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Laurent Binet im Gespräch Hollande ist eine politische Maschine

 ·  Laurent Binet durfte François Hollande ein Jahr lang aus nächster Nähe erleben. In seinem neuen Buch skizziert er das wahre Ich des französischen Präsidenten und dessen Ränkespiele um die Macht. Ein Interview.

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© AFP Der Präsident sei ganz anders, als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm habe: Laurent Binet bei einer Buchvorstellung in Paris

Laurent Binet, welches Bild hatten Sie von François Hollande, bevor Sie sich im Juni 2011 daran machten, ihn zu begleiten?

Dasselbe Bild, das auch die meisten Franzosen damals von ihm hatten: das eines etwas farblosen, einfältigen, übertrieben freundlichen, fast schon debilen Menschen. Ich wollte den Kandidaten der Linken in seinem Wahlkampf begleiten, der die größten Chancen hatte, die Wahl zu gewinnen. Mein Buch verfolgt nicht so sehr das Ziel, Hollandes Persönlichkeit und Psychologie zu erfassen, wie Yasmina Reza das 2007 im Blick auf Sarkozy getan hatte, vielmehr wollte ich das Innenleben der Wahlkampfmaschine, den Wahlkampf, seine Triebfedern und Ränkespiele beschreiben. So habe ich Hollande von Juni 2011 bis zu seinem Sieg am 6. Mai 2012 während seines gesamten Wahlkampfs begleitet, von den Vorbereitungen für die Vorwahlen bis zum Wahlabend. Mein Verlag war anfangs nicht begeistert von meinem Projekt, weil Hollande den Ruf hatte, allzu glatt zu sein, also mit einem Wort: langweilig.

Und wie beurteilen Sie François Hollande am Ende Ihres Buchs?

Ganz anders. Auch wenn ich schon vorher bezweifelt hatte, dass er vor seiner Kandidatur solch eine politische Karriere hätte machen können, wenn er wirklich so fade wäre, wie man es ihm nachsagte. Im Laufe der Monate bewies Hollande ein starkes Selbstvertrauen, große Entschlossenheit, Autorität und - für den Französischlehrer, der ich war, bevor ich mich dem Schreiben zuwandte - auch eine sehr große Sprachbeherrschung, im Fernsehen wie auch auf seinen Wahlversammlungen. Hollande ist nicht nur ein ausgezeichneter Debattenredner, er findet auch leicht Zugang zu Franzosen aller Schichten. Sobald er reden darf, fühlt er sich sehr wohl. Kurz gesagt, er ist keineswegs schwach; er ist sogar stark, und er ist sehr gewitzt. Als ich mich der „Wahlkampfkarawane“ anschloss, sagten mir Journalisten, die ihn seit Jahren begleiteten, dass er ganz anders sei als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm habe. Und sie hatten recht.

Was hat Sie an ihm am meisten überrascht?

Sein Stehvermögen. Physisch und mental. Wenn Hollande ein Tennisspieler wäre, würde ich ihn mit einem herausragenden Grundlinienspieler vergleichen. Man kann ihn nur schwer passieren, vor allem weil er sehr geschickt argumentiert und weil er gut retournieren kann. Er ist sehr wach. Als ich einmal über Fragen des Bildungswesens mit ihm sprach, verstand er sehr schnell und reagierte prompt. Hollande ist eine politische Maschine.

Bleiben wir doch noch ein wenig bei der Tennismetapher, denn in einem Abschnitt Ihres Buchs vergleichen Sie ihn mit Ivan Lendl. Weshalb?

Lendl hat einmal erzählt, er träume von einem perfekten Match, in dem er alle Punkte machte und keinen einzigen Punkt dem Gegner überließe. Ich habe den Verdacht, dass Hollande eine Lendl-Seite besitzt. Hollande wirkt weniger megaloman als Sarkozy, aber ich vermute, er ist es nicht minder. In seinem politischen Kampf gegen Sarkozy gab es auch eine sehr persönliche Dimension. Das konnte man in der Fernsehdebatte zwischen den beiden Wahlgängen beobachten. Hollande wollte Sarkozy töten. Solch eine Animosität, solch eine Antipathie hatte man seit dem Duell zwischen Giscard d’Estaing und Mitterrand 1981 nicht mehr gesehen. Hollande empfand keinerlei Sympathie, keinerlei Mitgefühl für seinen Gegner, nicht einmal nach dessen Niederlage. Als Sarkozy ihn anrief, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren, blieb das Gespräch sehr förmlich. In dem Flugzeug, das uns am Abend seines Siegs nach Paris brachte, sagte Hollande uns nur, Sarkozy habe „wie gewöhnlich“ mit ihm gesprochen. Und nach der Amtsübergabe begleitete er Sarkozy nicht zum Wagen. Aber Hollande war so klug, seine Abneigung gegenüber Sarkozy während des Wahlkampfs nicht zu zeigen.

Hollande ist gewählt worden, weil er sich als ein ganz „normaler“ Mensch gab. Nach Ihrer Darstellung ist er das keineswegs ...

In der Tat. Er besitzt ein außergewöhnliches Maß an Selbstkontrolle. Er zeigt keinerlei Groll, keine Gefühle und keinerlei Verärgerung. Alles scheint an ihm abzugleiten. Darin ist er ganz anders als seine frühere Lebensgefährtin und Präsidentschaftskandidatin von 2007, Ségoline Royal. Sie war weitaus empfindlicher gegenüber Kritik. Hollande dagegen hat keinerlei Gemüt. Er ist eine politische Kriegsmaschine. Er hat sich stark von François Mitterrand inspirieren lassen. Er hat Mitterrands Weg studiert, sein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, sein Genie für politisches Taktieren. Auch kann man ihn schwer durchschauen, vor allem weil er sich immer sehr ironisch äußert. Er besitzt eine Distanz zu sich selbst und zur Welt, die in der Politik nur erstaunen kann, da sie für Politiker eigentlich ein Handikap darstellt. Er äußert sich nur sehr selten auf direkte Art; er verbirgt nichts, weil er sich gar nicht auf diese Gesprächsebene begibt.

