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Literarisches Leben Unser Literaturlabor heißt Frankfurt

 ·  Man darf nicht die Anzahl der Lyriker pro Quadratmeter messen: Suhrkamp kann noch so sehr auf Berlin setzen, wenn es um die literarische Kultur der Zukunft geht, ist Frankfurt die ideale Stadt. Ein Plädoyer des Schriftstellers Thomas Hettche.

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Dass ein Großteil der deutschen Schriftsteller – wie ich selbst vor einigen Jahren, wenn auch ungern – sich in Berlin angesiedelt hat, scheint mir für die Literatur zunächst einmal völlig belanglos und nichts anderem geschuldet als jener spezifischen Verbindung aus günstigem Wohnraum, geringen Lebenshaltungskosten und Hauptstadt-Bohei, die es erlaubt, an der Spree kommod über die eigene Bedeutung zu leben. Weshalb es denn auch sowohl den Verlagen immer schon herzlich gleichgültig war, wo ihre Autoren Wohnung nehmen, wie auch den Städten, die sie beherbergen, die Anzahl der Lyriker pro Quadratkilometer.

Ganz anders verhält es sich aber mit dem beschriebenen Netz zwischen Lesern und Büchern, denn hier verlässt man die Sphäre des symbolischen Kapitals. Und da hat mich sehr überrascht, wie wenig Beachtung in der Diskussion über die Umzugspläne des Suhrkamp-Verlages fand, dass in Frankfurt die Infrastruktur der Literatur dieses Landes in einer einzigartigen Konzentration versammelt ist: Zwei der überregionalen Zeitungen finden sich dort, mit S. Fischer, Schöffling, der FVA und anderen eine lebendige Verlagslandschaft, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Deutsche Nationalbibliothek und die Deutsche Buchhändlerschule, in Darmstadt der Literaturfonds und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, in Mainz die Akademie der Wissenschaften und Literatur; die weltweit wichtigste Branchenmesse trägt den Namen der Stadt, in der sie stattfindet; der Büchnerpreis, renommiertester deutscher Literaturpreis, wird in der Region vergeben und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels eine der wichtigsten kulturellen Auszeichnungen.

Schnell, modern, klug

Dass Berliner Kommentatoren Frankfurt durch den Weggang eines, wenn auch bedeutenden Verlages bereits in die literarische Bedeutungslosigkeit stürzen sahen, bestätigte alle Vorurteile über die Selbstverliebtheit der hiesigen Presse. Allerdings: Sosehr mich solche Kommentare ärgern, wie mich in den zwanzig Jahren, die ich in Frankfurt gelebt habe, die Vorurteile gegen meine Stadt immer geärgert haben – die doch, wie ich nicht müde werde zu erklären, ohne den Krieg heute so etwas wie ein Zürich des Nordens wäre und in guten Momenten auch ist: international, schnell, modern, klug –, so sehr muss ich mir eingestehen, dass die beschrieene Gefahr sehr wohl besteht, und zwar durch die Krise, in der sich all die erwähnten Institutionen befinden, die – noch – das literarische Leben der Stadt und der Region ausmachen. Eine Krise, deren aktuelle Stichworte Urheberrecht im Internet lauten, E-Book/Google, Zukunft der Zeitungen, Bedrohung der Buchpreisbindung, Ausbreitung der Buchhandelsketten.

Ich glaube, dass gerade das besondere kulturelle Kapital Frankfurts, kein Ort der Dichterpartys und Lesebühnen zu sein, sondern der literarischen Infrastruktur, die Stadt in einer Zeit des grundlegenden Strukturwandels in besonderem Maß verletzlich macht. Wir erleben den Umbau eines in zweihundert Jahren ausdifferenzierten kulturellen Systems, zu dem einerseits ein Geflecht von Institutionen wie Verlagen, Bibliotheken, Zeitungen, Messen gehören, andererseits aber auch die Erlebnisformen des Literarischen selbst: Literaturzirkel, Rezitation, Literaturkritik, Buchhändlerempfehlung. Was wird an ihre Stelle treten? Ich bin überzeugt davon, dass Frankfurt ein besonderes Interesse daran haben muss, die genannten Institutionen bei ihren Versuchen zu unterstützen, diese Frage zu beantworten. Ja, ich wünsche mir wirklich, dass Frankfurt seine Chance als Buchstadt im Zeitalter des Verschwindens der Bücher nutzen und sich – gerade jetzt! – zum Labor dieser Veränderungen macht. Aus den besonderen Möglichkeiten dieser Stadt könnte, da bin ich mir sicher, so etwas wie eine Utopie des Literarischen selbst entspringen.

