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Leipziger Buchpreis : Ohne Fanfare und Trompete

  • -Aktualisiert am

Sibylle Lewitscharoff triumphiert mit ihrem Roman „Apostoloff” Bild: dpa

Die Überraschung bei der Vergabe des Leipziger Buchpreises konnte so groß gar nicht werden, schon in der Vorauswahl waren die Etablierten unter sich. Sybille Lewitscharoff, Herfried Münkler und Eike Schönfeld nahmen ihre Auszeichnungen in einer nüchternen Zeremonie entgegen.

          Suhrkamp hat momentan einen Lauf, keine Frage. Umzugsstreit hin oder her: Literarisch hat der Verlag lange nicht mehr so viele Erfolge feiern können. Im vergangenen Jahr bekam Uwe Tellkamp den Frankfurter Buchpreis und nun Sibylle Lewitscharoff den Preis der Leipziger Buchmesse. Mit Andreas Maier war ein weiterer Suhrkamp-Autor in der engeren Wahl. Mit der Auszeichnung für Lewitscharoffs Roman „Apostoloff“, einer böskomischen und zugleich von religiösem Glühen durchzogenen Abrechnung mit dem Vater und seinem Herkunftsland Bulgarien, fand eine sehr nüchterne Zeremonie ihren angemessen emotionslosen Höhepunkt.

          Als der Autorin von Sachsens Kulturministerin Stange der Preis überreicht wurde, beschied sie knapp, sie sei „im Gegensatz zur Erzählerin des Buches und zu Thomas Bernhard eine sehr dankbare Natur“. Ansonsten überwog auch hier die stille Genugtuung - ein größerer Gegensatz zum vergangenen Jahr war kaum denkbar, als Clemens Meyer sich vor Freude selbst die Bierflasche über den Kopf goss.
          Bei der diesjährigen Prozedur sorgten allenfalls die technischen Pannen („Hier sollte jetzt die Fanfare kommen, na dann fangen wir eben ohne an“) für Überraschung. Die einleitende Rede von Kulturstaatsminister Neumann war nicht nur für die notorischen Buchmessennachtmenschen zum Eindösen langweilig, sondern auch merkwürdig wirr. Seine fahrige Verteidigung der Buchpreisbindung war eher geschäftsschädigend, und auch seine Ausführungen zur digitalen Zukunft des Buches wirkten wenig durchdacht „Je mehr online, desto größer die Gefahr der Egalität“. Oder sagte er „Kriminalität“? Es war kaum zu unterscheiden, ergibt aber auch beides gleich wenig Aufschluss.

          Dankbar, abgeklärt, glücklich

          Der Juryvorsitzende Ulrich Greiner nutzte seine Rede dann immerhin, um den Leipziger Preis gegen die Kritik zu verteidigen, die eigentlich im vergangenen Jahr dem Frankfurter Preis gegolten hatte: Er ziehe, so hieß es, zuviel Beachtung von den anderen Büchern ab und die Juroren ließen sich zu stark von Proporzüberlegungen leiten. Greiner hielt überzeugend dagegen, solche Preise seien eine wichtige Waffe in dem sich immer weiter verschärfenden „Kampf um Aufmerksamkeit“. Im Grunde aber legitimieren sich die Preise allein durch ihre Träger.

          Lewitscharoff an der Seite der beiden anderen Preisträger Herfried Münkler (r.) und Eike Schönfeld
          Lewitscharoff an der Seite der beiden anderen Preisträger Herfried Münkler (r.) und Eike Schönfeld : Bild: ddp

          Und gegen die Preisentscheidungen ist auch in den anderen Kategorien gar nichts einzuwenden. Der Berliner Politologe Herfried Münkler erhielt für seine Studie über „Die Deutschen und ihre Mythen“ den Sachbuchpreis, den er mit professoraler Abgeklärtheit und Dank an Universität und Gemahlin entgegennahm; der verdiente Übersetzer Eike Schönfeld wurde für seine Neufassung von Saul Bellows Meisterwerk „Humboldt Vermächtnis“ ausgezeichnet. Schönfeld immerhin sah man sichtlich an, dass er von seiner Wahl beglückt und wohl auch überrascht war.

          Etablierte unter sich

          Ein bisschen hatte man schon bei der Bekanntgabe der Shortlist den Eindruck gehabt, die traditionelle Ausgewogenheit und Seriosität der Leipziger Jury könne auch zur Bürde werden. Bei der Belletristik waren mit Kehlmann, Genazino, Andreas Maier, Reinhard Jirgl und eben Lewitscharoff sehr etablierte und bereits vielfach gewürdigte Autoren auf der Liste; allenfalls Julia Schoch konnte als unerwartet gelten. Dabei gibt es gerade in diesem Jahr einige sehr gelungene Debüts. Mit dem Preis für Lewitscharoff war dann auch vorher schon allgemein gerechnet worden: Genazino sei schon Büchner-Preisträger, Jirgl gelte als zu schwierig, und Kehlmann habe sich schon seine Chance verdorben, weil er der Preisverleihung wegen Terminproblemen fernbleiben musste: Er war bei der Konkurrenz, der lit.Cologne.

          Im Sachbuch waren mit der Schernikau-Biographie von Matthias Frings und dem Händel-Essay des Musikkenners und -liebhabers Karl-Heinz Ott immerhin zwei Werke nominiert, die aufhorchen ließen. Die Auszeichnung für Münkler geht aber auch hier eher auf Nummer Sicher. Bei den Übersetzern war sonst wie in den letzten Jahren schon eigentlich jeder preiswürdig, vor allem auch die „Don Quijote“-Übersetzerin Susanne Lange. Aber nachdem sogar Barack Obama Saul Bellow als seinen Lieblingsautor bezeichnet hatte, lag die Wahl Schönfelds nahe, die auch den Kiepenheuer Verlag für sein Engagement in Sachen Bellow ehrt. Am Ende ist es dem Leipziger Preis wie mit jedem anderen: Desto besser die Bücher, desto weniger egal.

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