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Leipziger Buchmesse Bücher brauchen nicht nur Leser

Autorenmesse, Lesefest, Bücherregen: Das FAZ.NET Spezial zur Leipziger Buchmesse.

Wenn an diesem Mittwoch die Leipziger Buchmesse eröffnet wird, werden Rekorde zu vermelden sein, eine Übung, die ansonsten in der Buchbranche ein wenig aus der Mode gekommen ist. Zweitausend Aussteller aus neunundzwanzig Ländern stellen ihre Frühjahrsneuheiten vor, jetzt müssen nur noch mehr als jene 88.000 Besuchern kommen, die im letzten Jahr gezählt wurden. 2003 markiert für die Messegesellschaft schon deshalb eine Zäsur, weil sie erstmals schwarze Zahlen schrieb - und seither die jahrelangen Sorgenfalten um den Erhalt der Messe geglättet sind.

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Auch in seiner dreizehnten Ausgabe bietet das Lesefestival "Leipzig liest" neue Höchstleistungen: Zwölfhundert Veranstaltungen in vier Tagen sind diesmal anberaumt, soviel wie nie zuvor. Getragen wird das Festival vom Bertelsmann Buchclub, vom Mitteldeutschen Rundfunk, der Leipziger Messe GmbH, der Stadt Leipzig und dem "Haus des Buches".

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Weniger Eventcharakter

Schon im nächsten Jahr könnte Ungemach drohen, wenn der Buchclub, Erfinder und Hauptsponsor von "Leipzig liest", sich weiter zurückzieht. Noch ist offiziell nichts entschieden, nach der Messe will der Club sein Engagement überdenken. Nach Schätzungen kostet "Leipzig liest" rund 650.000 Euro - offensichtlich gut angelegt, wenn man die Resonanz bei 35.000 Besuchern zugrunde legt.

Denn "Leipzig liest" verleiht der Messe mittlerweile ihre Bedeutung. Anders als die am Wochenende zu Ende gegangene "lit.cologne" setzt Leipzig weniger auf den Eventcharakter als auf traditionelle Formen der Autorenlesung, die flächendeckend auf dem Messegelände und in der ganzen Stadt stattfinden. Der Kontakt zum schier unermüdlichen Leipziger Publikum und zu den Autoren hat sich als die Triebfeder für den Messebesuch etabliert. "Das wichtigste ist für mich das literarische Gespräch, der Austausch über deutschsprachige Autoren", sagt etwa Joachim Unseld, Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt. Die "Autorendichte" mache den fundamentalen Unterschied zur Frankfurter Buchmesse aus.

Taschenbuchverlage verzichten

Die Tatsache, daß Messen traditionell auch etwas mit Vertragsabschlüssen zu tun haben, ist offenbar in den Hintergrund getreten. Geschäfte macht man woanders, vor allem im Frühjahr bei der London Book Fair, die sich als Lizenzmesse praktisch ohne Publikum etabliert hat. Weshalb, sehr zum Leidwesen von Joachim Unseld, wichtige Programmacher aus den großen Taschenbuchverlagen auf die Teilnahme in Leipzig verzichten.

Klaus Eck, oberster Verleger von Random House Deutschland und seit der Fusion mit Heyne unangefochtener Marktführer im Taschenbuch, sagt denn auch unverblümt: "Leipzig ist eine sehr sympathische, sehr deutsche Messe, die wirtschaftlich für uns keine Rolle spielt - man könnte sie fast vom PR-Etat abbuchen." Aber auch Eck lobt die "publikumslastige" Messe als eine Schnittstelle zwischen Autoren und Lesern. Leipzig zeige immer wieder, wie viele Menschen sich eben doch für Bücher interessierten.

Einen Mehrwert, vor allem auch für kleinere Häuser, gibt es aber doch. Dem Berliner Verleger Christoph Links gefällt an dieser "nationalen Publikumsmesse" vor allem, daß die Branche endlich mal Zeit habe, sich kennenzulernen, den Kontakt zu Buchhändlern zu intensivieren. Letzteres ist besonders wichtig, um im Konzentrationsprozeß der Buchhandelsketten noch ein Bein in der Tür zu behalten. Links organisiert zehn Veranstaltungen, und er weiß den enormen Zuspruch zu schätzen: "In Leipzig kommen fünfmal so viele Besucher wie in Frankfurt zu unseren Lesungen."

Neuausrichtung des Bücherpreises

"Vom alten und vom neuen Europa" heißt der thematische Schwerpunkt des Festivals, der sich diesmal auf die bevorstehende Eweiterung der Europäischen Union konzentriert und noch mehr als ohnehin Tradition den Blick gen Osten richtet. Schon die Eröffnungsrede von Jirí Grusa, dem neuen Präsidenten des Internationalen P.E.N.-Clubs, wird sich dem Thema widmen; Autoren wie der Tscheche Jáchym Topol, der Pole Andrzej Stasiuk, der Serbe Dragan Velikic und der Ukrainer Juri Andruchowytsch werden diesen Zusammenschluß auch essayistisch bewerten. Weiter im deutschsprachigen All-Star-Aufgebot: Christa Wolf, Rolf Hochhuth, Günter Kunert, Christoph Ransmayr, Peter Bichsel, Adolf Muschg, Robert Gernhardt, Christoph Hein sowie der Autobiograph Helmut Kohl.

Der Leipziger Bücherpreis zur Europäsichen Verständigung geht in diesem Jahr an den bosnischen Schriftsteller Dzevad Karahasan. Wer den Deutschen Bücherpreis, für den Günter Grass den "Butt im Griff" als Preisskulptur entworfen hat, erhält, erfährt die Welt am 25. März im Rahmen einer MDR-Fernsehgala. Hinter den Kulissen der nach wie vor umstrittenen Auszeichnung wird bereits an einer Neuausrichtung gefeilt, die - wenn sie nicht in der Fusion mit der in München beheimateten "Corine" enden wird - so doch den Charakter des Preises ändern könnte. Gern genannt wird als Vorbild der englische Booker-Preis. Random House, Mitsponsor des Deutschen Bücherpreises, denkt in dieser Richtung nach. Klaus Eck: "Ich habe schon halblaute Zweifel, was die Gottschalkisierung bringt, oder ob die Branche nicht mehr davon hätte, wieder zu einem literarischeren Urteil über Bücher zu kommen."

Die Branche könnte in einem wenig berauschenden Frühjahr Optimismus gut vertragen. Zwar hat der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Schormann, für 2004 ein Umsatzplus von zwei bis vier Prozent diagnostiziert, aber mit dieser Einschätzung ist er bislang noch allein. Kleine Marketingoffensive: Auch Leipzig versucht sich nun, wie Frankfurt, mit freiem Verkauf. Am Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr darf an den Messeständen eingekauft werden. Bücher brauchen schließlich auch Käufer, nicht nur Leser.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite 45

 
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Veröffentlicht: 24.03.2004, 15:00 Uhr