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Leipziger Buchmesse eröffnet : Grenzenloser Einsatz

  • -Aktualisiert am

Der Autor Martin Pollack wurde mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt Bild: dpa

Die japanische Katastrophe drückt auch auf die Stimmung der Leipziger Buchmesse. Zur Eröffnung nimmt der österreichische Schriftsteller Martin Pollack den Preis für europäische Völkerverständigung entgegen.

          Die Eröffnung der Leipziger Buchmesse begann mit einem Störfall. Einem literarischen zwar, aber doch brisanten, weil er die aktuelle Katastrophe in der Geschichte verankerte. Und weil er ein weiteres Mal daran erinnerte, dass es durchaus ein Gefahrenbewusstsein für die Monstrosität des Nuklearen gibt, allerdings ist es oft nicht in unseren Hirnen, sondern nur noch zwischen Buchdeckeln archiviert.

          Oberbürgermeister Burkhard Jung verzichtete aufs Grußwort-Parlando und las stattdessen eine Passage aus Christa Wolfs Text über die Tschernobyl-Katastrophe vor. „Eine unsichtbare Wolke von ganz anderer Substanz hat die weiße Wolke der Poesie ins Archiv gestoßen“, heißt es in „Störfall“-Band von 1986. Auch vom „strahlenden Himmel“ könne man nicht mehr reden. Und das Goethe-Wort von der herrlich leuchtenden Natur tauge nur noch zum pietätlosen Witz.

          Genauigkeitseiferer ohne Pedanterie

          Die Literatur wird im Angesicht von Fukushima ihr Sprechen verändern, variieren, überprüfen müssen. Sie wird es langsamer tun als die Verlautbarungs- und Darstellungskanäle der Medien. Martin Pollack, der zur Eröffnung der Messe im voll besetzten Gewandhaus mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt wurde, ist so ein langsamer Wort- und Erkenntnisarbeiter. Seit Jahrzehnten zeichnet der Österreicher die Kraftlinien der osteuropäischen Geschichte nach, mal in hoch aktueller journalistischer Perspektive, mal aus der erzählend-historischen Distanz des Essayisten.

          Die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff stellte ihn in ihrer emphatischen Laudatio als „Schatzheber“ und als „nervöse Nase mit Sitzfleisch für die Archive“ vor. Dieses Doppelnatur die Leidenschaft des Reporters und die Akribie des Historiographen - bestimmte Pollacks Arbeit von Anfang an. Das gilt für seine frühen Reportagen aus Slowenien, Polen und Bulgarien, für sein erstes Galizien-Buch aus dem Jahr 1984 über die damalige politische Situation in Polen, für seine Nachforschungen über den eigenen Nazi-Vater („Der Tote im Bunker“) und auch für sein jüngstes Buch, „Der Kaiser von Amerika“ (Rezension: Martin Pollacks „Kaiser von Amerika“), für das er gestern den Preis entgegennahm.

          Alle diese Texte sind mehr als nur Zustandsmeldung und politische Expertise. „Er kann erzählen“, brachte es Lewitscharoff auf den Punkt. „Er ist ein Genauigkeitseiferer ohne Pedanterie.“ Die Buchhandlungen ordnen ihn deshalb unter „Literarisches Sachbuch“ ein, aber man sollte den 1944 in Österreich geborenen Slawisten nicht auf dieses Label reduzieren - es klingt nach Zweitverwertung journalistischer Projekte. Pollacks Arbeiten überschreiten von der historischen Analyse herkommend die Genregrenzen: Er kann in der Analyse das Persönliche deutlich werden lassen und in der Anekdote den größeren Zusammenhang. Wie die von Hunger, Hass und Misswirtschaft gequälten Juden von Auswanderungsagenten hochgenommen wurden und diese Geschäftemacher Telefonate mit dem „Kaiser von Amerika“ vortäuschten, der die Exilanten angeblich willkommen hieß, das ist so eine kleine Erzählung, in der das gestern ausgezeichnete Werk ein großes Elend präzise und zugleich mitfühlend anschaulich macht.

          Gegen die Nachrichtenflut

          Das Prinzip Buch also, wie es Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins, als Gedächtnisreservoir anpries, das dem Mahlstrom der Nachrichtenticker und ihrer narkotischen Überfülle ein bewusstes Auswählen und Verdichten, also ein Literarisch-Werden der Verhältnisse - entgegensetzt: Es wurde ideal von Martin Pollack verkörpert, gerade wie er da in der prächtigen Konzerthauskulisse stand und leise, fast vorsichtig seinen Weg als Autor skizzierte. Dieser Weg führt aus jener Zeit, als Wolf über den Störfall schrieb und Gorbatschow seine Demokratie-Rede vor dem Zentralkomitee der KPdSU hielt, über die Umbrüche in Osteuropa bis zur heutigen Weltsituation, die, so Pollack, nicht weniger von Leid und Ungerechtigkeit bestimmt sei. „Das freie und wohlhabende Europa hat seine Grenzen nach Osten verschoben“, sagte der Autor. „Aber verschwunden sind diese Grenzen nicht.“ Heute seien es wir, die Bewohner der westlichen Länder, die sich hinter raffinierten Grenzen verschanzten, um die weniger Bemittelten, „die weniger Freiheit genießen als wir, draußen zu halten“.

          Vor allem Weißrussland liegt Pollack am Herzen, wo im Dezember der Präsidentschaftskandidat und Schriftsteller Vladimir Nekljajev zusammengeschlagen und unter Hausarrest gestellt wurde. Bei aller Empörung über Gewalt und Willkür dürfe man die belarussischen Autoren jedoch nicht einfach als Verfasser politischer Manifeste lesen, so Pollack. „Das literarische Wort muss seine Autonomie behalten.“ Unabhängigkeit aber heißt nicht Eingesponnensein in die eigene Artistik. Es bedeutet, frei über all jene kreativen Mittel zu verfügen, die man zum Erkennen der Lage braucht. Das galt 1986. Es gilt, Martin Pollack machte es deutlich, auch heute.

          Quelle: FAZ.NET mit dpa

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