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Leipziger Buchmesse 2014 : Wir gegen das Monopol

Cosplayer beim Messebummel Bild: dpa

Ist das Bücherparadies Deutschland noch zu retten? Im Kampf um Leser schmieden Autoren und Verleger bei der Leipziger Buchmesse unerwartete Allianzen.

          Die großen Veränderungen auf dem Buchmarkt konnte man in den Messehallen von Leipzig nicht unmittelbar besichtigen: Der Versandriese Amazon, der nun auch als Verlag in Deutschland auftreten wird, war gar nicht erst mit einem Stand vertreten. Als Vertriebsweg für dessen Bücher ist ja nur die eigene Plattform vorgesehen, weil sich der deutschsprachige Buchhandel weigert, die Produkte des Konkurrenten zu verkaufen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es gab aber noch andere ungewöhnliche Initiativen, die auf der Buchmesse verkündet wurden, aber im Schatten der Amazon-Ankündigung standen. Das 2008 gegründete Berliner Unternehmen Epubli, mit seither 25000 publizierten Titel eine der größten Selfpublishing-Plattformen in Deutschland, hat den Start seines neuen Geschäftsfelds Epubli-Lab bekanntgegeben: Neben der Publikation von E-Books und gedruckten Büchern werden künftig auch Workshops zum elektronischen Publizieren für Autoren angeboten. Gegen Bezahlung will Epubli seine Erfahrungen beim Aufbau von Gefolgschaft im Netz weitergeben und den geschickten Umgang mit Empfehlungsalgorithmen lehren.

          Armin Mueller-Stahl wurde nicht fertig

          „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt das der Unternehmenschef Jörg Dörnemann, dem nach eigener Aussage jeder Verleger-Impetus fehlt. Er will Bücher als Dienstleister auf den Weg bringen. Auch Amazon plant den massiven Ausbau solcher Geschäfte: Man will das, was klassische Verlage ihren Autoren bieten, jeweils als Einzelleistungen vermarkten, also Lektorat, Korrektur oder Marketing. Für die eigenen Amazon-Publikationen wird aber der ganze Produktions- und Absatzweg nach Ablieferung des Manuskripts in einer Hand sein. Der Schriftsteller Georg M. Oswald, seit einem halben Jahr Chef des Berlin-Verlags, sieht darin eine angsterregende Entwicklung. Auf einem Podiumsgespräch der Leipziger Buchmesse zum Thema „Words and Money“, zu dem Amazon schließlich doch keinen eigenen Vertreter entsandt hatte, bekam Oswald Beistand durch seinen englischen Kollegen John Mitchinson vom Verlag Unbound: Amazon habe vielerlei Interessen, aber das an Kulturvermittlung gehöre nicht dazu. Mitchinson bezeichnete Deutschland im Vergleich mit seiner britischen Heimat, wo Amazon längst als Verleger aktiv und als Versender besonders erfolgreich ist, als ein Bücherparadies.

          Las störungsfrei in Leipzig: Thilo Sarrazin Bilderstrecke

          Wer durch die brodelnden Leipziger Hallen ging, konnte sich kaum des Eindrucks erwehren, dass Mitchinson recht hat. Mit 175.000 Besuchern wurde wieder mal ein Rekord aufgestellt. Mehr als dreitausend Lesungen wurden an den vier Messetagen durchgeführt, und die neu geschaffene Manga-Comic-Convention (MCC) zog viel junges Publikum in die erstmals genutzte Halle 1. Dadurch wurde zugleich das übliche Gedränge in den anderen vier Hallen des Messegeländes reduziert, wobei einige Aussteller der MCC bemängelten, nun keinen Besuch von normalen Besuchern mehr zu erhalten. Auf mittlere Sicht werden sich die beiden Ereignisse wohl trennen; der Leipziger Messegesellschaft wird es recht sein – erfolgreiche Neu- oder Ausgründungen sind selten.

          Es gab diesmal keinen Publikumsmagneten in Leipzig, wie es im vergangenen Jahr Michail Gorbatschow gewesen war. Thilo Sarrazins Lesung verlief weitgehend störungsfrei und unspektakulär, und Armin Mueller-Stahls Lebensrückblick ist nicht rechtzeitig fertig geworden, so dass der deutsche Filmweltstar nicht zur Messe kam. Dadurch rückten Autoren in den Blickpunkt, die sonst unverdient Fußnoten des Geschehens geblieben wären, etwa der aus Palästina stammende, in Dänemark lebende Yahya Hassan. Erst achtzehn Jahre alt, hat er mit seinem Lyrikdebüt Aufmerksamkeit erregt, in dem er die Rückständigkeit jenes muslimischen Milieus anprangert, in dem er aufgewachsen ist. In Dänemark, seit dem Karikaturenstreit vor acht Jahren ein besonders heißes Pflaster für solche Themen, gibt es Morddrohungen gegen Hassan. In Leipzig, wo die bei Ullstein erschienene deutsche Übersetzung seiner Gedichte vorgestellt wurde, führte er seine beiden Lesungen deshalb unter Personenschutz durch.

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