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Leipzigs Buchkinder Ein Archiv für die Phantasie

 ·  Die Initiative Buchkinder Leipzig ist eine Buchstaben- und Bilderinsel, die sich zum Archipel auswächst. Denn das Konzept wurde inzwischen deutschlandweit adaptiert. Nun steht Anfang 2013 die Eröffnung eines Buchkindergartens bevor.

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© Buchkinder Leipzig Mit Linolschnitten werden die Texte illustriert. Dabei liegt die Herstellung vom Schreiben übers Bebildern bis zur Gestaltung der Bücher in den Händen der Kinder

„Der Jesus von den Raben ist ... - äh: Was steht da?“ Cosima stutzt. Sie sitzt wie eine Bremer Stadtmusikantin auf einem Turm aus Tisch und Stuhl und versucht ihre neue Geschichte vorzulesen. „Die kann ihre eigene Schrift nicht lesen!“, spottet ein flottes Mädchen aus den Zuhörerreihen. Es ist die vier Jahre ältere Schwester, die solche Probleme längst überwunden hat. Wir sind im Leipziger Grafikerviertel bei einer gewöhnlichen Werkstattlesung der Buchkinder Leipzig e. V., einem Ort, an dem Kinder ihre eigenen Bücher schreiben können.

Cosima lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach einer Weile Buchstabenakrobatik bringt sie den Satz aus ihrer Rabenkindergeschichte zu Ende: „Der Jesus von den Raben ist auch ein Rabe.“ Dieser kleine Aphorismus zum anthropozentrischen Gottesbild ist nur eine der zahlreichen Weisheiten, die bei den Buchkindern archiviert werden.

Ein Baum auf Reisen

Um Cosimas Schwierigkeiten zu veranschaulichen, hier ein Einblick in ein anderes, bereits gedrucktes Buch der zum Entstehungszeitpunkt siebenjährigen Helena: „Ein Baum steht Einsam auf Einer Großen Wiese . . . Er stet und Frirt da so da komt di Sone Und wermt in. Da komt auch noch ein Vogel und setzt sich auf einen Ast. Er azelt dem Baum vom Süden. Der Baum wierd neugirich. Dem Baum ist so warm. Er hat so fil Kraft das er sofort loslaufen will doch seine Worzeln halten in fest. Der Baum reißt mit seinen Esten semtliche Worzeln heraus und läuft los. Immer nach Süden.“

Der Baum begegnet auf seiner Reise allerlei spannenden Abenteuern. Zum Schluss aber findet er sein persönliches Arkadien, indem er eine als „Wachhund“ arbeitende Giraffe ablöst: „Der Baum machte der Giraffe einen vorschlag du kannst wekrenen und ich vertretedich.“ Auf einer Illustration sieht man ihn in voller grüner Zufriedenheit Wache schieben.

Freude an der Sprache ohne Leistungsdruck

Als Schulaufsatz würde diese schöne Geschichte voller Unterstreichungen und Korrekturzeichen zurückkommen. Aber sie steht eben nicht in einem Aufsatzheft, sondern - nach Buchkinderart - in einem richtigen leinengebundenen, von bunt leuchtenden Linoldrucken begleiteten Buch und wurde in einer Auflage von dreißig Exemplaren gedruckt. Im Onlineshop des Buchkinderverlags kann es, neben vielen anderen, erworben werden.

Lernen deutsche Kinder nun Falschschreiben? Hat man hierzulande nach den vielen Rechtschreibreformen die Flinte ins Korn geworfen und eine anarchische, orale Schreibweise eingeführt? Kein Grund zur Sorge. Die Buchkinder Leipzig sind seit 2001 ein gemeinnütziger Verein, der Kindern ganz ohne Leistungsdruck die Freude am Umgang mit Sprache vermittelt. Korrigiert wird nicht. Das würde den Fluss der entstehenden Geschichte bremsen und bei manchem Kind das Erzählen blockieren, meint die Geschäftsführerin Birgit Schulze Wehninck. Die unermüdliche Kinderbuch- und Buchkinderbotschafterin war in ihrem früheren Beruf Landschaftsarchitektin und forschte unter anderem in den Vereinigten Staaten über die letzten innerstädtischen Cowboys von New York City. Ihre Liebe zu geschriebenen Geschichten entdeckte sie durch den Einstieg in den Verein vor neun Jahren.

