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Lesen unter Hitler Als der Krieg um die Leser tobte

18.08.2010 ·  Welche Bücher unter den Nationalsozialisten verboten waren, ist bekannt. Jetzt überrascht eine Studie damit, was die Deutschen unter Hitler am liebsten lasen. Neben Frontberichten und Blut-und-Boden-Titeln hatte es ihnen der leichte Stoff angetan.

Von Katharina Teutsch
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Zwei Verfahren perfektionierten die Nationalsozialisten im Laufe ihrer Herrschaft mit besonderer Hingabe: die Anfertigung von schwarzen Listen und die Verfolgung all jener, die sich namentlich darauf verzeichnet fanden. So brannten am 10. Mai 1933 eben nicht beliebig missliebige, sondern offiziell zur Diffamierung freigegebene Bücher, die zuvor auf einer schwarzen Liste versammelt worden waren - für die deutsche Literaturgeschichte die wohl maßgebliche Aufstellung mit nachhaltiger Wirkung. Denn längst nicht alle der vermeintlich „zersetzenden“ Werke überlebten das Autodafé. Nur ein Teil der Autoren wurde im Deutschland der Nachkriegsjahre rehabilitiert.

Die Geschichte der Bücherverbrennung ist seither immer wieder und mit immer neuen Details erzählt worden. Nun beschäftigt sich ein Buch erstmals in systematischer Weise mit ihrem Gegenpart, also mit der Liste der dem NS-Regime opportunen Werke, der Blut-und-Boden-Prosa, dem völkischen Schrifttum der Jahre 1933 bis 1945. Und der Befund mag überraschen. Denn während man sich im nationalsozialistischen Deutschland leicht mit der Benennung dessen tat, was der „Aktion wider den undeutschen Geist“ geopfert werden sollte, zeigten sich die Kulturgewaltigen wankelmütig in der Frage, was es zu fördern und zu bewahren gelte.

Sie waren kompromissbereit bis zur Selbstverleugnung, pragmatisch wie Unternehmer und zerstritten bis aufs Blut. „Reichserziehungsministerium, Innenministerium, Propagandaministerium, Dienststelle Rosenberg, die Kulturverwaltung der Länder und Provinzen, die Kulturämter der Partei, die Reichskulturkammer mit ihren Einzelkammern, die Organisation ,Kraft durch Freude', der Dozentenbund, der Studentenbund, die entsprechenden Berufsverbände sind im einzelnen bemüht, nationalsozialistische Kulturpolitik und Kulturarbeit zu treiben, ohne dass es bisher gelungen wäre, diese vielfältig wirksamen Kräfte zu einer geschlossenen, in den grundsätzlichen Teilen aufeinander abgestimmten, planend vorausschauenden Kulturpolitik zusammenzufassen.“ So steht es 1938 im Jahresbericht des Reichssicherheitshauptamts. Gab es ihn am Ende also gar nicht, den heiser proklamierten Kanon der Nationalsozialisten?

Gefahr und Wert der Unterhaltung

Christian Adam hat sich dieser Frage in seiner an diesem Donnerstag erscheinenden Studie „Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich“ (Galiani Berlin Verlag) von zwei Seiten genähert. Zur Quantifizierung hat er dreihundertfünfzig Werke herangezogen, die mit einer Auflage von jeweils mindestens hunderttausend Exemplaren zu den unbestreitbaren Bestsellern der NS-Zeit zählten. Zur Qualifizierung beschränkt sich Adam dabei nicht nur auf die Gattung des Romans, sondern macht vor allem Tatsachenliteratur, Ratgeber und Landserheftchen als Zugpferde der literarischen Produktion jener Zeit aus. Weil die Bücher nicht allein ihrem ideologischen Gehalt nach analysiert werden, sondern in Bezug auf ihre soziale und ökonomische Funktion, wird die Komplexität einer Branche sichtbar, die es wie kaum eine zweite verstand, zwischen Ideologien, wirtschaftlichen Zwängen und politischen Kompromissen zu lavieren - und dabei für die Zeit doch manch unzeitgemäße Publikation hervorzubringen.

Hitler zum Beispiel besaß nicht nur Bücher über die Zucht von Schäferhunden, sondern liebte auch die Abenteuergeschichten von Karl May. Dieser habe ihn gelehrt, so Albert Speer später in seinen Spandauer Tagebüchern, „dass es nicht notwendig sei zu reisen, um die Welt zu kennen“. Goebbels wiederum war alle Lektüre recht, die dem „Führer“ billig war. Anders sein Gegenspieler Alfred Rosenberg. Als Beauftragter für „die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ sah dieser in der Unterhaltungsliteratur eine Gefahr für die Volksgesundheit, die in friedlichen Zeiten zwar unter dem Schein des Harmlosen geduldet werde, in entscheidenden Stunden aber verhängnisvoll werden könne.

Am Streit über die zulässige „Verunreinigung“ des deutschen Schrifttums etwa mit den Herz-Schmerz-Geschichten von Hedwig Courths-Mahler lässt sich die Zerrissenheit der nationalsozialistischen Kulturpolitik am gründlichsten nachvollziehen. Während Goebbels den ästhetischen Wert des Trivialen psychologisierte und damit für die Politik fruchtbar machte („Ein bisschen Entspannung“, notierte er im Kriegsjahr 1940, „das tut so gut!“), gefiel sich Rosenberg in der Rolle des kunstsinnigen Gralshüters. Anton Zischkas Rohstoff-Roman „Ölkrieg“, in dem Deutschlands Unabhängigkeit von fremden Energiequellen propagiert wurde, oder Karl Aloys Schenzingers „Anilin - Roman eines Farbstoffs“ - mit knapp einer Million verkaufter Exemplare das neben Hitlers „Mein Kampf“ und Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ meistgedruckte Buch der Ära - waren gerade noch nach seinem Geschmack. Auch Forscherbiographien, die ihre Protagonisten (etwa den Mediziner Robert Koch) als Volkshelden feierten, fanden reißenden Absatz. Gleiches gilt für Lebenshilfebücher, von „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ bis hin zu „Kind, Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist“, einem skurrilen Buch über das Nacktwandern.

