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L. Ron Hubbard als Literat Der kosmonautische Kirchenvater

02.09.2007 ·  Er war Schnelldenker, flamboyanter Spinner, hypnotischer Finsterling und Prophet der „Scientology-Kirche“. Ursprünglich aber war L. Ron Hubbard Schriftsteller. Wie war er eigentlich als solcher? Gar nicht so schlecht, findet Dietmar Dath.

Von Dietmar Dath
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Zum Sektenjünger taugt der Zweifler gewiss nicht, der sich und seine Forschungen mit den Worten erklärt: „Ich habe versucht aufzuzeigen, dass Dämonen und Teufel erfunden wurden, um einem raffinierten Stammesschamanen die Gelegenheit zu verschaffen, Macht über seine Mitmenschen zu gewinnen, indem er sich etwas ausdachte, wovor sie sich fürchten konnten, und dann als Deuter dieser Schrecken auftrat.“

Der Mann, der da spricht, hält es aus Prinzip nicht mit der suggestiblen Menge; er will ein kluger Einzelner sein, der mit anderen seiner Art regen geistigen Umgang pflegt: „Swift, Tennyson, Carroll, Verne, Dumas, Gibbon, Colonel Ingram, Shakespeare, Homer, Khayyam und die unbekannten Schöpfer der Mythen und Sagen aller Länder waren seine Ratgeber, Freunde und Spielgefährten gewesen, die ihn zwischen weggeworfene Bücher und Staub entführt und ihm seltsame Gedanken eingeblasen hatten, als er ein Kind gewesen war, mit marmeladenverschmiertem Gesicht und Dachbodenspinnweben auf dem Kopf.“

Thetan und Engramm

James Lowry, von dem die Rede ist, stellt sich uns vor als jung verheirateter Ethnologe und Weltreisender. Setzt man für die „Dämonen und Teufel“, deren Existenz er resolut verneint, Sachen wie den „operierenden Thetan“, die „suppressiven Personen“ oder das „Engramm“ ein, dann fasst seine kleine Priestertrugtheorie vom raffinierten Stammesmitglied, das mit derlei Begriffsschöpfungen „Macht über seine Mitmenschen“ erlangt, triftig zusammen, was an vernünftiger Kritik der Glaubenssätze der „Church of Scientology“ im Umlauf ist. Drolligerweise wurde diese Organisation allerdings von eben jenem L. Ron Hubbard gegründet, der sich den Entlarver Lowry ausgedacht und zum Helden seines gelungensten literarischen Kunststücks gemacht hat.

Im Verlauf des Romans „Fear“ (der auf Deutsch eine Zeitlang als „Das Grauen“ lieferbar war, derzeit aber kurioserweise von den Scientology-nahen Verlagen, anders als manches erheblich schlechtere Hubbard-Produkt, offenbar nicht für würdig gehalten wird, den Ruhm des Kirchenvaters hierzulande zu mehren) verliert der gebeutelte Held erst seinen Hut, dann vier Stunden seines Lebens, schließlich zusehends den Willen, seine sieben Zwetschgen beieinanderzubehalten. Vor seinem Haus führt plötzlich eine Treppe ins Nichts, bald begegnet er sich selbst als Kind, kurz darauf einer offenbar allwissenden Frau, die überwiegend aus Nebel besteht, ferner einem heiligen Henker, einem lachenden Schatten und einem längst verwesten Mönch, dessen Gebeine der arme Professor vor einiger Zeit im Zuge einer Expedition ausgebuddelt hat.

Es ist die reine Wahrheit

Zu den tückischen und eleganten Kniffen, mit denen der Autor den atmosphärisch dichten Rätselcharakter des Textes betont, gehört die dem Roman vorangestellte Warnung: „Dies ist keine sehr hübsche Geschichte, und man sollte sie auch nicht allein um Mitternacht lesen - denn es ist die reine Wahrheit, dass das Folgende jedem passieren kann. Selbst Sie könnten heute vier Stunden ihres Lebens verlieren und auf den Spuren von James Lowry wandeln müssen.“ Der Witz daran ist, dass diese Warnung auch einen Hinweis auf den Schlüssel zum Rätsel enthält: Nichts Übernatürliches steckt dahinter; Lowry bewohnt durchaus dieselbe Welt wie wir.

