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Literarisches Leben Autorenförderung? Hungert sie aus!

Friss und stirb, Literat: Die Literaturpreisflut schadet der Literatur. Aus Wölfen sind Schoßhunde geworden. Dabei schert sich ein großes Werk um Preise so wenig wie um Verbote. Ein Ruf zu den Waffen.

© AP Vergrößern Hungern hilft: Spitzwegs „Armer Poet” beim Dichten

Gäbe es einen Preis für Preismelder: Jedes Jahr heimste ihn ein Literaturredakteur ein. Hunderte von öffentlichen und privaten Literaturpreisen nämlich sind auf die deutschsprachige Literatur niedergegangen, haben sie sanft unter sich begraben. Meldung um Meldung sendet ein Literaturredakteur in den Orbit, manchmal fünf am Tag. Sie verstopfen nicht nur den Stehsatz.

Nichts gegen große, echte Anerkennung ausdrückende Auszeichnungen wie den Büchner-, Kleist-, Breitbach-, Heine- oder Goethe-Preis, auch wenn das bereits ziemlich viele sind. Der Großteil der Literaturpreise aber ist mit lediglich fünf- bis fünfzehntausend Euro dotiert: preiswert in jedem Sinne. Weil das ungleich höhere symbolische Kapital für die auslobende Instanz bei hochtrabender Benennung sogar doppelt zu Buche schlägt, heißen die Auszeichnungen, wie sie heißen. Um nur einige bekanntere zu nennen: Johann-Peter-Hebel-, Peter-Huchel-, Marie-Luise-Kaschnitz-, Wilhelm-Raabe-, Hermann-Lenz-, Friedrich-Hölderlin-, Friedrich-Hebbel-, Mörike-, Nicolas-Born-, Heinrich-Böll-, Georg-K.-Glaser-, Carl-von-Ossietzky-, Heimito-von-Doderer-, Hilde-Domin-, Georg-Kaiser-, Hugo-Ball-, Wolfgang-Koeppen-, Adelbert-von-Chamisso-, Walter-Kempowski-, Nelly-Sachs-, Uwe-Johnson- oder Jean-Paul-Preis.

Der eigentliche Skandal ist die herablassende Prämisse

Natürlich haben weiters alle literarisch engagierten Festivals und Messen Auszeichnungen im Angebot, ebenso unzählige Regionen, Städte und Käffer. Je kaffiger, desto preisender. Wieder nur Beispiele: der Annalise-Wagner-Preis der Region Mecklenburg-Strelitz, der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, der Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth, der „Ripper Award“ der Stadt Unna, der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen, der Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim und so endlos fort.

Alfred Döblin © picture-alliance / dpa Vergrößern Gewährsmann in Sachen detonativer Poetik: Alfred Döblin

Hinzu kommen säckeweise private Literaturpreise. Zu den ansehnlicheren gehören die Preise der Konrad-Adenauer- oder der Jürgen-Ponto-Stiftung, auch der ver.di-Literaturpreis oder der d.lit-Preis der Stadtsparkasse Düsseldorf. Der aspekte-Literaturpreis wiederum würdigt wie der Mara-Cassens-Preis schriftstellerische Debüts, auch wenn gute Debüts ohnehin mit Preisen überhäuft werden und die nicht so guten nicht unbedingt noch eine eigene Lobanstalt brauchten.

Kurz: Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller, und die meisten werden auch noch jährlich vergeben. Das Ergebnis ist ein Wanderzirkus: Literaten auf Lorbeersammeltour durch die Republik. Die Kehrseite dieser Inflation ist die Entwertung der Währung Schriftstellerlob. Wie kam es dazu? Wie meistens: durch einen Systemfehler. Die Preisschwemme nämlich stellt nur den sicht- und meldbaren Teil einer viel gewaltigeren Subventionsverschwörung dar. Diese beruht, das ist der eigentliche Skandal, auf einer herablassenden Prämisse: Literatur gilt als Pflegefall. Man versüßt der tatterigen Tante den Lebensabend.

Maßlose Literaturförderung

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