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Literatur : Als Hitler den rosa Hummer stahl

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Die Bücher von James Krüss („Timm Thaler“) sind Klassiker der deutschen Jugendliteratur. Ein Gespräch mit seiner Schwester Erni Rickmers über die gemeinsame Kindheit, Helgoland und den Zweiten Weltkrieg.

          Mein Urgroßvater und ich“, „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“, „Timm Thaler“: Die Bücher von James Krüss (1926 bis 1997) gehören zu den Klassikern der deutschen Jugendliteratur. Die meisten schildern liebevoll das Leben auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland zwischen Hummerbuden und Badestrand. Krüss' Heimat wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Anschließend diente sie englischen Bombern als Übungsziel. Krüss ließ sich nach dem Krieg im Süden nieder. Seine Schwester Erni Rickmers, Jahrgang 1928, kehrte auf die Insel zurück und lebt dort noch heute.

          Frau Rickmers, Ihr Bruder James Krüss, der kürzlich achtzig Jahre alt geworden wäre, hat von 1948 an die Zeitschrift „Helgoland“ herausgegeben: für die Insulaner, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mußten. Wie war das, als Sie dann später wieder nach Helgoland kamen?

          Ich fand das nur schön. Ob das kaputt war, war uns allen egal. Es war ein herrliches Gefühl von Freiheit.

          Ihr Onkel lieferte Hitler Hummer: Erni Rickmers

          Wie hat James Krüss diese Rückkehr der Helgoländer empfunden?

          Er hat natürlich publizistisch dazu beigetragen, aber weil er schon in München lebte, fehlte es ihm am Kleingeld, um hierherzureisen. Seine Honorare flossen noch spärlich. Wir haben ihn damals wenig gesehen.

          Er ist ja dann mit seinen Helgoland-Büchern bekannt geworden ...

          Einmal Insulaner, immer Insulaner.

          Und auf einmal kannte jeder die Insel.

          Wir haben das ganz gelassen genommen. Man neigt hier eigentlich wenig zum Enthusiasmus.

          Warum hat sich Ihr Bruder dann 1965 auf eine ganz andere Insel zurückgezogen, auf Gran Canaria?

          Er wurde sehr schnell sehr populär, da hat ihm sein Verleger geraten, auf Reisen zu gehen. Er hat sich dann auch ein Auto zugelegt, ohne je fahren zu lernen. Er kam bis Gran Canaria, brachte aber dort das Auto nicht durch den Zoll, weil er sich weigerte, Schmiergeld zu zahlen. So blieb er erst mal da und lernte einen deutschen Architekten kennen, der ihm ein Haus im Landesinneren verkaufte. Er war allerdings auch zuckerkrank, und das Klima dort tat ihm gut.

          Sein Talent zum Erzählen hat Ihr Bruder selbst oft als „Schwindeln“ bezeichnet. Wann haben Sie gemerkt, daß man seine Geschichten nicht unbedingt glauben mußte?

          Schon als Kind - er hatte eine lebhafte Phantasie. Wir hatten aber eigentlich keinen engen geschwisterlichen Kontakt. Er war halt mein älterer Bruder, weiter nichts, und bei uns ging jeder seine eigenen Wege. Später wurde die Verbindung dann enger.

          Ich habe gestern hier auf Helgoland eine Bunkerführung mitgemacht. Dabei wurde uns auch ein Schulraum gezeigt.

          Wir saßen oft im Bunker. Wenn nachts Alarm war, brauchten wir am nächsten Tag erst eine Stunde später zur Schule. Manchmal hat der Lehrer auch im Bunker versucht, uns weiter zu unterrichten. Helgoland lag ja im Einfluggebiet, und alle Häuser hatten sich - der Himmel weiß, wie! - mit Funk versehen und hatten den den ganzen Tag laufen. Da wurde jede Bewegung der feindlichen Bomber durchgegeben. Und wenn man dann hörte, daß die kommen, fingen die Hausfrauen schon an, das Essen beiseite zu stellen und den Koffer zu holen. Wenn die Alarmsirene ertönte, waren wir häufig schon fertig zum Start.

          Wie haben Sie die Angriffe erlebt?

          Das war schlimm. Die allerersten Bomben des Krieges fielen auf Helgoland, da wurden schon 1939 welche auf das Nordostgelände geworfen. Im Mai 1941 sind sie dann im Tiefflug über die Insel gezogen, haben Brand- und Sprengbomben geworfen und auf die laufenden Menschen geschossen. Es hat viele Opfer gegeben. 1945, beim großen Angriff, hatte mein Großvater gerade eine Pfanne mit Schollen auf dem Herd. Die wollte er noch zu Ende braten. Man hat später keine Spur mehr von ihm und meiner Tante gefunden.

          Und Sie?

          Ich war beim Angriff 1941 mit meinem Bruder Detlef gerade beim großen Leuchtturm, Karnickel angucken - ich war fast dreizehn Jahre alt, er knapp drei. Da spielten Jungs auf einer Mauer Soldat, mit Stahlhelm und Holzgewehr, was man halt im Krieg so macht. Auf einmal hüpften die von der Mauer und riefen Der Tommy kommt, und ich dachte, das gehört zum Spiel, schaute aber vorsichtshalber noch zur Signalstation und sah die Alarmflagge. Ich klemmte mir meinen Bruder unter den Arm und rannte in die Kaserne - der Luftdruck einer Bombe schleuderte uns die letzten Meter in den Keller. Beim zweiten Angriff lag ich mit einer Mandelentzündung im Bett. Ich ging ans Fenster und sah, wie das Haus gegenüber in die Luft flog. Vorher sah ich noch das Flugzeug und das Gesicht des Piloten. Das könnte ich heute noch malen.

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