Kriminalrat Mock durch eine Stadt voller dunkler Straßen, schmutziger Bordelle und billiger Spelunken, in der klare Grenzen zwischen Verbrechern und ehrbaren Bürgern nur selten auszumachen waren.
Düstere Metaphysik
Spätestens seit diesem zweiten Roman, der in Polen zum besten Krimi des Jahres gekürt wurde, gilt Krajewski als ein Star anspruchsvoller Unterhaltungsliteratur. Die von ihm geschaffene Verbindung des Schauplatzes Breslau und einer düsteren Metaphysik hat es zwar eigentlich schon vor ihm gegeben: Olga Tokarczuk hatte sie beispielsweise schon in ihrem Roman „E. E.“ (1995) hergestellt, der im Breslau der Jahrhundertwende spielt und zur Hauptfigur ein fünfzehnjähriges Mädchen mit übersinnlichen Fähigkeiten hat. Und auch die Behauptung eines deutschen Kritikers, Krajewski sei der Begründer des polnischen Großstadtkrimis, trifft nicht ganz zu. Den erfolgreichsten Roman dieser Art hat bereits in den fünfziger Jahren ein gewisser Leopold Tyrmand geschrieben. Sein Buch hieß „Der Böse“ und bot außer einer spannenden Handlung ein völlig neues Bild des stalinistischen Warschau, das plötzlich nicht als Bastion des Proletariats, sondern als Eldorado der Betrüger, Gassenjungen und Zuhälter erschien.
Für Krajewskis Bücher haben die polnischen Rezensenten ohnehin einen anderen Begriff erfunden: Sie nennen sie gern „Retro-Krimis“, und die Bezeichnung soll gleich als zweifaches Zeichen der Anerkennung gelten - für den glücklichen Einfall, das alte Breslau wiederzubeleben, und für den Versuch, dem polnischen Kriminalroman, der eine auffallend kurze Tradition hat, eine neue, originelle Note zu geben.
Szczypiorski als Maurice S. Andrews
Die bisherige Dürre bedeutet nicht, daß das Genre früher keine Leser gefunden hätte. Im Gegenteil, schon Ende der fünfziger Jahre hatte eine Krimireihe mit dem Titel „Klub des silbernen Schlüssels“ einen enormen Erfolg. Es erschienen darin vor allem westliche Klassiker, Agatha Christie oder Edgar Wallace etwa, doch der zuständige Verlag hatte auch die Erlaubnis, Werke polnischer Autoren herauszubringen, was diese sich in jenen Zeiten nicht zweimal sagen ließen. Und da die gängige Meinung besagte, daß die Handlung eines Kriminalromans in angelsächsischen Realien spielen mußte, paßten sie sich diesen Anforderungen schnell an und legten sich obendrauf englische Pseudonyme zu. Schließlich mußten die Leser nicht unbedingt wissen, daß hinter dem Namen Maurice S. Andrews ein gewisser Andrzej Szczypiorski steckte, den man sonst - damals - als Autor braver Reportagen über die Helden der sozialistischen Arbeit kannte.
All das gehört längst der Vergangenheit an, und der polnische Kriminalroman ist inzwischen sichtlich im Kommen. Vielleicht spornt auch das Marek Krajewski an, seinen Breslau-Zyklus möglichst bald zu vollenden. Vor einigen Wochen hat er jedenfalls den dritten Teil, „Gespenster in Breslau“, vorgelegt, dessen Handlung im Jahre 1919 spielt und erneut von Eberhard Mock getragen wird. Er ist zwar um einiges jünger und hat erst den Rang eines Kriminalassistenten, ansonsten aber ist er genauso exzentrisch, zynisch und gerissen wie in den früheren Teilen.
Genauigkeit und Liebe zum Detail
Die Arbeit eines Altphilologen erfordert Genauigkeit und Liebe zum Detail. Und diese Eigenschaften legt Krajewski auch als Krimiautor an den Tag: Anhand alter Zeitungen, Briefe und Dokumente zeichnet er ein topographisch präzises Bild des alten Breslau, in dem weder Namen von Geschäften noch Auszüge aus Speisekarten damaliger Restaurants fehlen. Mit seiner Faszination steht er nicht allein da: Nach einem halben Jahrhundert, in dem ein merkwürdiger Zustand der Geschichtslosigkeit herrschte, scheint sich Wroclaw endlich mit seiner Vergangenheit auszusöhnen.
Dieses neue Selbstbewußtsein können auch die heutigen deutschen Besucher erleben; an der Verwendung deutscher Namen nimmt hier niemand mehr Anstoß. Wenn nächstes Jahr der letzte Teil der Tetralogie erscheint, wird es die Polen kaum stören, daß er am Ende des Zweiten Weltkriegs spielt. Wroclaw hat seine Geschichte wiedergefunden und bedarf keiner Mythen mehr. Mit der Tatsache, daß es einmal Breslau war, kann es gut leben. Schön, daß ein polnischer Autor die deutsche Vergangenheit der Stadt wieder lebendig werden läßt; um so erfreulicher wäre es, wenn sich auch der deutsche btb-Verlag zu weiteren Übersetzungen durchringen könnte.