Strukturwandel des Literarischen

Denn zwar entsteht Literatur, wo sie will, und ihre Förderung ist daher immer hochspekulativ. Die Bedingungen, unter denen Literatur zukünftig ihre Öffentlichkeit finden wird, sind im Gegensatz dazu konkret, und das heißt: konkret gefährdet. Der Strukturwandel des Literarischen, den wir erleben, konfrontiert uns mit der Frage, ob es gelingen kann, etwas von der Vielstimmigkeit und dem Kenntnisreichtum unserer literarischen Kultur im Medienwechsel zu bewahren. Das Labor Frankfurt sähe darin seine zukünftige Aufgabe, die es mit allen Protagonisten des Literarischen in der Stadt zu bewältigen gälte.

Ein wichtiger Partner schiene mir dabei der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der in Fragen des Urheberrechts, der Digitalisierung von Büchern und in der entsprechenden Auseinandersetzung die Zukunft des Buchmarktes zu gestalten versucht. Diesen Prozess gilt es zu begleiten; das jetzige Domizil des Börsenvereins, das der Kulturdezernent der Stadt nach dem Umzug gern weiter für die Literatur nutzen möchte, wäre ein möglicher Rahmen für Tagungen und Vorträge, für Einladungen an Medienwissenschaftler, Verlagsmenschen und Publizisten, für Stipendien an Autoren, die literarische Formen jenseits des Buches erproben, kurz gesagt: die ideale Basis eines think tanks künftiger Literatur.

Auratisierung der Literatur

Was noch? Dass die unverständliche Isolation der Buchmesse in der Stadt endlich beendet würde. Während Leipzig mit „Leipzig liest“ seine Messe erfolgreich zum Festival gemacht hat und Kölns Lit.Cologne für derlei keines Anlasses bedarf, finden in Frankfurt, obwohl die Messe stets Publikumsmagnet und Tummelplatz unzähliger Schriftsteller ist, beide viel zu selten zusammen. Mir scheint, die Stadt fände in der Buchmesse den richtigen Partner für ein hochkarätig besetztes, internationales Lese-Festival. Es wäre ein Vergnügen, sich auszudenken, an welchen Orten und mit welchem inhaltlichem Konzept man ein solches in Frankfurt zelebrieren könnte.

Derlei ist wichtig, weil das Medium sich ausdifferenziert hat, einerseits in die Performance des Autors, andererseits in den digitalen, nahezu körperlosen Text. Und das Buch? Mir kommt es vor, als wüchse ihm im selben Moment, in dem es sich anschickt, als Medium anachronistisch zu werden, eine neue auratische Qualität zu. Das Literaturarchiv Marbach zeigt in den letzten Jahren beispielhaft, wie es gelingen kann, die Aura literarischer Artefakte zu inszenieren und zu vermitteln. Bibliotheken heute, wollen sie nicht als Datenbanken enden, stehen vor derselben Notwendigkeit, und wenige haben dazu dasselbe Potential wie die Deutsche Nationalbibliothek.

Lauter Labore

Doch neben den Urheberrechts- und Vertriebsfragen einer künftigen Literatur, neben den Foren und Formen ihrer Präsentation, neben den offenen Fragen ihrer Archivierung und damit denjenigen nach ihrer physischen Gestalt und Ästhetik ist schließlich auch der Bereich der Literatur von Veränderungen betroffen, der mit ihrer Verfertigung zu tun hat. Nicht im Sinn literarischer Produktion, sondern in Bezug auf jene Neugier, die nach jeder Lesung im Raum steht: Wie macht man das? Mir scheint, diese Neugier betrifft die Konzeption der Literaturhäuser, denen in Zukunft andere Funktionen zuwachsen werden als die, der Ort jener klassischen Lesungen zu sein, deren Publikum schwindet. Denn was wächst, ist die Sehnsucht nach lebbarer Literatur, das zeigen mir meine Erfahrungen etwa bei Creative-Writing-Kursen. Die Literaturhäuser könnten diesem Bedürfnis mit Schreibwerkstätten, Poetikveranstaltungen, Lesezirkeln, Übersetzungsübungen, einem Café und eigentlich auch einer literarischen Buchhandlung für alle Kreise und Altersstufen begegnen. Ein Labor auch das.

Als Ort einer literarischen Öffentlichkeit wäre das Literaturhaus ein weiterer Protagonist meines Traums von der Literaturstadt Frankfurt, die zum Ideengeber und Vermittler einer Zukunft gerade dadurch werden könnte, dass sie in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen nicht die literarische Produktion stellte, sondern das System Literatur selbst, das mit all seinen Protagonisten, den Verlagen, Zeitungen und Universitäten, den Schriftstellern, Wissenschaftlern und Buchhändlern für mich stets gleichermaßen Vermittlungsinstanz künstlerischer Erfahrung, Ort gesellschaftlicher Debatten und Residuum des Utopischen und Unnötigen gewesen ist, des Absurden und des Luxuriösen, also von Freiheit.

Der Schriftsteller Thomas Hettche, geboren 1964, lebt in Berlin. Zuletzt erschien der Essayband „Fahrtenbuch 1993-2007“.

Quelle: F.A.Z.
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