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Leser untersuchen „Der Herr der Ringe“ In Tom Bombadils Haus

Was ist Meister Tom Bombadil für eine Gestalt, wann und wie hat Tolkien den Alten Weidenmann entworfen? Wer ist Goldbeere, was bedeutet ihr Regenlied? Leser untersuchen und kommentieren eine Passage aus „Der Herr der Ringe“.

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© Klett-Cotta

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In unserem Textauszug sind die Absätze numeriert. Wer eine bestimmte Stelle bis zum 18. November kommentieren möchte, soll bitte die betreffende Absatznummer an den Beginn seiner Lesermeinung stellen.

Die hilfreichsten Hinweise sollen bearbeitet in einen kommentierten Abdruck der Passage eingehen, der am 2. Dezember 2012 im großen „Tolkien Spezial“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht wird.

Auszug aus „In Tom Bombadils Haus“

1
Als sie hinausschauten, kam von oben sachte herabrieselnd, wie wenn er mit dem Regen vom Himmel fiele, ein Gesang von Goldbeeres reiner Stimme. Sie konnten nur wenige Worte verstehen, aber es schien ein Regenlied zu sein, mild wie ein Schauer auf trockenen Hügeln, und die Geschichte eines Flusses zu erzählen, von der Quelle im Hochland bis zur fernen Mündung ins Meer. Die Hobbits hörten andächtig zu, und Frodo war von Herzen froh und segnete das schlechte Wetter, weil es ihren Aufbruch verzögerte. Der Gedanke, gleich wieder fortzumüssen, hatte ihn seit dem Erwachen bedrückt; aber nun ahnte er, dass sie an diesem Tag nicht mehr weiterwandern würden.

2
Der Höhenwind blies stetig von Westen und trieb dickere und schwerere Wolken heran, die ihre Regenlast auf den kahlen Gipfeln der Höhen abluden. Rings ums Haus war nichts zu sehen als herabströmendes Wasser. Frodo stand in der offenen Tür und schaute zu, wie sich der kreidig weiße Pfad in einen Milchbach verwandelte und plätschernd zu Tal lief. Tom Bombadil kam um die Ecke des Hauses getrabt und schwenkte die Arme, als ob er den Regen damit abwehren wollte - und tatsächlich schien er, als er über die Schwelle hüpfte, ganz trocken zu sein, bis auf die Stiefel. Die zog er aus und stellte sie in die Kaminecke. Dann setzte er sich in den breitesten Sessel und rief die Hobbits zusammen.

3
„Heute ist Goldbeeres Waschtag“, sagte er, „und ihr Herbstgroßreinemachen. Kein Wetter für Hobbitleute - sollen lieber ausruhen, solange es noch geht! Ein guter Tag für lange Geschichten, zum Fragen und Antworten. Also wird Tom anfangen.“

4
Und dann erzählte er ihnen viel Erstaunliches, manchmal, als spräche er mehr zu sich selbst, manchmal, indem er sie unter seinen dichten Brauen hervor mit seinen leuchtenden blauen Augen anschaute. Oft ging seine Rede in Gesang über, und er stand vom Sessel auf und tanzte umher. Er erzählte ihnen Geschichten von Bienen und Blumen, von den seltsamen Kreaturen des Waldes, guten und bösen, freundlichen und gehässigen, rohen und sanftmütigen, und von Geheimnissen unterm Dornengestrüpp.