Moderne Phantastik, weiß man spätestens seit Poe, ist weniger ein fixes Reservoir von Themen und Tropen (Werwölfe, Raumschiffe, Zauberer) als vielmehr eine Art zu lesen: Das Wissen darüber, wie die Welt tatsächlich ist, muss während der Lektüre suspendiert und gegen ein anderes (etwa fiktiv-technologisches oder magisches) Wissen ausgetauscht werden. Damit arbeitet Hubbard in „Fear“ souverän: Sobald man die Vorabnotiz zur Kenntnis genommen hat, regt sich eine Unruhe, die vom wachsenden Auseinanderklaffen des surrealen Geschehens und der Erwartung einer Erklärung von etwas, das „jedem passieren kann“ genährt wird und mit jedem Satz weiter anwächst.

Wir hätten ihm nicht trauen dürfen

Naheliegende Gelegenheiten der Rationalisierung (Traum, Drogen, verschleppte Malaria) führt Hubbard in ruhigem Tonfall an und fertigt sie damit zugleich als unzureichend ab; die Pointe, mit der er schließlich herausrückt, zieht seinem Publikum den Boden unter den Füßen weg: Lowrys fehlende vier Stunden sind nicht, wie man von Anfang an versucht ist zu glauben, Zeichen eines Ereignisses, das ihm widerfahren ist; ihr Verschwinden liegt vielmehr an etwas, das er getan hat. Wir hätten also seiner Sicht, seiner Furcht, seiner Perspektive nicht vertrauen dürfen - diese Spielart schwerer Leserdüpierung kann nur glücken, wo ein außergewöhnlich stilsicherer Horror- und Suspensetechniker am Werk ist. Obwohl Kollegen und Nachfahren wie Stephen King, Ray Bradbury und Robert Bloch („Psycho“) das Buch mit den deutlichsten Worten (King: „Einer der wenigen echten Klassiker der Gattung“) loben und sich dazu bekennen, davon beeinflusst worden zu sein, haben nur wenige lebende Liebhaber des Unheimlichen je von „Fear“ gehört.

Das liegt daran, dass es derzeit nur noch zwei Sorten von Hubbard-Kennern gibt: einerseits die Scientologen, denen vor lauter angedrehter Begeisterung sowohl Distanz wie sachliche Kriterien abgehen, das Schaffen ihres Heilsbringers nüchtern zu bewerten, und andererseits Genrespezialisten, die in den allermeisten Fällen nur zu ihresgleichen sprechen. So sind im öffentlichen Bewusstsein über den zweifelhaften die tatsächlich eindrucksvollen Leistungen dieses merkwürdigen Schriftstellers verschüttgegangen.

Hemmungsloser Schundvulkan

Hubbard war ein hemmungsloser Schundvulkan; der Löwenanteil seiner Hinterlassenschaft ist außerhalb der Verzücktenkreise zu Recht vergessen. Manches (wie das mit John Travolta ganz unbeschreiblich scheußlich verfilmte, schielende und kielkröpfige Romanmonster „Battlefield Earth“ oder die zehnbändige Katastrophe „Mission Earth“) ist kaum auszuhalten, einiges (vor allem das Kurzgeschichten-OEuvre) immerhin amüsant, mal packend, mal drollig. Eine Handvoll Texte aber, vorneweg „Fear“ sowie das verschachtelte Puzzlebuch „Typewriter in the Sky“ (1940) und die Weltraumoper „To The Stars“ (1949), hätte es verdient, dem pompösen Götzenlärm der Rechtsnachfolger wie der Missachtung des gemeinen Lesevolks entrissen zu werden.

