http://www.faz.net/-gqz-88zzn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.10.2015, 12:07 Uhr

Ein Warnruf Die Schweiz ist des Wahnsinns

Vor den Parlamentswahlen scheint die Lage so klar wie trostlos: Das Land ist auf dem falschen, rechten Weg. Mit der Kultur geht es bergab und mit den Medien auch. Es ist empörend. Ein Gastbeitrag.

von Lukas Bärfuss
© dpa Man muss sie ja nicht gleich wegwerfen: die Landesflagge vor dem Berg, der fast so berühmt ist wie ein Stück Schweizer Schokolade – das Matterhorn.

Am kommenden Sonntag wählt die Schweiz das neue Parlament. Der dritte Rechtsrutsch in sechzehn Jahren scheint eine ausgemachte Sache zu sein; aber was viele hierzulande in Unruhe versetzt, ist nicht der Wahlsonntag, sondern der ebenfalls nahende 26. Oktober.

An jenem Montag läuft nämlich die Frist aus im Sammelspiel, das Migros, der größte Einzelhändler der Schweiz, in diesen Tagen veranstaltet. In seinen Filialen gibt es für jeden Einkauf über zehn Franken ein Glücksbeutelchen, darin eine von insgesamt fünfzig nationalen Sehenswürdigkeiten. Mit im Beutelchen ein Sticker, den der Sammler in ein Album kleben darf. Die Gebühr für das Heft wird durch die aufwendige Gestaltung gerechtfertigt. Vierfarbig glänzen da die schönsten Schönheiten des Schweizerlandes. Das Spalentor zu Basel, der Zytgloggeturm in Bern, das Schloss Chillon am Genfer See - und als Zugabe eine schillernde Postkarte, die je nach Betrachtungswinkel ihr Aussehen ändert: Im orange Nichts schwebt oszillierend eine Scholle mit den Umrissen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Titel dieser famosen Sammelaktion: „Suissemania“.

© reuters Berge im Zeitraffer: Die schöne Seite der Schweiz

Heiligtum direkte Demokratie

Eine Manie ist nach dem Pschyrembel eine psychotische Störung der Affektivität, häufig mit Wahnvorstellungen und Katatonie verbunden. Man muss dies alles nicht als Diagnose der hiesigen Malaise lesen. Man muss nicht, aber man kann. Wie auf der Postkarte verliert das Land auch in der Wirklichkeit mehr und mehr jede erkennbare Kontur. Zerrüttet von den globalen Stürmen, sucht das Land Halt in nationalen Monumenten, die mittlerweile auf Miniaturgröße geschrumpft sind, als Beifang des täglichen Konsums kostenlos abgegeben werden und problemlos in die persönliche Nippessammlung passen. Selbst der Werbespruch auf dem Umschlag scheint die hiesige Umnachtung aufzunehmen: „Mit vielen tollen Rätseln!“

Mehr zum Thema

Die Kräfte, die dieses Land im 21. Jahrhundert formen, werden derweil erfolgreich ignoriert. Wie Geister flößen sie den Menschen Angst ein und lähmen sie bis zur Katatonie. Keine der politischen Parteien hat den Mut, sich im Wahlkampf den realen Herausforderungen zu stellen. Dabei liegen sie meterhoch vor den Chalets des gebeutelten Heimatlandes, und es braucht enorme Verdrängungsleistungen, um an ihnen vorbeizusehen.

Am lautesten ist nach wie vor das Schweigen über das Verhältnis zur Europäischen Union. Die Situation ist einfach auch zu kompliziert: staatsrechtlich, diplomatisch und ökonomisch undurchschaubar und obendrein für jeden Politiker im Wahlkampf eine unerhörte Peinlichkeit. Wie soll er seinen Wählern auch erklären, was sie damals, am 9. Februar 2014, bei jener Abstimmung über die Masseneinwanderung, angerichtet haben? Und dass das Heiligste aller schweizerischen Heiligtümer, so himmelsgleich und gnadenreich, dass selbst die Spieledesigner es nicht gewagt haben, es in Plastik zu gießen, die direkte Demokratie nämlich, für diesen Unfall verantwortlich ist? Den nationalen Karren hat er so tief in den Dreck gefahren, dass keiner weiß, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Negativzinsen Schweizer horten 1000-Franken-Scheine

Die EZB hat das Aus für den 500-Euro-Schein beschlossen. Die Eidgenossen aber halten an ihrer 1000-Franken-Note fest. Immer mehr Scheine sind im Umlauf. Bald soll der Tausender ein neues Design bekommen. Mehr

19.05.2016, 15:54 Uhr | Wirtschaft
Wertekonferenz der SPD Gabriel meldet sich in Sachen Gerechtigkeit zu Wort

Der Vizekanzler und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat am Montag in Berlin gesagt, seine Partei müsse die Hoheit bei Gerechtigkeitsfragen zurückerobern: Vor diesem Hintergrund des großen Anspruches aus der Geschichte der Sozialdemokratie ist es natürlich ein Alarmsignal, wenn jüngste Umfragen der SPD bescheinigen, dass nur noch 32 Prozent der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes ihr eine Kompetenz in Sachen der sozialen Gerechtigkeit zuordnen. Mehr

09.05.2016, 14:30 Uhr | Politik
Deutsches EM-Trainingslager Dieses Hotel ist Gift für Paparazzi

Das DFB-Team bereitet sich in Ascona in der Schweiz auf die Fußball-EM vor. Treibende Kraft hinter der Ortswahl ist Joachim Löw. Und der Bundestrainer hat gute Gründe. Mehr Von Johannes Ritter, Zürich

24.05.2016, 12:43 Uhr | Sport
Nationalmannschaft Schweinsteiger: Es sieht gut aus

Am zweiten Tag des Trainingslagers in Ascona in der Schweiz trainierten die deutschen Nationalspieler in verschiedenen Gruppen. Einige Spieler fehlten jedoch noch bei der Übung. So auch Kapitän Bastian Schweinsteiger, der wegen eines Innenbandanrisses im Knie seit Wochen außer Gefecht. Dennoch ist er optimistisch, bei der EM dabei sein zu können. Mehr

25.05.2016, 16:55 Uhr | Sport
Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr

21.05.2016, 13:13 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 4 15