Schreibenüben wie Geigelernen

Rückendeckung bekommt Schulze Wehnincks Einschätzung zur Rechtschreibung von den wissenschaftlichen Empfehlungen der letzten Jahre, wonach Diktate im Grundschullehrplan nicht mehr für sinnvoll erachtet werden. Aber es geht der Buchkinder-Initiative nicht um (reform-)pädagogische Positionen, sondern um ein spielerisches und künstlerisches Verhältnis zur Sprache und um das Selbstvertrauen, das durch den Zugang zu eigenen Ausdrucksmitteln gestärkt wird. Bild und Schrift haben dabei den gleichen Stellenwert.

Man kann sich das Schreibenüben bei den Buchkindern wie beim Geigelernen vorstellen: Würde man gleich zu Anfang nur auf reine Töne bestehen, brächte das Kind überhaupt nichts aus dem Instrument hervor. Die Lust am Sprachklang kommt im deutschen Bildungssystem zu kurz. Die Buchstabenexperimente der kleinen Leipziger Autoren sind in diesem Zusammenhang vor allem auch ein bereicherndes Lesenlernen für Erwachsene.

Eine literarische Wanderausstellung

Zunächst war die Buchkinder-Aktivität, die im Wohnzimmer des Gründers Ralph Uwe Lange begann, als Freizeitprogramm geplant, inzwischen wird der auf mehreren innerstädtischen Standorten fußende Verein auch von Schulen angefragt und das Büchermachen ins Unterrichtsprogramm aufgenommen. Und die Erzählfreude der Kinder ist so ansteckend, dass sich das Projekt mittlerweile flächendeckend über Deutschland ausgebreitet hat.

Ein entscheidender Auslöser dafür waren die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt, bei denen die Kinder auf Einladung der Veranstalter seit 2002 vertreten sind. Die Nachfrage nach ähnlichen Initiativen war groß. Die Leipziger konzipierten daraufhin eine Wanderausstellung, in deren Rahmen Workshops für interessierte Initiatoren gehalten wurden. In siebzehn deutschen Städten - darunter Weimar, München, Berlin, Mainz und Chemnitz - haben sich Ableger gebildet. Sogar in Neapel wurde eine Initiative gestartet, und auch in Nairobi, in Zusammenarbeit mit dem Goethe -Institut in Kenia, haben Birgit Schulze Wehninck und Team mit Kindern Bücher produziert.

“Damals hatte ich noch Phantasie“

Allein in der Buchstadt Leipzig konnten fast zweihundert Kinder im letzten Jahr ihre Geschichten zu Büchern machen. Für den Nachmittagskurs kommt jedes Kind einmal pro Woche in die gemütlichen Werkstatträume des Vereins. Eine bunte Mischung aus ehrenamtlich und geringfügig Beschäftigten kümmert sich dort um die Kinder.

“Damals hatte ich noch Phantasie“, seufzte die neunjährige Dalma zur letzten Leipziger Buchmesse mit Blick auf ihr erstes Buch - als wüsste sie schon sehr gut, um was für ein kostbares Gut es sich dabei handelt. Auch den Mitarbeitern des Vereins ist es heilig: Kommt eine Geschichte ins Stocken, stellt die langjährige Mitarbeiterin Siri Köppchen „Fragen, die möglichst wenig enthalten“. Zur Kunst der bescheidenen, unauffällig präsenten Frau gehört es, Anregungen zu geben, keine Vorgaben.