„To the Stars“ ist eine futuristische Achterbahnfahrt, die Hubbards Dumas- und Stevenson-Wurzeln auf keiner Seite verleugnet. Das Buch handelt von einem jungen Mann namens Alan Corday, der aus verarmtem Ingenieursadel stammt und vom Leben nur verlangt, dass es darin was zum Staunen gibt. In einer dreckigen Raumhafenkneipe wird er von den Kosmonauten eines Fernfrachters entführt und muss nun an Bord der „Hound of Heaven“ die drei Lektionen lernen, die der Autor seiner Geschichte als Motto aufgebrummt hat: „Der Weltraum ist groß, der Mensch ist klein, und die Zeit ist seine unnachgiebige Feindin.“

Herzverwüstendes Szenario

Ausgehend von der relativistischen Binse, dass Reisen, deren Geschwindigkeit sich derjenigen des Lichtes annähert, die jeweiligen Reisenden wegen der Zeitdehnung für immer ihrer vertrauten Welt entrücken, entwickelt Hubbard ein herzverwüstendes Szenario der Entbehrung, Vereinsamung und des heroischen Damitzurechtkommens derjenigen Menschen, die geeignet wären, eine interstellare Zivilisation des homo sapiens zusammenhalten. Am Ende wird der Zwangsrekrutierte zum Nachfolger des Kapitäns bestimmt, und dessen schriftliches Testament, ein Dokument des messianischen „manifest destiny“, das die beste amerikanische Sciencefiction immer beseelt hat, gehört zu Hubbards bemerkenswertesten Textpassagen: „Die Erde wird nicht für immer Bestand haben. Und wenn man ihm nicht aufhilft, wird auch der Mensch verschwinden. Wir könnten auf irgendeinem fruchtbaren Planeten landen und es uns wohl ergehen lassen, die Risiken des Reisens vergessen, eine Heimat finden. Aber unsere wahre Heimat ist dieses Schiff, wir leben unsere Aufgabe, und die verbindet uns mit all den andern Schiffen der langen Passage. Verfluche die Gleichungen nicht. Eines Tages mag der Mensch selbst die Zeit besiegen.“

Die Autorenkarriere des 1911 geborenen Schöpfers dieser Sätze aus den Hagiographien herauszulösen, die seine seltsame Kirche verbreitet, wird Jahr um Jahr schwieriger. Sicher ist nur, dass er vom Western bis zur Detektivgeschichte kein Genre verschmäht hat, in dem Schnell- und Vielschreiber seinerzeit reüssieren konnten. Zur Sciencefiction kam er 1938 mit der Erzählung „The dangerous dimension“. Unter seinem eigenen und kitzlig ausgedachten Namen wie „Kurt von Rachen“ oder „Frederick Engelhardt“ schrieb er sowohl Technospekulatives wie Fantasy. Die gelungensten Stücke erschienen in „Astounding Science Fiction“, dem Magazin des überzeugten Hubbard-Förderers John W. Campbell, von dem die Genre-Geschichtsschreibung weiß, dass er für das sogenannte „Golden Age“ der amerikanischen Scienceficition (kein schwärmerischer Ausdruck, sondern eine von der Forschung auf den Zeitraum 1938 bis etwa 1946 gemünzter Fachbegriff) als Herausgeber und Anreger von Größen wie Asimov, Heinlein und Van Vogt so gut wie allein verantwortlich zeichnet. Der verbreiteten und größtenteils richtigen Zuordnung von Hubbards besten Arbeiten zur Campbell-Ära und zum Campbell-Stil (optimistisch, anthropozentrisch, amerikanisch) zum Trotz verweist eines seiner interessantesten Bücher, „Typewriter in The Sky“ von 1940, bereits auf die Schreibhaltung, die von den Überwindern des „Golden Age“ zehn Jahre später gepflegt werden sollte; verspielt, grotesk, verunsichernd und von mitunter böse funkelndem Witz.

Launige Selbstkarikatur

Erzählt wird die Geschichte des Pianisten Mike de Wolf, den ein ontischer Unfall in die fiktive Textwirklichkeit des Pulp-Schriftstellers Horace Hackett schleudert (der sprechende Nachname meint eine launige Selbstkarikatur Hubbards: ein „hack“ ist im Kulturindustrie-Englisch ein gewissenloser, nur auf den Reingewinn erpichter Schmierfink, der keinerlei ernsthafte Kunstabsichten hegt). Als Pirat „Miguel de Lobo“ muss der vom Buch Aufgesogene die undankbare Rolle eines Klischeeschurken spielen, und weil er weiß, was sein Freund, der Billigdichter, den Bösewichtern für ein Schicksal zugedacht hat, hängen seine Nerven bald in Fetzen.