Und was verbirgt sich hinter dieser Ironie?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. In seiner Umgebung weiß das niemand, oder zumindest hat es mir niemand gesagt. Vielleicht verbirgt sich ja gar nichts hinter dieser Maske.

Die Ironie ist gewöhnlich die Waffe des Schwachen ...

Bei Hollande würde ich eher sagen, sie ist die Waffe des Schlauen. Er verwendet nicht den Aufwärts-, sondern den Seitwärtshaken.

Und wo liegen Ihres Erachtens seine Schwächen?

Ich finde ihn nicht sonderlich glaubwürdig, wenn er eine gewisse Würde auszustrahlen versucht.

Hat er echte Überzeugungen?

Hollande ist in erster Linie Politiker. Also ist er bereit, sich die Hände schmutzig zu machen und Kompromisse einzugehen, gelegentlich auch faule. Folglich ist er kein Ideologe. Aber ich glaube, er ist ein aufrechter Sozialdemokrat. Er hat einige Prinzipien: Das Bildungswesen ist ihm wichtig, er wird die Kultur nicht massakrieren, und außerdem hat er das Dogma der liberalen Ökonomie verinnerlicht. Er ist Reformist. Bei Hollande geht es immer um Macht. Er ist von der Macht fasziniert.

In Ihrem Buch berichten Sie über die Ansicht des Historikers Emmanuel Todd, der behauptet, Hollande werde den entgegengesetzten Weg gehen wie Mitterand: Ursprünglich Zentrist, werde er als Linker enden, weil die Krise ihn zu radikalen Maßnahmen zwinge. Glauben Sie das auch?

Ich persönlich hoffe es. Aber dafür brauchte er Verbündete. (Binet überlegt...) Roosevelt hat es gemacht ...

Gewiss, aber zu Roosevelts Zeiten war die Wirtschaft noch nicht globalisiert, und es gab eine Koexistenz unterschiedlicher Wirtschaftssysteme und Ideologien: Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus, liberale Volkswirtschaften ...

Das ist wahr.

Ich will meine Frage anders formulieren: Glauben Sie, Hollande ist fähig, radikale Maßnahmen zu ergreifen, wenn die Krise in Frankreich sich verschärft? Hat er dazu genügend Mut?

Ich glaube, er hat einen gewissen Mut. Immerhin hat er im Wahlkampf Steuererhöhungen angekündigt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sein Mut ausreicht, um ganz nach links zu rücken oder um eine entschiedene Sparpolitik zu betreiben ... Hollande will wiedergewählt werden. Da bin ich mir ganz sicher.

Wie sieht er Deutschland und Angela Merkel?

Wie Sie wissen, spricht man in Frankreich während des Wahlkampfs - wie meines Erachtens auch anderswo - nur wenig über außenpolitische Fragen. Das Ausland ist den meisten Franzosen egal. Jetzt ist Hollande ein überzeugter Europäer. Wenn er im Wahlkampf über europäische Fragen sprach, hatte man das Gefühl, er werde Merkel und Deutschland zum Nachgeben zwingen. Es klang, als sagte er: „Wenn ich gewählt bin, wird sie ihre Meinung ändern.“ Inzwischen, glaube ich, hat François Hollande eingesehen, dass die Dinge etwas komplizierter sind ... Am Ende wird Frankreich für die Schuldenbremse stimmen. Im Wahlkampf hatte er noch das Gegenteil gesagt. Kurz gesagt, man wird geheilt sterben...

Hat er es Angela Merkel nachgetragen, dass sie Nicolas Sarkozy offen unterstützt hat?

Nein. Zumindest nicht offiziell. Wie ich schon gesagt habe, ist oder scheint er zumindest unerschütterlich zu sein. Außerdem hat er durchaus verstanden, warum Merkel Sarkozy unterstützte.

Seltsamerweise sprechen Sie in Ihrem Buch gar nicht über Ségolène Royal und nur wenig über Valérie Trierweiler, von der sie allenfalls erzählen, wie fürsorglich sie sich gegenüber ihrem Lebensgefährten verhält. Sie bringt ihm Honig oder Lutschbonbons, damit seine Stimme klar bleibt ... Warum tun Sie das?

Ganz einfach weil Royal nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Sie war nicht sehr präsent. Sie befand sich nicht im ersten Kreis der Berater Hollandes. Was Hollandes jetzige Lebensgefährtin Valérie Trierweiler betrifft, halte ich mich zurück, weil sie meines Erachtens keine zielstrebige politische Rolle spielt. Sie ist keine Madame de Maintenon, die Frömmlerin, die Ludwig XIV. drängte, das Edikt von Nantes zurückzunehmen, und auch keine Maria de’ Medici, die für die Bartholomäusnacht verantwortlich war. Ihre Rivalität mit Ségolène Royal oder einigen Ségolène Royal nahestehenden Kaziken in der Parti Socialiste ist keine große Geschichte.

Sie überraschen mich trotzdem... In Ihrem Buch äußern Sie sich sehr ironisch über Hollandes Umgebung und Hollande selbst, niemals aber über Valérie Trierweiler. Ist das Selbstzensur?

Sie nennen es Selbstzensur, ich nenne es Höflichkeit. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Trierweiler ein wenig wie Lady Macbeth ist: Sie ist äußerst ehrgeizig für ihren Mann.

Das Gespräch führte Olivier Guez. Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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