5
Während sie ihm zuhörten, begannen sie zu verstehen, wie die Geschöpfe des Waldes leben konnten, ohne sich irgend um Hobbits zu kümmern, ja, wie sie selbst hier Fremde, alle andern aber einheimisch waren. Immer wieder kam Tom auf den Alten Weidenmann zu sprechen, und Frodo erfuhr nun alles, was er wissen wollte, und noch einiges mehr, denn es war keine frohe Kunde. Toms Worte legten die Herzen der Bäume bloß und ihre Gedanken, die oft fremd und dunkel waren, voller Hass auf die nicht bodenständigen Geschöpfe, die frei auf der Erde herumlaufen und beißen und nagen, brechen, hacken und sengen: Baummörder und Landräuber! Nicht ohne Grund trug der Alte Wald seinen Namen, denn alt war er, uralt, ein überlebender Rest der riesigen, nun vergessenen Wälder von einst; und darin lebten noch die Vorväter der ersten Bäume, die nicht schneller alterten als die Berge und noch der Zeiten gedachten, als sie die Herren waren. Unzählige Jahre hatten sie mit Stolz und Wurzelweisheit erfüllt - und mit Tücke. Und keiner von ihnen war gefährlicher als der große Weidenmann: Sein Herz war verdorben, doch seine Kraft war grün; und er war listig und ein Lenker der Winde, und sein Singen und Denken durchströmte den Wald zu beiden Seiten des Flusses. Sein grauer, durstiger Geist sog Kraft aus der Erde und breitete sich wie mit feinen Wurzelfasern im Boden und wie mit unsichtbaren Zweigfingern durch die Luft aus, und schließlich hatte er Macht über fast alle Bäume des Waldes von der Hecke bis zu den Höhen.

6
Dann wandten sich Toms Erzählungen von den Wäldern fort und folgten dem Lauf des jungen Baches aufwärts, wie er über brausende Wasserfälle, über Kiesel und ausgewaschene Felsen herabkam, an kleinen Blumen im dichten Gras und an feuchten Spalten vorüber bis hinauf zu den Höhen, wo er entsprang. Er erzählte von den großen Hügelgräbern, den grünen Grabhügeln mit den Steinkreisen auf den Kuppen und in den Mulden dazwischen. Schafherden blökten, grüne und weiße Mauern ragten auf, Burgen standen auf den Höhen. Die Könige kleiner Reiche kämpften miteinander, und die junge Sonne schien wie Feuer auf das blutige Metall ihrer neuen und gefräßigen Schwerter. Sieg folgte auf Niederlage, Türme stürzten ein, Festungen wurden geschleift, und Flammen schlugen gen Himmel empor. Auf die Bahren toter Könige und Königinnen wurde Gold gehäuft; Erdhügel bedeckten sie, die steinernen Türen wurden verschlossen; und Gras wuchs über alles. Schafe weideten dort eine Zeit lang, aber bald waren die Hügel wieder verlassen. Von dunklen Orten in der Ferne kam ein Schatten, und die alten Knochen klapperten in ihren Gräbern. Grabwichte gingen in den Kammern um, Ringe klirrten an kalten Fingern, und goldene Ketten rasselten im Wind. Steinkreise grinsten aus dem Boden hervor wie zersplitterte Zähne im Mondschein.

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Die Hobbits hörten es mit Schaudern. Sogar im Auenland kannte man das Gerücht von den Grabwichten auf den Hügelgräberhöhen jenseits des Waldes. Doch solche Geschichten hörte kein Hobbit gern, nicht mal an einem behaglichen Kaminfeuer in sicherem Abstand von der verrufenen Gegend. Diesen vier Hobbits fiel ganz schnell wieder ein, wovon die Annehmlichkeiten des Hauses sie abgelenkt hatten: Tom Bombadils Haus stand genau zu Füßen dieser unheimlichen Höhen. Sie verloren den Faden seiner Geschichte, rutschten auf ihren Plätzen hin und her und tauschten Seitenblicke.