Die von dieser Prämisse her entwickelte deftige Mischung aus „Fluch der Karibik“ und „Matrix“, die nicht zuletzt auf die „New Wave“-Autoren der psychedelischen Sixties nachhaltigen Eindruck gemacht hat, lässt sich eigentlich nicht gerafft nacherzählen; die Andeutung, dass das Überleben des Helden davon abhängt, wie brachial er die Backförmchen des Textes, in dem er leben muss, zertrümmert, mag genügen. Am Ende schafft de Wolf den Sprung zurück in sein angestammtes Universum - und muss beim Blick zum Himmel feststellen, dass auch der Kosmos, den er und Hackett bewohnen, von einem heruntergekommenen Demiurgen (nämlich Hubbard) erschaffen wurde: „Dort oben - Gott? In einem schmutzigen Bademantel?“

Viele der Größten verarmten

Die amerikanische Autorengeneration, der Hubbard angehörte, hat fast alles geschaffen, was an Pop-Phantastik aus dem zwanzigsten Jahrhundert bis heute und in neue Medien hinein (Computerspiele!) nachwirkt. Das ist diesen Pionieren meist schlecht bekommen: Bis auf ein paar Träger prominenter Namen, deren Leuchtkraft das Schicksal der Mehrheit überstrahlt, wurden diese für den Gang der Kulturgeschichte unersetzlichen inspirierten Spinner von aufgeblasenen Nachkriegsphänomenen wie dem Beatnik-Unwesen, der Schwerter-und-Zauberer-Welle und dem Cyberpunk aus dem Geschäft gespült. Sie mussten erleben, wie ihre Ideen von Hollywood pasteurisiert, vergewaltigt und als verfaulender Fermentmatsch ins offene Meer des kollektiven Unbewussten verklappt wurden. Viele der Größten verlebten ihre letzten Jahre in Armut, Vergessenheit und entsetzlicher Langeweile (was im Kino und Fernsehen kam, kannten sie ja schon: Es war von ihnen). Selbst Siegel und Shuster, die Erfinder von „Superman“, wären im Alter unter die Armutsgrenze abgerutscht, wenn sich nicht ein dankbarer und ehrenhafter Erbe, der Zeichner Neal Adams, ihrer erinnert und die Branchengewaltigen zu ein bisschen Pensionsgerechtigkeit genötigt hätte.

Hubbard, der alles Mögliche gewesen sein dürfte, aber kein Dummkopf, stieg aus, solange er noch bei Kräften war. Nachdem er die Leiden des Popkulturschaffenden am eigenen Leib erfahren hatte, beschloss er, statt auf den öffentlichen Kunstsinn in Zukunft lieber auf die öffentliche Leichtgläubigkeit zu setzen. So entstand ein bizarrer Konzern, der nun durchsetzt, dass vieles, was Hubbard sich ausgedacht hat, geglaubt und saftig bezahlt wird, statt nur zur Zerstreuung und Erbauung zu dienen. Nebenbei aber spendiert diese Firma in Gestalt von Hubbard-Wettbewerben für schreibende und bildende phantastische Künste einigen späten Geistesverwandten des Verstorbenen ein bisschen Geld und Anerkennung. Wäre das Publikum vor fünfzig Jahren ähnlich großzügig gewesen, hätte der Meister sich den ganzen Dianetik-Schnokus sparen können - vergesst das nie, liebe Sektenjäger, und kauft euch bei Gelegenheit als Buße für euer verbissenes Treiben am Kiosk mal einen hübschen aktuellen Heftroman, solange es die noch gibt. Sonst werden die Hungerleider, die dergleichen schreiben, am Ende nur wieder Propheten.

Quelle: F.A.Z., 01.09.2007, Nr. 203 / Seite Z3
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