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Linkspartei Der Charmeur und der Chef

 ·  Die Linkspartei im Wahlkampf, das sind Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Die Rollen sind verteilt: Der Ostdeutsche schlägt einen moderateren Ton an und kokettiert mit drollig-unterwürfiger Pose vor dem früheren SPD-Vorsitzenden, der weiter spricht wie ein Chef.

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32 Grad zeigt das Thermometer an der Viktoria-Apotheke in der Frankfurter Freßgass' an, deshalb kann der Wahlkampf nicht im Saal stattfinden.

Auf dem Opernplatz hat die Linkspartei ihre Bühne aufgebaut, Oskar Lafontaine tritt auf, im kurzärmligen Hemd, und legt los: Die anderen Parteien haben „Angst“ vor der Linkspartei, was sie über die notwendige Politik sagen, ist „Schwachsinn“, ihre Arbeitsmarktreformen entspringen der „neoliberalen Irrlehre“, sie demütigen die Leute und „verletzen die Menschenwürde“: „Das ist ein Irrenhaus!“ Was „Äh-äh-Stoiber“ und andere sagen, ist „leicht zu widerlegen, wenn man die Prozentrechnung beherrscht“.

Wettern, schreien, schwitzen

Die „Allparteienkoalition“ aber will den Sozialstaat einfach nicht bezahlen, im Saarland ist Kirchhof ein anderes Wort für Friedhof, und CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne wollen diesen Kurs weiterverfolgen, „weil sie keinen Verstand haben“.

Lafontaine wettert, schreit und schwitzt, er wirft die Arme hoch, den Oberkörper nach vorn, er redet sich in Rage, puterrot im Gesicht, das Hemd klebt ihm am Leib. Im Stummfilm hieße er „Der Redner“. Er kommt an.

Das Publikum, das sich bis auf die engere Gefolgschaft in die umliegenden Cafes zerstreut, sobald es sich mit den örtlichen Talenten langweilt, folgt ihm und applaudiert an den vorgesehenen Stellen. Eine Geschichte lautet so: Ein Mann, Mitte dreißig, Offizier, Filialleiter, verliert seine Stelle, findet keine neue, und nach einer Weile bietet man ihm einen Ein-Euro-Job an. Er „kehrt vor dem Hallenbad“. Das kränkt ihn so, daß er dem Verteidigungsminister einen Brief schreibt und sich von den Pflichten eines Offiziers dispensiert.

„Ansager“ für „einen Freund“

Auch diese Rechnung leuchtet dem Publikum ein: Ein Ingenieur, Anfang fünfzig, hat 60.000 Euro in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Er muß, wenn er lange arbeitslos bleibt, Haus, Auto, Lebensversicherung einsetzen und bekommt, mit Hartz IV, nur 10.000 Euro raus. Später tritt Lafontaine auf, erschöpft, aber sichtlich glücklich, als „Ansager“ für Gregor Gysi, „einen Freund“.

Lafontaines Frankfurter Auftritt haben er, die Linkspartei und Gregor Gysi am Ende teuer bezahlen müssen: Am Freitag in Schweinfurt und Nürnberg war er heiser, und am Samstag in Dresden trat er gar nicht auf. Gysi kündigte gutgelaunt an, er werde doppelt so lange reden - und tat das dann zum Genuß des Publikums tatsächlich. Lafontaine wurde nicht vermißt. Am Samstag meldete die Tageszeitung „Nürnberger Nachrichten“: „Lafontaines großer Traum: Oskar gegen alle“ und stellte fest: „Versprechungen macht Oskar Lafontaine nicht.“

So spricht ein Chef

Ein bißchen „chefig“ werde er bleiben, hatte Gysi seinen Parteitagsdelegierten versprechen müssen, als er auf die drollig-unterwürfige Pose zu sprechen kam, die er auf den Wahlplakaten gegenüber einem herrischen Lafontaine einnimmt. Wenn in der Linkspartei/PDS Lafontaine den Maßstab des „Chefigen“ setzt, wird Gysi sich damit anstrengen müssen.

Lafontaine verzichtet darauf, die Position des Steuerzahlers einzunehmen, um den Leuten seine Politik schmackhaft zu machen. Man müsse „der Wirtschaft eben entsprechende Richtlinien vorgeben“, sagt er und über die Umweltpolitik in den Vereinigten Staaten: „Das geht so nicht mehr weiter.“ So spricht ein Chef.

„Die eigenen Themen drohen immer unwichtig zu werden“, sagt dagegen Gysi konziliant, bevor er über die Folgen des Hurrikans spricht. Wenn er über Hartz IV redet, gibt er zu, daß selbst diese Reform Nutznießer hat - die Sozialhilfeempfänger. Er schimpft auch, nennt die Sozialpolitik von Rot-Grün „unmoralisch und unredlich“, denunziert Angela Merkel in München als „FDJ-Mitglied“.

Vernehmlich anderer Ton

Anders aber als Lafontaine, der nur die Fehler der anderen geißelt, gibt Gysi sich Mühe zu skizzieren, was die „gesamtdeutsche linke Kraft“ anders machen würde, wenn sie könnte; als ehemaliger Wirtschaftssenator von Berlin kennt er das Gebot des Gebrauchswerts einer Partei. Erst ab 80.000 Euro Jahreseinkommen stünde man mit dem PDS-Steuermodell schlechter da als jetzt, versichert er.

Mit denselben Zahlen, Vergleichen und Anekdoten im Rednergepäck schlägt Gysi einen vernehmlich anderen Ton an: Sieben Jahre lang hätten SPD und Grüne versucht, den Wirtschaftsaufschwung zu befördern und Arbeitsplätze zu schaffen, indem sie Steuern herabgesetzt und Sozialleistungen gekürzt hätten.

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