8
Als sie ihm wieder folgen konnten, merkten sie, dass er inzwischen zu fremden Zonen jenseits allen Hobbitgedenkens und jenseits ihres wachen Denkens geschweift war, in Zeiten, als die Welt noch weiter war und das Meer bis ans Gestade im Westen spülte; und von immer noch früheren Zeitenfernen unter dem ältesten Sternenlicht sang er, als nur erst die Väter der Elben erwacht waren. Dann hielt er plötzlich inne, und sie sahen, dass er mit dem Kopf wackelte, als wollte er einnicken. Still und wie verzaubert saßen die Hobbits vor ihm; und seine Worte schienen den Wind gebannt und die Wolken getrocknet zu haben. Der Tag hatte sich verflüchtigt, und von Osten und Westen zugleich war die Dunkelheit heraufgezogen, und der ganze Himmel glänzte im Licht der weißen Sterne.

9
Frodo konnte nicht sagen, ob der Vor- und Nachmittag eines Tages oder vieler Tage vergangen war. Er spürte weder Hunger noch Müdigkeit, sondern nur ein Staunen. Die Sterne schienen zum Fenster herein, und ringsum schien alles still wie der Himmel zu sein. Schließlich, vor Erstaunen und aus einer Furcht vor dieser Stille, die ihn jäh überkam, fragte er:

10
„Wer bist du, Meister?“

11
„Äh, was?“ sagte Tom auffahrend, und seine Augen glitzerten im Dämmerlicht. „Kennst du meinen Namen noch nicht? Das ist die einzige Antwort. Sag mir, wer bist du, nur du allein, ohne deinen Namen? Doch du bist jung, und ich bin alt. Der Älteste, der bin ich. Denkt an meine Worte, Freunde: Tom war früher hier als der Fluss und die Bäume; Tom hat den ersten Regentropfen fallen gesehn und die erste Eichel. Tom hat Pfade ausgetreten, ehe die Großen Leute da waren, und die Kleinen Leute hat er kommen gesehn. Er war da vor den Königen, den Gräbern und den Grabwichten. Als die Elben gen Westen fuhren, bevor die Meere gekrümmt wurden, war Tom schon da. Er kannte die Dunkelheit unter den Sternen, als sie noch ohne Schrecken war - bevor der Dunkle Herrscher von Draußen kam.“

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Ein Schatten schien übers Fenster zu ziehen, und die Hobbits blickten nervös durch die Scheiben. Als sie sich wieder umwandten, stand Goldbeere in der Tür, hell angeleuchtet. Sie trug eine Kerze, deren Flamme sie mit der Hand gegen den Luftzug abschirmte, und das Licht schimmerte hindurch wie Sonnenstrahlen durch eine weiße Muschel.

13
„Der Regen hat aufgehört“, sagte sie, „und frisches Wasser läuft zu Tal unter den Sternen. Es ist Zeit, zu scherzen und zu feiern.“

14
„Und Zeit, zu essen und zu trinken!“, rief Tom Bombadil. „Langes Erzählen macht durstig, langes Zuhören hungrig, ob morgens, mittags oder abends.“ Damit sprang er aus seinem Sessel auf und zum Kaminsims, schnappte sich eine Kerze und entzündete sie an der, die Goldbeere in der Hand hielt. Dann tanzte er um den Tisch herum. Plötzlich war er mit einem Satz zur Tür hinaus und verschwunden.

15
Gleich war er wieder da, mit einem großen, schwer beladenen Tablett. Dann deckten Tom und Goldbeere den Tisch. Die Hobbits wussten nicht, ob sie staunen oder lachen sollten: staunen über Goldbeeres Anmut und Lieblichkeit oder lachen über Toms wilde Kapriolen. Doch irgendwie schienen die beiden einen gemeinsamen Tanz aufzuführen, rein ins Zimmer, raus aus dem Zimmer und rings um den Tisch, ohne dass einer den andern behinderte; und in kürzester Zeit standen Speisen, Geschirr, Gefäße und Lichter an ihren Plätzen. Der Tisch strahlte im Schein der weißen und gelben Kerzen. „Das Abendbrot ist fertig“, sagte Goldbeere, und nun erst sahen die Hobbits, dass sie ganz in Silber gekleidet war, mit einem weißen Gürtel, und ihre Schuhe waren wie von Fischschuppen. Tom aber war ganz in Blau, Hellblau wie vom Regen erfrischte Vergissmeinnichtblüten; nur die Strümpfe waren grün.

