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Leipziger Buchmesse Das Sofa der neuen Ernsthaftigkeit

21.03.2005 ·  Pathos, Preise und Palahniuk: Der Leipziger Buchmesse fehlte es in diesem Jahr an Leidenschaft und guten Büchern, an Aufbruchsgeist und neuen Themen. Denkwürdige Momente gab es dennoch.

Von Volker Weidermann
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Leipzig 2005 - das war so mittel. Es fehlte an Leidenschaft und guten Büchern, an Aufbruchsgeist und neuen Themen, und der Frühling war auch gleich nach dem Eröffnungstag schon wieder vorbei.

Selbst altgediente Begeisterungsbesucher, die seit zehn Jahren immer und immer wieder zur Messe kommen und in den vergangenen Jahren von Lesung zu Lesung rauschten, ohne Zeit zum Verweilen, „wir müssen schnell zum Muschg und dann zur Wolf und zum Volker Braun“, die konnte man in diesem Jahr mitunter ratlos stehen sehen und sich fragen: „Was machen wir denn heute abend nur?“ Und machten dann womöglich nichts. Irgendwie hat sich ein Grauschleier über diesen Frühling gelegt, auf die Welt der Politik, die Welt der Wirklichkeit, die Welt der Kunst, die Welt der Bücher. Und keiner da, ihn wegzuziehen. Wirklich keiner?

Am richtigen Ort

Oh, doch. Es gab sie natürlich auch in diesem Jahr, die Messemomente. Die Augenblicke, in denen man weiß, man ist am richtigen Ort, es gibt noch eine Leidenschaft, eine Kunst, eine Wahrheit, eine Überraschung, ein Leben: Wer ist das? Wer ist der greise Herr mit rotglasiger John-Lennon-Brille, der da lässig auf dem Blauen Sofa im Foyer der Messehallen sitzt und die Fragen Volker Panzers beantwortet?

Es ist Hans Keilson, fünfundneunzig Jahre alt, Psychoanalytiker, Schriftsteller. Sein erstes Buch wurde 1933 im S.-Fischer-Verlag veröffentlicht. „Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit“. Und er erzählt von Buchparties damals, von dem Empfang in der Grunewald-Villa von Bermann-Fischer und seiner Frau „Tutti“ und wie der alte Samuel Fischer auf ihn zukam und ihm die Hand schüttelte und sagte: „Wir bringen ja ein Buch von Ihnen“, und es war das letzte Buch eines Juden, das der alte S.-Fischer-Verlag herausbringen konnte.

Nur ein kleiner Teil des Lebens

1934 stand es auf der Verbotsliste. Jetzt sitzt er da, der greise Herr, trägt aus dem Gedächtnis ein längeres eigenes Gedicht vor, erinnert sich an die Beerdigung des alten „Samy“ Fischer und wie Gerhart Hauptmann da so aufrecht stand, erinnert sich, wie er mit Bertolt Brecht in Berlin Straßenbahn fuhr, „mit der Linie 75 von Friedenau nach Bahnhof Zoo“, und erzählt dann von seiner Flucht, 1936 nach Holland, wo er bis heute lebt - und lange schon nichts mehr schreibt, wie er sagt. Nur noch Gedichte mitunter. „Schreiben war ein Teil meines Lebens.“ Und nur ein kleiner.

Auf den Messe-Gängen herrscht wie in jedem Jahr Schulkindergedränge, und jedes dieser messebesuchverpflichteten Kinder trägt zwei, drei riesige Bertelsmann-Taschen mit Postern darin und Bonbons, Prospekten und Literaturbeilagen und Kühlschrankmagneten mit „Generation Golf“-Wörtern, die hier verschenkt werden.

Ein etwas graugesichtiger Thomas Meinecke jagt von einem „Auflegen“ zum nächsten, Oskar Lafontaine trägt schwer an seiner Aktentasche mit dem neuesten Abrechnungsbuch, „Wo ich bin, ist Gerechtigkeit“ oder so ähnlich, Wolfgang Engler entlarvt in der sogenannten „Arena“ der „Leipziger Volkszeitung“ („LVZ“), dem wahren Lese-Zentrum der Messe, eine „Verschwörung des Denkens“, weil seine guten Ideen nirgends aufgegriffen werden, der alternde Schriftsteller Hermann Kant liest von einem alternden Schriftsteller, der bei einer Schiffsüberfahrt von England nach Deutschland seekrank und ohne Kabine im eigenen Schmutz unter einer Treppe liegt, die von Schulkindern erklommen wird, die seine Bücher, glaubt er, alle als Schullektüre gelesen haben.

Der „Schrott“ von Bertelsmann

Thomas Brussig wundert sich, warum er von einem Spottredakteur der „LVZ“ interviewt werden soll, um dann beruhigt festzustellen, daß es sich vielmehr um den Sportredakteur handelt. Der bundesrepublikanische, linke Urverleger Klaus Wagenbach wiederholt auf der Diskussion zum Thema „Gründerzeit“ seine Ewigkeitsthese, daß bei den Leuten der Bertelsmann-Verlage nur Schrott, bei Wagenbach dagegen Ewigkeitswerte entstehen. Zwei Stunden später erhält die Bertelsmann-Autorin Terezia Mora für ihren Roman „Alle Tage“ den Leipziger Bücherpreis und alle sagen: sehr zu Recht.