Die Deutschen lieben dieses Buch

Interessant hinsichtlich der Debatte, ob Unterhaltungsliteratur in der nationalsozialistischen Kulturpolitik ihre Berechtigung habe, ist auch der Fall „Vom Winde verweht“. Zwar geriet die Autorin Margaret Mitchell bei Kriegseintritt der Vereinigten Staaten ab Ende 1941 in Misskredit. Trotzdem war ihr Bürgerkriegsepos in Deutschland mit einer Auflage von dreihunderttausend Exemplaren aus den Bücherregalen nicht mehr wegzudenken. „Niemand kann leugnen“, so eine Rezensentin in der „Frankfurter Zeitung“, „dass es abwechselnd mit Best Sellers von krasser Mittelmäßigkeit solche von starker Eigenwilligkeit und dichterischen Qualitäten gegeben hat.“ Und auch Bernhard Payr, ein Mitarbeiter in Rosenbergs „Amt für Schrifttumspflege“, bekannte sich zähneknirschend zu den Qualitäten von Mitchells Werk. Auf der inhaltlichen Ebene aber kam er zu dem Schluss: „In der Einsicht, dass ein verlorener Krieg schlimmer ist als alle vorangegangenen Schrecknisse während des Krieges selbst, liegt eine der positivsten Erkenntnisse und Lehren dieses Buches.“

Gut arrangieren konnte man sich auch mit der vordergründig unhinterfragt bleibenden Rassenhierarchie des Buchs: einer „Herrenklasse“ und den „guten Schwarzen“, die sich bereitwillig unterordnen. So mochte zwar mancher Kulturlenker die Nase über den geschmeidigen Bestseller amerikanischer Provenienz rümpfen. Die Deutschen jedoch liebten „Vom Winde verweht“.

Subtil plazierte Ideologie

Insgesamt aber, so der überraschende Befund Adams, waren es eher die mittelmäßigen und thematisch unauffälligen Bücher, die den Buchmarkt der NS-Zeit dominierten. Die Scharfmacher des Blubo-Genres, die fanatischen Blut-und-Boden-Bücher, spielten hingegen allein aufgrund der schwachen Nachfrage eine untergeordnete Rolle. Die Buchbranche wollte, genau wie die Musikszene, Geld verdienen. Also musste die Ideologie subtiler plaziert werden.

In dieser Hinsicht schien der Frontbericht besonders geeignet. Hans Zöberlein reüssierte mit seinen unverhohlen chauvinistischen Erinnerungen „Glaube an Deutschland“ und „Befehl des Gewissens“ gleich doppelt. „Sein langnasiges dunkeläugiges Subalterngesicht mit Hitlerbürstchen“, wie Victor Klemperer, der jüdische Autor der Lingua Tertii Imperii, spöttisch notierte, erblickten Hunderttausende Leser schon auf dem Buchumschlag. Doch die Wehrbelletristik barg Risiken. Ernst Jüngers „Marmorklippen“, die viele schon damals als schaurige NS-Parabel lasen, gelangten kurioserweise unbeschadet in die Frontbuchläden, während Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ wegen allzu naturalistischer Schilderungen des Soldatenalltags bis hin zu schlimmsten Verwundungen schon bei den Bücherverbrennungen auf die schwarze Liste kam.

Lücken der Gleichschaltung

Inkonsequenzen wurden jetzt allenthalben sichtbar: Der Zukunftsroman hatte reaktionär zu sein, weil visionär ja schon die Nazis waren. Krimis etwa waren Verkaufsschlager, mussten aber von ihren angloamerikanischen Einflüssen befreit werden. Paul Alfred Müller füllte seine Jugendromanheftchen mit ideologischem Brimborium. Die Zensoren kritisierten daran später die „Entwürdigung der Fragen, um deren Lösung die Besten ringen“.

„Kann man im Hinblick auf die Literatur im Dritten Reich von einer ,erfolgreichen Gleichschaltung' sprechen?“, fragt Christian Adam in der Einleitung seines Buches. Nein, muss die korrekte Antwort lauten. Anhaltendes Kompetenzgerangel führte zu den widersprüchlichsten Haltungen. Auch mangelte es den Nationalsozialisten an guten linientreuen Autoren. Um über die künstlerische Armut ihres zwölf Jahre währenden tausendjährigen Reiches hinwegzutäuschen, mussten sie mit „zwiespältigen“ Autoren wie Antoine de Saint-Exupéry, Margaret Mitchell und Hans Fallada Kompromisse schließen. „Die kommerziell erfolgreich gewordenen ,Dissidenten' und die mit sensiblen Sensoren ausgestatteten Unterhaltungsprofis bestimmten am Ende jener zwölf Jahre beinahe das Bild.“ Ohne sie, schreibt Adam, wäre kein Staat zu machen gewesen.

Bei genauer Betrachtung aber auch keine Bundesrepublik. Zahlreiche Autoren, die unter dem NS Bestseller verkauften, schrieben auch in den fünfziger Jahren erfolgreich weiter. „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl ist nur einer von vielen Unterhaltungsstoffen, die sich nahtlos in die neue Zeit einfügten. „Lesen unter Hitler“ lenkt unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Brüche der nationalsozialistischen Kulturpolitik, sondern auch auf die eigentlich interessanteren und insgesamt noch wenig erforschten Kontinuitäten.

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