01.03.2006 · Stegreiftheater aus einer Zeit, als das Fernsehen noch geholfen hat: Das „Literarische Quartett“ gibt es nun in Buchform - ein Gesprächsprotokoll von rund zweitausend Seiten.
Von Hubert SpiegelWas für ein bescheidener Anfang war das doch damals, im März vor achtzehn Jahren, als die erste Folge einer neuen Literatursendung ausgestrahlt wurde. Sie galt, wie manches, was ihr Urheber angepackt hatte, als Unternehmen ohne Überlebenschance, eine Totgeburt. Sie wurde, wie manches andere, was ihr Urheber angepackt hatte, zu einer Institution, die früh mit dem Legendenstatus liebäugelte.
Hören wir den allerersten Satz, ausgesprochen am 25. März 1988 im Zweiten Deutschen Fernsehen: „Meine Damen und Herren, dies ist keine Talkshow. Was wir Ihnen zu bieten haben, ist nichts anderes als Worte, Worte, Worte, 75 Minuten lang Worte und, wenn es gutgeht - es ist ein Ziel, auf das innigste zu wünschen -, vielleicht auch Gedanken.“
Gespielter Kleinmut
Die Boulevardisierung des Fernsehens und unserer Öffentlichkeit kündigte sich damals erst zaghaft an, aber die Sendung galt von Anfang an als Wagnis. So klang Marcel Reich-Ranickis Einleitung alles andere als euphorisch, nicht sehr siegessicher, nicht einmal sonderlich selbstbewußt. Aber der Kleinmut war gespielt. Es folgte ein Triumphzug: siebenundsiebzigmal Worte, Worte, Worte, siebenundsiebzigmal Gedanken, Einsichten und Erkenntnisse, Pointen und Kalauer, respektlose und respektvolle Bemerkungen, Sottisen, Seitenhiebe, Gefrotzel, Gemecker und Schmeicheleien, harsche Urteile, vergiftete Komplimente und die warmherzigsten Liebeserklärungen; es wurde geschwärmt und gescholten, ausgeteilt und eingesteckt, und dies alles gehorchte einer Dramaturgie, die die fortwährende Rebellion gehen diese Dramaturgie und ihren Dramaturgen nicht nur vorhergesehen, sondern als tragendes Element von vornherein fest eingeplant hatte.
Jetzt kann man all das in Ruhe nachlesen. Denn sämtliche Folgen des „Literarischen Quartetts“, ausgestrahlt zwischen dem 25. März 1988 und dem 14.Dezember 2001, wurden transkribiert und sind jetzt in einer dreibändigen Ausgabe in Buchform erhältlich: Gespräche über 375 Buchtitel, von Andrzej Szczypiorskis „Schöner Frau Seidenmann“ bis zu Goethes „Werther“ („Das Literarische Quartett“. Directmedia, Berlin 2006. Drei Bände im Schuber, 1968 Seiten, geb., 49,90 Euro).
Im Grunde ist es nicht zu fassen: eine Fernsehsendung als Buch, ein Gesprächsprotokoll von rund zweitausend Seiten, auf denen nachzulesen ist, was einige Literaturkritiker vor etlichen Jahren im Fernsehen geredet haben. Wozu? Werden wir bald Mitschriften von „Wetten, daß...?“ oder „Der Bulle von Tölz“ im Buchhandel kaufen können? Wohl kaum.
Kritische Worte nicht vorgesehen
Diese Buchausgabe ist singulär, weil die Sendung, die ihr zugrunde liegt, singulär ist. Die erste Folge besprach damals Joachim Kaiser in dieser Zeitung, zum Abschied adelte Michael Krüger das „Quartett“ zu einer der „letzten kulturellen Sendungen von Rang“. Die Zeit hat dieser Einschätzung leider recht gegeben. Literatur kommt im Fernsehen heute fast nur noch in affirmativer Funktion vor, kritische Worte sind nicht vorgesehen, wenn man einmal davon absieht, daß Denis Scheck in seiner Sendung „druckfrisch“ die miesesten Bestseller mit der schönsten Grandezza in die Tonne wirft. Aber auch in diesem Fall ist die Geste wichtiger als das Argument. Gewiß, auch das „Literarische Quartett“ hatte Höhen und Tiefen, aber eine Sendung, in der auf diesem Niveau bei hohem Unterhaltungswert über Kultur gesprochen, gestritten, gelacht und gejammert würde, ist im deutschen Fernsehen weit und breit nicht zu sehen.
Man kann die drei Bände fast an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und liest sich sofort fest. Wie war der unerwartete Erfolg von „Der Name der Rose“ zu erklären? Wie lautet das vierte Gebot der Literaturkritik? (Du sollst den Namen Döblins nicht unnütz im Munde führen!) Warum attackierte Sigrid Löffler Reich-Ranicki, als er dem Klärchen in Goethes „Egmont“ eine Liebeserklärung machte? („Solche Klärchens haben Sie gerne, gell?“) Und warum nur behauptete Hellmuth Karasek anläßlich der Diskussion um Arundhati Roys „Der Gott der kleinen Dinge“, Inder seien eine Art Eskimos ohne Pelz?
Wie eine Screwball Comedy
Die besten Passagen lesen sich wie Dialoge einer Screwball Comedy. Die Transkription wurde behutsam bearbeitet, die Satzstellung zugunsten des Leseflusses gelegentlich korrigiert, aber die Dynamik des mündlichen Gesprächs blieb im Buch zum Glück erhalten. Reaktionen aus der Diskussionsrunde wie „Gelächter“ oder „Beifall“ stehen in eckigen Klammern im Text und lesen sich wie Regieanweisungen. Satzabbrüche und Gedankensprünge werden durch Gedankenstriche angezeigt. Und das Wichtigste: Passagen, in denen mehrere Teilnehmer gleichzeitig sprechen, sind durch Unterstreichungen gekennzeichnet. Unnötig zu sagen, daß es sehr viele Unterstreichungen gibt.
Wer das liest, wird sich fragen, ob das „Literarische Quartett“ überhaupt eine Fernsehsendung war. Es war mehr als das, nämlich literarisches Kabarett und Commedia dell'arte, Stegreiftheater in bester Tradition.