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Letzte Poetikvorlesung von Michael Lentz Kroklokwafzi? Semememi!

Großes Latinum und großes Lalula: Die Frankfurter Poetikvorlesungen von Michael Lentz enden mit einer Herausforderung.

© Röth, Frank Vergrößern Lauter Poet: Michael Lentz bei seiner Abschlussvorlesung in Frankfurt

Wer irrtümlich oder zu spät den Hörsaal betrat, wie das ja gelegentlich in der Universität mal passiert, der musste einen großen Schreck bekommen: Da lief vorne ein glatzköpfiger Hüne rastlos hin und her und brüllte unaufhörlich die gleichen Silben ins Mikrofon, so dass die Lautsprecher fast zerbarsten. Wer noch nicht wusste, dass Sprache manchmal weh tun kann, der hatte es nach der letzten der Frankfurter Poetikvorlesungen von Michael Lentz unter dem Titel „Atmen Ordnung Abgrund“ fürs Leben gelernt - und in die Abgründe der Sprache geschaut.

Dabei fing gerade diese fünfte Vorlesung so zart poetisch an: mit einer Kinderszene nämlich. „Das Kind sitzt auf dem Pferd und gibt ihm Befehle. Das Pferd gehorcht nicht. In der Vorstellung des Kindes gehorcht das Pferd aber sehr wohl. Es kann alles. Und weil das Pferd alles kann, kann das Kind noch viel mehr. Das Kind kann dem Pferd zum Beispiel das Sprechen beibringen.“ Das schillernde Bild des sprechenden Pferdes zeigt im Kontext der fünf Vorlesungen, die Lentz unter das Oberthema der Rhetorik stellte und nach den Konzeptionsphasen der Rede von „Inventio“ bis „Actio“ betitelte, noch einmal trefflich die Ambivalenzen der Sprache, die Lentz vielfach ausgelotet hat: Mit der Allmachtsphantasie des Kindes eignen wir uns Sprache an, wollen sie unterwerfen wie ein Holzspielzeug. Das Sprachpferd kann mit dem Kind wie noch mit dem Erwachsenen durchgehen - vielleicht das Lentz’sche Lieblingsthema. Und die Sprache kann schließlich gar zum Trojanischen Pferd werden: plötzlich etwas ganz anderes offenbaren, das zuvor unentdeckt in ihrem Bauch schlummerte. Dies geschieht vor allem, wenn Sprache zur Stimme wird. Der Lautpoet Lentz weiß: „Die Stimme ist mehr als alles Sagen.“

Dickes Urwaldfeuer

Was dieser Satz bedeutet, sollte er zum Abschluss noch einmal auf das schönste demonstrieren: nämlich im Duett mit seinem künstlerischen Kompagnon Ulrich Winters, der in Frankfurt auch für karnevalistisch-subversive Einlagen angestellt war. Im Dialog trugen die beiden sogenannte „Sprechakte“ aus dem Werk des Dichters Lentz vor, die häufig von vorgefundenem Sprachmaterial wie etwa einem Gespräch unter Fabrikarbeitern ausgehen, darin aber das Künstlerische und das Komische freilegen: „War dickes Urwaldfeuer, kannst nix machen.“- „Problematisch, weiß schon, problematisch.“

Michael Lentz - Der Frankfurter Poetikdozent des Wintersemesters hält seine letzte Vorlesung an der Goethe-Universität. © Röth, Frank Vergrößern Karnevalisierung der Poetik: Michael Lentz (rechts) mit seinem künstlerischen alter ego Ulrich Winters.

Was experimentelle Dichtung vermag oder was sie anrichten kann, hat Lentz in allen Vorlesungen aber auch an diversen Beispielen anderer Autoren vorgeführt - entweder in Ton- und Filmdokumenten, etwa anhand von Antonin Artaud, oder in gewohnt artistischer Interpretation durch seine eigene Stimme. Die actio dieser Poetikvorlesungen ließ also nichts zu wünschen übrig, ja stellte mehr noch viele Vorgänger künstlerisch in den Schatten.

Zwischen Poesie und Wissenschaftsprosa

Und doch muss man noch einmal auf Lentz’ poetische Anfangsszene zurückkommen, um den besonderen Charakter seiner Vorlesungen herauszustellen, die durchweg von einer eigenartigen Dichotomie geprägt waren. Da gibt es also Passagen wie jene mit Pferd und Kind, und das poetische Sprechen steigert sich sogar noch: „Das Kind lallt die Schrift. Später wird die Schrift die Stimme kochen.“ Gerade noch hört man diesen seltsam schönen Worten nach und sinnt, was sie bedeuten - und dann ist von einem Satz auf den anderen plötzlich die Rede von „Reduktionen“ und „Tilgungsoperationen“, denen „laut Christian Stetter der Begriff der Stimme in der Absicht unterworfen wurde, aus ihm Material für die Konstruktion der Phonologie zu gewinnen“. Wie bitte?

Der hier vollzogene Bruch zwischen zwei ganz verschiedenen Sprachsphären, Poesie und Wissenschaftsprosa, ist symptomatisch für die Vorlesung. Und er ist symptomatisch gerade für Michael Lentz, den Dichter, der eine Dissertation über die Dichtung verfasst hat, den Romanautor, der am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig das Schreiben unterrichtet. Es gibt wohl wenige deutschsprachige Autoren, die wie Lentz neben der Literatur auch ihre Theorie so durchdrungen haben - und insofern war zu erwarten, dass sich diese Doppelbegabung auch produktiv äußert, wenn jemand wie er eine Poetikdozentur über- und sich dabei nicht weniger vornimmt als einen Parforceritt durch die Geschichte von Rhetorik und Literatur bei gleichzeitiger praktischer Illustration.

Es bleibt ein Textbrocken

So wogte denn seine fünffache Frankfurter Darbietung immer hin und her zwischen den Polen des großen Latinums und des großen Lalula, wie man in Erinnerung an ein besonders schönes Lautgedicht Christian Morgensterns sagen könnte. Wunderbar eigen ist dabei die Art, auf welche der in Düren gebürtige Lentz bestimmte Fremdwörter ausspricht, besonders die griechischen: „Hierarschie“ heißt es bei ihm und „Psyschose“, was nun wiederum den Mehrwert der Stimme offenbart.

Angesichts des Themas der Rhetorik wirkte es allerdings paradox, dass den akademischen Teilen von Lentz’ Vorlesung - zumindest für den bloßen Hörer - eine rhetorische Qualität gelegentlich fehlte: die perspicuitas, die Durchsichtigkeit. Lentz weiß als Lautartist und brillanter Vortragskünstler sein Publikum zu bannen; als Dozent hingegen überfordert er es mitunter. Häufig spürte man deutlich, so etwa bei den berückenden Passagen über die Lyrik Oskar Pastiors in der dritten Vorlesung, dass man diese Gedanken unbedingt noch einmal in Ruhe nachvollziehen wollte. Hierzu wird die Publikation in Buchform bald Gelegenheit geben. Der hünenhafte Dichterakademiker Lentz hat uns mit diesen Vorlesungen einen Textbrocken hingeworfen, so wie die Riesen in manchen Volkssagen Felsen in die Landschaft setzen. Man kann staunend davorstehen oder, ab und zu leise Flüche ausstoßend, daran hochkraxeln.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 17:20 Uhr