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Sie aßen noch besser als am vorigen Abend. Unter dem Bann von Toms Erzählungen hatten die Hobbits gar nicht gemerkt, dass sie eine Mahlzeit oder mehrere versäumten, aber als die vollen Schüsseln nun vor ihnen standen, kam es ihnen vor, als hätten sie seit mindestens einer Woche nichts mehr gegessen. Eine ganze Weile gingen sie eifrig zur Sache, ohne zu singen oder viel zu reden. Nach einiger Zeit aber blühten sie wieder auf und ihre Herzen und Seelen hoben sich, und man hörte sie laut lachen und trällern.

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Nun sang Goldbeere ihnen viele Lieder vor, Lieder, die mit lustigen Geschichten aus den Hügeln begannen und dann sacht in Stille verklangen; und während des Verklingens sahen sie im Geiste Seen und Flüsse, die größer waren als alle, die sie kannten; und auf ihr Wasser hinabblickend, sahen sie den Himmel unter sich und die Sterne wie Juwelen in der Tiefe. Dann wünschte Goldbeere wieder jedem von ihnen eine gute Nacht und ging, während sie am Kamin sitzen blieben. Tom aber schien nun hellwach zu sein und bedrängte sie auf einmal mit Fragen.

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Er schien vieles über sie und ihre Familien schon zu wissen, auch über alles Leben und Treiben im Auenland seit den frühesten Tagen, an die sich die Hobbits selbst kaum mehr erinnerten. Es überraschte sie nicht mehr, aber er machte kein Geheimnis daraus, dass er seine jüngst erlangten Kenntnisse hauptsächlich dem Bauern Maggot verdankte, einem Mann, dem er offenbar mehr Bedeutung beimaß, als sie erwartet hätten. „Er hat Erde unter seinen alten Füßen und Lehm an den Fingern; der Verstand steckt ihm in den Knochen, und er hält beide Augen offen“, sagte Tom. Ebenso wurde klar, dass Tom mit den Elben in Verbindung stand; und auf irgendeine Weise schien er über Frodos Flucht von Gildor Nachricht erhalten zu haben.

19
So viel wusste er schon, und so geschickt verstand er zu fragen, dass Frodo ins Erzählen kam und ihm mehr über Bilbo und seine eigenen Sorgen und Hoffnungen sagte, als er selbst Gandalf gesagt hatte. Tom wiegte bedächtig den Kopf, und in seine Augen trat ein Funkeln, als er von den Reitern hörte.

20
„Zeig mir deinen kostbaren Ring!“, sagte er plötzlich mitten in Frodos Bericht hinein; und Frodo, zu seinem eigenen Erstaunen, zog gleich die Kette aus der Tasche, machte den Ring los und gab ihn Tom, ohne zu zögern.

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Der Ring schien größer zu werden, als er für einen Moment in Toms breiter brauner Hand lag. Auf einmal hielt Tom ihn sich ans Auge und lachte. Eine Sekunde lang bot er den Hobbits einen komischen und zugleich bedrohlichen Anblick, als sie sein strahlend blaues Auge von einem goldenen Kreis eingefasst sahen. Dann steckte er sich den Ring auf die Spitze des kleinen Fingers und hielt ihn dicht ans Kerzenlicht. Zuerst fanden die Hobbits das nicht weiter bemerkenswert, aber dann schnappten sie nach Luft: Tom machte keinerlei Anstalten zu verschwinden!

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Tom lachte wieder, dann ließ er den Ring um die Fingerspitze kreiseln - und mit einem Aufblitzen war das kostbare Stück verschwunden! Frodo stieß einen Schrei aus - und Tom beugte sich zu ihm und gab ihn lächelnd zurück.

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