Das war auch ein glücklicher Moment: Daß wir dieses Preishickhack jetzt endlich vergessen können. Dieses Alljahrestamtam, wie dieser Preis jetzt heißt und ob das Fernsehballett da tanzen darf und wie wir endlich eine Bedeutung da hineinkriegen, in diesen Preis. In diesem Jahr wurde er einfach verliehen. An gute Bücher von guten Autoren. 15.000 Euro pro Preisträger. Glückwunsch, zack, verdient und fertig. Alles andere interessiert außerhalb dieser Messehallen wirklich keinen Menschen.

Alles wie im letzten Jahr

Beim kleinen Empfang am Stand der Frankfurter Verlagsanstalt kann man vom Schriftsteller Andreas Maier, dessen neues Buch „Kirillow“ bei der Kritik eher schlecht weggekommen ist, den schönen, an den Verleger Joachim Unseld gerichteten Satz hören, „ich hoffe, mein Roman hat dir nicht die Karibik verdorben“, was Unseld weit von sich weist und wir jetzt mal so stehenlassen wollen.

Auf der großen Party des Rowohlt-Verlages ist auf wundersame Weise alles haargenau so wie im letzten Jahr, dieselben Männerfreunde stehen an der Bar, trinken Tequila, die Musik ist auf Dorfdisko-Niveau, der Bücherpreisjury-Vorsitzende Martin Lüdke tanzt und tanzt und tupft sich die Stirn, es ist unfaßbar heiß, und nur der Moskau-Korrespondent des ZDF, Dirk Sager, bewahrt komplett die Fassung. Kein Härchen gekrümmt, kein Schweißtröpfchen auf der Stirn, und die Krawatte sitzt wie anbetoniert, bis zum Schluß.

Die neue Ernsthaftigkeit

Oh und dort, in der Ecke, auf dem roten Plastiksofa, da sitzt ja auch die neue Ernsthaftigkeit. Da sitzt Uwe Tellkamp, der den ganzen Tag auf verschiedenen Podien mit heiligem Ernst erläutert hatte, was es auf sich hat mit seinem Willen zum großen Pathos, mit seinem Roman des konservativ-terroristischen Umsturzes der alten Bundesrepublik, der erklärt hatte, daß all die Ironiker, die er vor allem im Westen vermutet, mal, wie er, auf einer Rettungsstelle in einem Krankenhaus arbeiten sollten, dann würden ihnen ihre Witzchen und ihre Ironie schon vergehen.

Und irgendwie klingt das alles zumindest interessant, was er da verbreitet, ist wenigstens eine Meinung, ein Wille, eine Entschlossenheit, aber leider ist das Buch so hohl und leer und stilblütenreich, daß von all dem schönen Pathos nur ein Lüftchen bleibt. Später kommt es dann aber zum Glück auch noch zum sehr ausgelassenen Tanz der neuen Ernsthaftigkeit mit einer schönen Dame.

Der größte Auftritt

Den größten Auftritt auf der Messe hatte aber der „Fight Club“- Dichter Chuck Palahniuk. Er las in einem Cafe, das „Luise“ heißt, irgendwo in der Stadt, einen Auszug aus einem noch unveröffentlichten Roman, las von brutaler Gewalt und all dem Schlechten im Menschen, von sexuellen Phantasien kleiner Kinder und den brutal-ekelerregenden Unglücksfällen, die das zur Folge haben kann. Er las und las mit schonungslosem, kühlem Witz.

Es gibt Bilder von ihm, die ihn als freundlichen Hippie zeigen oder als brutalen Boxer, manche als schmalbrüstigen Intellektuellen mit großer Brille aus New York. Er war als Intellektueller gekommen, in enger, brauner Strickweste saß er vor einer grünen Wand und erzählte, was Erzählen ist und daß die Menschen früher in die Kirche gingen, um all das Schlechte aus sich herauszulassen, durch Erzählen inneren Druck abbauten, den Druck der Schlechtigkeit, und daß man heute in die Kirchen nur noch zum Gutaussehen geht, daß es keine Orte mehr gibt, wo man schlecht aussehen kann, und daß es deshalb Menschen gibt, die zu McDonald's gehen und wahllos Menschen erschießen. Therapiegruppen, das seien in Amerika die letzten Orte, wo noch die Wahrheit zähle. Da treibt er sich herum, der Schriftsteller Chuck Palahniuk. Da findet er seine Wahrheiten. Das Leben. Die Gewalt und den Stoff für seine Bücher.

Das war Leipzig. Es war mittel. Nächstes Jahr wird's wieder groß.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.03.2005, Nr. 11 / Seite 31
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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