Nicht nur Kinderbücher

Auch der Umgang mit düsteren Familiengeschichten und der Verarbeitung medialer und sozialer Gewalterfahrung gehört zu den Aufgaben der Erwachsenen. Vor allem im „Brennpunktviertel“ rund um den Standort in der Schulze-Delitzsch-Straße entstehen nicht nur bunte Geschichten im Märchenton, sondern teilweise deftige Sozialreportagen. „Was ist Religion?“, heißt die Frage in einem Buch. Antwort: „Religion ist das, was wir nicht machen dürfen.“ Das schreiben Kinder in der Mitte Deutschlands.

Nicht alle von Kindern geschriebenen Bücher sind auch Kinderbücher. Eines wurde in Absprache mit den jungen Autoren mit einem richtigen Vorhängeschloss versehen. Dahinter verbirgt sich in seiner ganzen krakeligen Realitätsnot ein potentielles Standardwerk für Eltern, Pädagogen und Kulturpolitiker.

Sprache als Kompensationsgrundlage

Zu Anfang des nächsten Jahres soll ein Buchkindergarten eröffnet werden. Ein Ort für die Phantasie, ein Literatur-Institut für die Kleinsten wird entstehen, allerdings ganz der Sprachlust, nicht der Starproduktion verpflichtet. Das Richtfest für die ansprechende Architektur im Leipziger Stadtteil Lindenau wurde bereits begangen. Zum feierlichen Anlass war auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels vertreten, berichtet der maßgebliche Bauleiter und Stadtraumgestalter Sven Riemer, der bei der Beuys-Schülerin Shelley Sacks an der Oxforder „Social Sculpture Research Unit“ studiert hat.

Das Leipziger Amt für Jugend, Familie und Bildung hat die Initiative gern mit vorangetrieben, nicht nur um dem starken Geburtenanstieg in der Messestadt gerecht zu werden. Der Amtsleiter ist seit Jahren selbst in der Leseförderung aktiv. Die Vermittlung von Sprachfähigkeit als „Kompensationsgrundlage für sozial Benachteiligte“ ist ihm erklärtes Herzensanliegen.

Philosophischen Kühe und zaubernde Silberfische

Dass es beim Büchermachen jedoch auch um Marktstrategien und Finanzierungspläne geht, gehört für die Mitarbeiter der Buchkinder zum Alltag. Trotz vieler Unterstützer und Ehrungen müssen sie erfahren, dass es Bücher nicht leicht haben, ihren Platz in der Welt, schon gar nicht in der kulturpolitischen, zu finden. Zuletzt hat dem Verein der Abbau der staatlichen Beschäftigungsförderungsmaßnahmen eine tragende Säule der Personalkostendeckung genommen - eine Erfahrung, die viele gemeinnützige Initiativen machen mussten. Für die Buchkinder bedeutet das unter anderem die Streichung zweier Standorte. Selbst ein Programmangebot für fünfzig Kinder scheint für das neu anlaufende Schuljahr noch fraglich, eine institutionelle Förderung ist nicht in Aussicht. Was soll man dazu sagen? Als hätte Fatima es gewusst: „Und dann bekam sie von den ganzen trama einen richtik krosen Schweinehunger.“

Womöglich aber bedeutet die Buchkinderarbeit bei der momentanen Lage der kleinen und mittleren Verlage auch in der deutschen Lesegesellschaft mehr als einen symbolischen Meilenstein. Der quirlige Stand auf der letzten Leipziger Buchmesse mit all den humorvollen Geschichten von philosophischen Kühen und zaubernden Silberfischen, vom bösen Fleischertofu und strichmännchenverliebten Mäusen setzte ein farbenfrohes Zeichen gegen allzu einseitige E-Book-Prognosen. Die Zukunft des analogen Buchs scheint bei den freudestrahlenden jungen Geschichtenerfindern betreffs des Potentials nicht weniger interessant als das elektronische Pendant. Wenn die Kinder ihre Nasen zusammen in die druckfrischen Bücher halten, springen die Spiegelneuronen auf Hochtouren und man steckt die eigene Nase sofort dazu. Und dann verrät man sich mit „roser Herzchsenwangn“ beim Verlieben in Seiten wie diese: „Das Nichts sieht aus wie ein Elefant. Es richt nach Saltz. Es ist ganz ganz leicht mittel schwer.“

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