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Veröffentlicht: 20.03.2016, 10:55 Uhr

Leserdaten-Auswertung Liefern, was der Kunde will

Die digitale Lektüre ist von ständiger Datenauswertung begleitet. Welche Erkenntnisse werden daraus gezogen und welche Literatur entsteht auf diese Weise?

von
© dpa Die Verwerter lesen mit: Lektüre auf dem E-Book

Heinrich Heine hatte es gut: In aller Seelenruhe sieht er im „Wintermärchen“ den preußischen Grenzern beim Durchwühlen seines Koffers zu, wohl wissend, dass sie dort keine verbotenen Bücher finden würden, schließlich trägt er sie alle in seinem Kopf, diesem zwitschernden Vogelnest. Heute wird nicht mehr nach Büchern gekramt. Glücklich, wessen Kopf noch zwitschert. In der Regel haben unsere Smartphones und Tablets diese Funktion übernommen - in ihrer Neugier den Douaniers aus alten Zeiten ebenbürtig, in ihrer Heimlichkeit und ihrem Scharfsinn denen um einiges voraus, in ihrer Mitteilungsfähigkeit schier grenzenlos: Unsere Bewegungen und Kontakte werden registriert, unsere Recherchen und Interessen. Wenn es um digitale Bildungsangebote mit ihrer kleinschrittigen Interaktion geht, Lehrvideos mit dazwischengeschalteten Wissensabfragen, ist ein solcher Datenfluss am stärksten. Er übersteigt, wie ein Anbieter stolz behauptet, selbst den von Google um das Hunderttausendfache.

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Doch auch bei der Lektüre von als Dateien gespeicherten Büchern fließen Daten: die einzelnen Titel und ihre Metadaten sind das Mindeste, die Lesezeit pro Seite, pro Kapitel und pro Buch kommt rasch hinzu, außerdem der Fortgang der Lektüre oder ihr Abbruch, Hervorhebungen und Kommentare. Wer sich im Netz mit anderen über Bücher austauscht, gibt noch mehr von sich und seinen Vorlieben preis. Im Sommer 2014 kursierte eine lustige Bestsellerliste, die aus den von den Lesern vorgenommenen Hervorhebungen in den E-Books abgeleitet hat, wie weit die Werke auch gelesen worden sind - mit durchaus erstaunlich schwachen Werten für weitverbreitete Titel: „Fifty Shades of Grey“ kam nur auf knapp 26, Thomas Pikettys „Capital in the Twenty-First Century“ auf gerade einmal 2,4 Prozent.

Hoher Datenfluss, wenig Leben

Die Handreichung „Publishing in the Era of Big Data“, die der E-Book-Händler Kobo im Herbst des Jahres folgen ließ, war schon ernster gemeint: Auch wer nur auswertet, welche Bücher von ihren Lesern in kurzer Zeit komplett gelesen werden, kann einiges erkennen. Welche Titel verdienen größeren Marketing-Aufwand? Welche legten eine Fortsetzung nahe - und welche Serie kommt offensichtlich an ihr Ende? Wie entwickelt sich das kommerzielle Potential eines Autors? Selbst wer längst an die Empfehlungen großer Online-Buchhändler anhand des Verkaufsverhaltens anderer Kunden gewöhnt ist, die sich nach Datenlage offenbar für ähnliche Bücher interessieren, wird über die Bereitwilligkeit und Routiniertheit staunen, mit der Autoren und Selbstverleger wie Verlage auf das reagieren, was sie von ihren Lesern aus Textmarkierungen, über Facebook oder über Lovelybooks und andere Leseplattformen erreicht: Ein Ex-Freund der Liebesromanheldin, der eigentlich im Gefängnis hatte landen sollen, steht in der Lesergunst überraschend an erster Stelle? Die Hauptfigur einer Mystery-Reihe sollte über besondere Kräfte verfügen? Kein Problem. Der Autor liefert, der Leser bekommt, was er wünscht.

Was früher einmal als kultureller Horizont beschrieben wurde - diese sehr persönliche Mischung aus Kenntnissen und Erfahrungen mit der Verheißung, dass es jenseits des aktuellen Horizonts noch viel zu entdecken gibt -, ist zur Blase geworden: eine Umgebung, die uns den eigenen Erwartungen gemäß mit nichts weiter als mit Erwartbarem beliefert. Und selbst wenn wir darauf vertrauen, dass hier die Daten ähnlich begeisterter Leser mit vergleichbaren Vorlieben herangezogen werden und sich kein Marketing in die Vorschläge einkaufen kann, bleibt der Blickwinkel schmal: Zwangsläufig übergeht die statistische Mehrheitsentscheidung den originellen Einzelwunsch, auch wenn er durchaus sein Publikum finden könnte. Das Ergebnis wäre eine seltsam begradigte Literatur - mit hoher Fließgeschwindigkeit, aber ohne Leben.

Glosse

Wahrheit gegen Vorurteil

Von Michael Hanfeld

CSU-Politiker Andreas Scheuer meint, die Herkunft von Tätern müsse erwähnt und der Pressekodex geändert werden. DVJ-Chef Frank Überall hält dagegen. Klar ist: Wer Straftäter nicht benennt, liegt falsch. Mehr 254

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