13.03.2008 · Der Kulturbetrieb wacht auf: Die Ökonomisierung des Geistes wird zum großen Thema auf der Leipziger Buchmesse. Etliche aktuelle Sachbücher versuchen sich an einer ätzenden oder klinischen Wirtschaftskritik.
Von Christian GeyerEs ist die neue Ökonomisierung des Geistes, die auf der Leipziger Buchmesse (siehe auch: ) als Avantgarde-Thema entdeckt wird. Wie bitte? Stand Wirtschaftskritik bis gestern nicht in der Schmuddelecke ewiggestriger Kulturkritiker? War da nicht ein gewachsener Konsens, die Eppler und Rüttgers und sonstige kapitalismuskritische Stimmen auf lautlos zu stellen?
Nun hat man plötzlich den Eindruck, als gebe es ein großes Aufwachen im Kulturbetrieb des gedruckten Wortes. Der Durchgriff der Ökonomie auf Geist hat einen Grad erreicht, der nicht mehr feierlich ist und deshalb in etlichen Sachbüchern, die jetzt im Leipziger Gespräch sind, einer ätzenden oder klinischen Kritik unterzogen wird, je nach Temperament.
Schrecken und Ehrfurcht
Der Tenor dieser Neuerscheinungen ist ein alarmistischer, der weit über das hinausgeht, was wir von den einstigen Schwarzsehern der „Kulturindustrie“ kennen. Ganz und gar von heute fühlt sich eine Kritik, die offen vom ökonomistischen Verrat des Geistes spricht, vom Verrat an Neigungen und Interessen, vom Ausprobieren und Sackgassen Betreten. Alles schlottert im Zeichen von shock and awe, von Schrecken und Ehrfurcht, den die Standort-Propagandisten mit ihren Drohbotschaften verbreiten. Alles? Nein, eine Handvoll Neuerscheinungen in beinahe jedem kulturellen Sektor trotzt dem einfältigen Verwertungsgedanken, der ungeniert den Markt zur Weltanschauung erhebt und so auch dem Markt nicht guttut. In dieser Perspektive lenken die Debatten um Steuerskandale und Spitzengehälter nur ab von dem eigentlichen Skandal, der darin besteht, dass Wirtschaftslenker sich als Volkserzieher aufwerfen - begleitet von willigen Publizisten, die den nützlichen Idioten geben.
Das Menetekel, das in Leipzig an die Wand gemalt wird, liest sich so: Die Gewerbe von Information und Bildung - repräsentiert in Zeitungskonzernen, Buchverlagen, Schulgebäuden - scheitern als Widerstandsmächte, werden prostitutiv, verschimmeln als Agenturen der Aufklärung, wo sie ihre Inhalte willfährig mit Klicks und Quote und Arbeitsmarkt verrechnen. Den Geist nicht auf den Hund kommen zu lassen heißt hier: den Geist nicht Leuten ausliefern, denen für die Bewertung kultureller Produkte keine anderen Kriterien zu Gebote stehen als jene, die sie aus der Produktion von Staubsaugern, Glühlampen oder Schrauben kennen, aus OECD-Papieren zur internationalen Wettbewerbfähigkeit oder aus dem Ressort Bildung (!) der Deutschen Industrie- und Handelskammer.
Überraschender Verteidigungskampf
Die Pointe dieser Sorte Wirtschaftskritik, wie sie in einer signifikanten Reihe von Sachbüchern fassbar wird, ist eine defensive, und das unterscheidet sie von jedem fundamentalistischem Wirrwarr. Wogegen man sich wehrt, ist die schleichende Ausweitung von ökonomischen Gesichtspunkten zu kulturellen. Man führt also keinen Angriffs-, sondern einen Verteidigungskampf, dessen aggressive Energie freilich etwas Überraschendes hat.
Symptomatisch etwa Normand Baillargeons Buch „Crash-Kurs Intellektuelle Selbstverteidigung“ im Riemann-Verlag, dessen programmatischer Untertitel lautet: „Wie wir die alltägliche Manipulation aus Blenden, Täuschen und Vernebeln durchschauen“. Als seien wir im Griff der Ökonomie an einem Nullpunkt des kritischen Bewusstseins angekommen, leistet dieses Buch Aufbauarbeit am gesunden Urteilsvermögen, stärkt die Fähigkeit, in den Suggestionen eines klickgetriebenen Medienbetriebs den Sinn für die Proportionen zu wahren, mit anderen Worten: eine Nachricht von dem Tamtam zu unterscheiden, das um sie herum veranstaltet wird; die Reichweite von Argumenten von ihren profitgesteuerten Aufbauschungen und Verzerrungen zu lösen.
Subversive Werke
In dieselbe Kerbe schlägt Bernard Stiegler mit seinem Traktat „Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien“, einem scharfzüngigen Essay aus der „edition unseld“ gegen den sensationalistisch deformierten Medienbetrieb. Die These: Hier werde mit Zynismus ein triebgesteuertes Publikum herangezüchtet und Marketing als alleiniges Instrument der Sozialkontrolle etabliert. Ebenso leidenschaftlich wie kenntnisreich auch Rolf Stürners „aktuelle Intervention“ bei C.H. Beck mit dem Titel „Markt und Wettbewerb über alles?“. Dieser Rechtsgelehrte hält „Gesellschaft und Recht im Fokus neoliberaler Marktideologie“ den Spiegel vor.
Es sind Fibeln wie diese, die in Leipzig ihren Weg machen. Noch vor wenigen Jahren hätte man sich von derartigen Belehrungen nach dem Motto „Wie man sich trotz Medien informiert, trotz Schule bildet“ als Analphabet auf den Arm genommen gefühlt. Heute fühlt man, dass man ohne solche subversiven Werke in fiebriger Verblödung enden würde.