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„Lesen!“ mit Elke Heidenreich : Kaffeeklatsch über Nazis

Immerhin: Nach der Lektüre waren sie „heller”. Claus Peymann und Elke Heidenreich in „Lesen!” Bild: Max Kohr

Jeder Klappentextschreiber hätte sich gescheut, derart tief zu sinken: Mit Claus Peymann plauderte Elke Heidenreich in ihrer Sendung „Lesen!“ über Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“. Dreißig Minuten Phrasendrescherei.

          Der Band „Frauen beim Kaffeeklatsch“ war in diesem Umfeld einfach nicht zu machen. Schreibt Elke Heidenreich in „Elkes Kolumne“ auf der Webseite von Elke Heidenreichs Sendung „Lesen!“ Mit dem Umfeld meint Elke Heidenreich Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“. Kaffeeklatsch und Nazis, das geht nicht. Aber Kaffeeklatsch über Nazis, das ging schon.

          Heidenreich ist extra fünf Tage nach Holland gefahren, um Littell zu lesen. Daß sie ihn gelesen hat, betont sie während der Sendung mehrfach. Überhaupt kommt das Wort „Lesen“ gefühlte einhundert Mal in dreißig Minuten vor, so als hätten Gastwirtschaften als Erfolgsrezept bewiesen, auf den Speisekarten hundertmal das Wort „Essen“ abzudrucken. Vielleicht aber auch, weil Elke Heidenreich in einem Gespräch mit „ZDF-online“ über ihre Redakteurin, Marita Hübinger, mitgeteilt hat: „Marita liest wirklich alle Bücher, die wir in der Sendung haben“.

          Sie hat das Buch gelesen. Aber das macht nichts

          Lesen und wirklich lesen. Bedenkt man, dass die letzte Sendung am 7. März ausgestrahlt wurde und die Bücherliste Werke im Umfang von gut 3200 Seiten enthält, dann kommt man zusammen mit „Frauen beim Kaffeeklatsch“ und der ebenfalls im Internet von Heidenreich empfohlenen „Zaira“ von Catalin Florescu auf siebzig Seiten pro Tag. Nähme man an, Frau Heidenreich wäre ein wenig wählerisch und lobhudelte nicht jedem, sondern beispielsweise nur jedem dritten Buch, das sie gelesen hat, wären es schon 210. Man fragt sich, wo die Frau Zeit zum Nachhollandfahren überhaupt hergenommen hat.

          Littell also hat sie, sagt sie, wirklich gelesen. Sagen freilich kann sie darüber trotzdem nur, was auch sagen könnte, wer es wirklich nicht gelesen hat, weil es nämlich aus der Phrasendreschmaschine kommt. Phrasen aber sind in diesem Umfeld seit jeher zu machen. „Die“ Literaturkritik hat natürlich „versagt“, darin sind sich Heidenreich und ihr Gast Claus Peymann einig. Die Literaturkritik versagt ja immer, sogar wenn sie sich, wie im Falle Littells, ziemlich uneins ist, versagt sie als Ganze.

          Wer wird sich da bei Fragen der Verständlichkeit aufhalten?

          Immerhin beschämen Redensarten wie diejenigen Heidenreichs und Peymanns, Littell sei „monumental wie Thomas Mann“ (Peymann), sein Held ein „homoerotischer Bursche, der alles voraussieht“, wie Thomas Mann (Peymann), man sei nach dem Lesen „ein anderer“ (Heidenreich), „heller“ (Peymann), und gut an dem Buch, dessen Inhalt „so schwer ist“ (Heidenreich), sei auch, dass „alles belegt“ sei (Heidenreich), beschämte also solches Gerede jeden Klappentextschreiber, der sich davor scheute, derart tief zu sinken. Simple Überlegungen wie die, inwiefern man denn gleichzeitig sagen kann, die Nazis seien Bohemiens mit Neigung zum Exzess gewesen, und Littell dafür loben, er zeige, wie die Völkervernichtung auf dem Reißbrett entstanden sei, wie also Bohemiens zum Reißbrett passen, sind schon zu hoch.

          Überhaupt steht alles „in einem Zusammenhang vom Mittelalter bis heute“ (Heidenreich), wer wird sich da bei Einzelheiten, gar bei Fragen der Verständlichkeit aufhalten. Doch darum geht es ja auch gar nicht, sondern um die Beschwörung des Lesens als solchem, ganz unabhängig vom Denken. Die vielgeschmähten Kochsendungen im Fernsehen haben immerhin für sich, daß die Zuschauer Rezepte bekommen. Diese Lesesendung hingegen hält nur Waren in die Kamera und sagt „super!“ dazu. Noch die primitivste Literaturkritik gibt mehr Entscheidungshilfe. Noch das dümmste Argument achtet, indem es sich wenigstens bemüht, eines zu sein, das Publikum höher.

          Quelle: FAZ.NET

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