http://www.faz.net/-gqz-80yg4

Leipziger Buchmesse : Casanova reitet auf der Venuswelle

Vom Gratis-E-Book bis zum Weltuntergang sind die Wege auf der Leipziger Buchmesse nicht weit. Bild: Ekko von Schwichow

Zwischen großer Literatur, Ratgebern für erotisches Schreiben und erschöpften Kindern: Auf der Leipziger Buchmesse geht es weniger ums Geschäft als um Beziehungen. Ein Rundgang.

          Klaus Kinski lebt: Cobra Verde mit wildem Blondschopf, so zumindest sieht der Mann aus, der hier auf die „Lügenpresse“ schimpft und am Mikrofon Verschwörungstheorien verbreitet. Vor einigen Minuten erst hat die Leipziger Buchmesse da ihre Pforten geöffnet, vor denen schon wieder Horden verkleideter Manga-Kinder warteten, die nun die Halle mit der Fantasy-Trashliteratur verstopfen. Zu diesem Genre mag das „Buch des Lichts, Band 7“ zählen, das der Kinski-Typ vorstellt. Es ist der Ex-Schlagersänger Christian Anders, der Bankern den Tod sowie Merkel und Schäuble ins Gefängnis wünscht. Dann, kein Scherz, prophezeit er den baldigen Weltuntergang. Er hat zwar nur ein Häuflein Zuhörer, aber einige applaudieren.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei der Eröffnung am Mittwochabend im Gewandhaus hatte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, von der Meinungsfreiheit geredet, die es zu verteidigen gelte, heute mehr denn je. „Für das Wort und für die Freiheit“, lautet der Slogan der Messe. Auch solche Meinungen wie die von Christian Anders muss eine Buchmesse wohl aushalten, wobei für ihn vielleicht besser der frühere Slogan „Vorsicht, Buch“ gepasst hätte.

          Tipps einer Senkrechtstarterin

          Ausgerechnet diesen Querulanten herauszugreifen ist natürlich ungerecht. Leipzig, die gemütliche Lesemesse, bei der das Geschäftliche nicht so im Vordergrund steht wie in Frankfurt, hat ja noch ganz anderes zu bieten. Dieses Jahr zum Beispiel eine ganze Flut von Erotikliteratur im Fahrwasser des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“. Da segeln etwa „Season of Desire“ oder „80 Days - Die Farbe der Lust“. Auch beim Tübinger Konkursbuch Verlag liegt der Tisch voll mit Erotik-Titeln wie „Venuswelle“ oder einem Autorenratgeber namens „Dirty Writing“.

          Und dann ist da noch Annie Stone, die eigentlich eine deutsche Politikwissenschaftlerin ist, aber im vergangenen Jahr auf einer Selfpublishing-Plattform mit „Writing Her Own Story“ debütierte, einer Art selbstreflexivem „Mummy Porn“. Das lief so gut, erzählt sie auf dem Podium „Marketingtipps einer Senkrechtstarterin“, dass sie innerhalb eines Jahres sage und schreibe acht Erotik-E-Books veröffentlichte - darunter fünf in den Top-Ten-Hits auf Amazon, mit Gesamtverkaufszahlen im sechsstelligen Bereich.

          Aber nicht nur im E-Book, auch im Hörbuch hat Erotik Konjunktur. Ein digitaler Hörverlag bewirbt die ungekürzte Lesung von Casanovas Memoiren (137 Stunden), mit besonderer Empfehlung von Roger Willemsen. Giacomo Casanova, heißt es, war „ein großer Autor, ohne es zu wissen“; man verdanke ihm „die vollständigste und farbigste Abbildung des 18. Jahrhunderts in der Weltliteratur“. Casanova in Ehren - wenn dereinst die Relikte des 21. Jahrhunderts ausgegraben werden, wird man hoffentlich nicht das Gesamtwerk von Annie Stone für seine vollständigste Abbildung halten.

          Das Grundrauschen der Konzerne

          Für alte Ideale und hohe Kunst ist auf der Messe aber auch Platz. Als der rumänische Autor Mircea Cărtărescu für seine 1800 Seiten lange „Orbitor“-Romantrilogie zum Auftakt am Mittwoch den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegennimmt (siehe nebenstehendes Interview), bezeichnet er die Literatur als seine Religion und hält eine geradezu faustische Dankesrede: „Mein ganzes Leben lang habe ich die Anatomie, Physiologie, Psychologie, die Verhaltensweisen, die Ethik, Ästhetik und Metaphysik eines einzigen menschlichen Wesens studiert“, sagt er - einzig in der Hoffnung, „in dem kleinen Universum meines Schädels könne sich wie in einem Tautropfen die ganze Menschheit spiegeln mit all ihren Tragödien und ihrem Leid“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Suche nach U-Boot : Flugzeug entdeckt Objekt auf Meeresgrund

          Bei der Suche nach dem vermissten argentinischen U-Boot sind die Retter laut Medienberichten auf eine Wärmequelle in 70 Meter Tiefe gestoßen. Wegen des Sauerstoffmangels spricht die Marine von einer „kritischen Phase“.

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Der Jeep des Überläufers bleibt stecken.

          Korea-Konflikt : Video zeigt Jagd auf nordkoreanischen Soldaten

          Das Kommando der Vereinten Nationen in Südkorea wirft dem Norden vor, bei der Jagd auf einen Überläufer den Waffenstillstand gebrochen zu haben. Zum Beweis veröffentlicht es Videoaufnahmen, die an einen Actionfilm erinnern.
          Die Runde von Sandra Maischberger

          Talk-Kritiken : Im Beichtstuhl des Bundespräsidenten

          Nach dem vorläufigen Scheitern von Jamaika ist der Bundespräsident Herr des Verfahrens. Die Debatten in Talkshows zeigen: Auf das Staatsoberhaupt wartet keine leichte Aufgabe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.