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Kulturgeschichte des Mordes Ein Chinese sollte nicht vorkommen

 ·  Kriminalromane haben häufig keinen hohen literarischen Wert, süchtig machen können sie trotzdem. Warum, das erläutert ein neues Buch, welches eine „Kulturgeschichte des Mordes“ erzählt.

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Der kleine Band ersetzt eine Bibliothek. Er enthält eine Geschichte der Strafverfolgung und deren Reflexion in Romanen, Theaterstücken, Opern, Filmen und Fernsehspielen. Plakative Fälle mit Angabe der Namen und der Orte des Geschehens werden ungefähr in zeitlicher Abfolge erzählt, soweit nicht das Sachproblem dominiert.

Wenn möglich mit Kontext: Was ist aus der Sache geworden? Wurde der Täter gehenkt, hat er seine Freiheitsstrafe überlebt, hat die Presse gebellt, haben sich Schriftsteller des Falles angenommen? Man erfährt viel über die Entwicklung der Kriminalistik und der Kriminalliteratur, über Edgar Allan Poe, Conan Doyle, Charles Dickens, Agatha Christie und Dorothy Sayers, die Oxford-Studentin, die keine Kriminalromane, sondern religiöse Traktate schreiben wollte. Alles mit leichter Hand und Sachverstand beschrieben, jede Gefühlsregung und jeden Tiefgang vermeidend. Als der Mietnachfolger in der Wohnung des Frauenmörders John Christie „die Tapete abriß und den Schrank öffnete, kollerte ihm eine tote Frau entgegen“. Kein Schreckensschrei, kein Entsetzen, das bloße Faktum, betont durch „kollern“, das an Steine erinnert. Und doch!

Täter und Opfer müssen vertraut sein

Als der Rezensent „Ein Teelöffel Arsenik, eine kleine Prise Zyankali. Frauen und Ärzte sind unter den Giftmischern auffallend stark vertreten“ gelesen hatte, fiel ihm das Ferrero-Küßchen in seiner Manteltasche ein, das ihm eine tapfere Wahlkämpferin mit spitzbübischem Lächeln beim morgendlichen Einkauf zugesteckt hatte. Und ihm schoß wahrhaftig der Gedanke durch den Kopf, ob ihm das süße Gebilde zuträglich sei. Lächerlich! Aber das Kapitel lehrt, daß Täter und Opfer vertraut sein müssen, damit er sein Gift richtig plazieren kann, und das Süßigkeiten dem Opfer Appetit machen sollen. Das sagt zwar schon der gesunde Menschenverstand, aber nicht so treffend und klarsichtig wie von Uthmann.

Der Verfasser hat die Akzente einleuchtend gesetzt. Allerdings kann man zweifeln, ob die griechischen Sagen, allen voran das Ödipus-Drama, in eine Kriminalgeschichte gehören. Schicksal und Urstreit haben mit „Jack the Ripper“ nur mittelbar zu tun. Außerdem vermißt man einen Typ von Detektiv, den, der sich in einer zynischen Welt auf die Seite der Gerechtigkeit schlägt, wie der Kommissar Bärlauch in Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ oder wie Bernhard Schlinks edelmütiger Privatdetektiv Gerhard Selb. Das könnte Absicht sein. Daß Selb in politische Geschichten verstrickt ist, stört den Leser. Warum es stört, kann man in diesem Buch erfahren. Inzwischen hat Schlink Selb an „ausgelatschtem“ Herzen sterben lassen.

Anspruchslose Alltagsprosa

Der Band enthält keine Theorie des Kriminalromans. Dagegen würde sich von Uthmann selbst am heftigsten wehren. Aber wie ein Kenner Wein differenzierter genießen kann als ein Kneipenschlozer, so hat auch ein Kenner der Kriminalliteratur mehr von Mordgeschichten als ein kenntnisarmer Gelegenheitskonsument. Genau das ist von Uthmanns Perspektive. Aber er ist vorsichtig. Mit gleichsam auf dem Rücken verschränkten Händen, also ohne erhobenen Zeigefinger, zitiert er: „Über den literarischen Wert der meisten Kriminalromane darf man sich in der Tat keinen Illusionen hingeben. Selbst eine Könnerin wie Agatha Christie schrieb nur eine anspruchslose, klischeegesättigte Alltagsprosa.“

Dorothy Sayers habe festgestellt, „den höchsten Grad literarischer Vollendung könne diese Art von Literatur nicht erreichen, da sie die Wirklichkeit weder darstellen noch verstehen wolle, sondern vor ihr fliehe“. Deshalb können Kriminalromane süchtig machen wie Rauchen. Dem Kettenleser komme es nicht einmal auf den Denksport an. Wenn ihn eine Lösung enttäusche, klappe er das Buch einfach zu und beginne mit dem nächsten. Selbstverständlich leugnet von Uthmann nicht, daß es eine reiche, anspruchsvolle Literatur gibt, in der Verbrechen vorkommen. Dostojewski nimmt bei ihm breiten Raum ein. Aber auf eine Abgrenzung verzichtet er.

Zehn Gebote für Schriftsteller

Wenn der seelische Mechanismus der Leser so einfach ist, muß es für den Kriminalroman Rezepte geben. Auf der anderen Seite kann er sich nicht als Instrument der politischen Bildung eignen. Politik lenkt nur ab. Widerstandskämpfer, Attentäter und Verschwörer haben daher in Kriminalromanen nichts zu suchen, meint denn auch der Verfasser der „Zwanzig Regeln für das Verfassen von Kriminalromanen“, Van Dine. Ein anderer Autor, der katholische Priester Ronald Fox, hat zehn Gebote formuliert, die Fairness zwischen Autor und Leser herstellen sollen. Das fünfte Gebot lautet: „Kein Chinese darf in der Geschichte vorkommen“, das sechste: „Der Detektiv darf nicht selbst der Verbrecher sein.“ Aber diese Regeln stammen aus der goldenen Zeit des Kriminalromans, und die endete mit den Versuchen russischer, französischer und amerikanischer Schriftsteller, die Welt zu verbessern oder sie wenigstens so darzustellen, wie sie ist, was aber, wie wir seit der Aufklärung wissen, fast dasselbe ist.

Zum Schluß geht es um die Kernfrage: „Warum und wie wird gestraft?“ Wieder eine Blitzreise durch die Geschichte der Strafverfolgung, zeitlich von Kain und Abel bis Jürgen Bartsch und räumlich von Schuld und Sühne bis zur Geisteskrankheit, mit dem, natürlich wieder zitierten, Schluß, der Begriff der Geisteskrankheit sei aufzugeben, weil Gefängnisse humaner seien als psychiatrische Anstalten.

Jörg von Uthmann: „Killer, Krimis, Kommissare“. Kleine Kulturgeschichte des Mordes. Verlag C.H. Beck, München 2006. 293 S., 31 Abb., br., 12,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 24.02.2006, Nr. 47 / Seite 45
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