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Veröffentlicht: 07.10.2012, 17:00 Uhr

Laurent Binet im Gespräch Hollande ist eine politische Maschine

Laurent Binet durfte François Hollande ein Jahr lang aus nächster Nähe erleben. In seinem neuen Buch skizziert er das wahre Ich des französischen Präsidenten und dessen Ränkespiele um die Macht. Ein Interview.

© AFP Der Präsident sei ganz anders, als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm habe: Laurent Binet bei einer Buchvorstellung in Paris

Laurent Binet, welches Bild hatten Sie von François Hollande, bevor Sie sich im Juni 2011 daran machten, ihn zu begleiten?

Dasselbe Bild, das auch die meisten Franzosen damals von ihm hatten: das eines etwas farblosen, einfältigen, übertrieben freundlichen, fast schon debilen Menschen. Ich wollte den Kandidaten der Linken in seinem Wahlkampf begleiten, der die größten Chancen hatte, die Wahl zu gewinnen. Mein Buch verfolgt nicht so sehr das Ziel, Hollandes Persönlichkeit und Psychologie zu erfassen, wie Yasmina Reza das 2007 im Blick auf Sarkozy getan hatte, vielmehr wollte ich das Innenleben der Wahlkampfmaschine, den Wahlkampf, seine Triebfedern und Ränkespiele beschreiben. So habe ich Hollande von Juni 2011 bis zu seinem Sieg am 6. Mai 2012 während seines gesamten Wahlkampfs begleitet, von den Vorbereitungen für die Vorwahlen bis zum Wahlabend. Mein Verlag war anfangs nicht begeistert von meinem Projekt, weil Hollande den Ruf hatte, allzu glatt zu sein, also mit einem Wort: langweilig.

Und wie beurteilen Sie François Hollande am Ende Ihres Buchs?

Ganz anders. Auch wenn ich schon vorher bezweifelt hatte, dass er vor seiner Kandidatur solch eine politische Karriere hätte machen können, wenn er wirklich so fade wäre, wie man es ihm nachsagte. Im Laufe der Monate bewies Hollande ein starkes Selbstvertrauen, große Entschlossenheit, Autorität und - für den Französischlehrer, der ich war, bevor ich mich dem Schreiben zuwandte - auch eine sehr große Sprachbeherrschung, im Fernsehen wie auch auf seinen Wahlversammlungen. Hollande ist nicht nur ein ausgezeichneter Debattenredner, er findet auch leicht Zugang zu Franzosen aller Schichten. Sobald er reden darf, fühlt er sich sehr wohl. Kurz gesagt, er ist keineswegs schwach; er ist sogar stark, und er ist sehr gewitzt. Als ich mich der „Wahlkampfkarawane“ anschloss, sagten mir Journalisten, die ihn seit Jahren begleiteten, dass er ganz anders sei als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm habe. Und sie hatten recht.

Was hat Sie an ihm am meisten überrascht?

Sein Stehvermögen. Physisch und mental. Wenn Hollande ein Tennisspieler wäre, würde ich ihn mit einem herausragenden Grundlinienspieler vergleichen. Man kann ihn nur schwer passieren, vor allem weil er sehr geschickt argumentiert und weil er gut retournieren kann. Er ist sehr wach. Als ich einmal über Fragen des Bildungswesens mit ihm sprach, verstand er sehr schnell und reagierte prompt. Hollande ist eine politische Maschine.

Bleiben wir doch noch ein wenig bei der Tennismetapher, denn in einem Abschnitt Ihres Buchs vergleichen Sie ihn mit Ivan Lendl. Weshalb?

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