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Künftig kostenlos im Netz : Der letzte Brockhaus

Die Ikone des Bildungsbürgertums hat ausgedient Bild: dpa

Der Name steht wie kein zweiter für dicke und vielbändige Nachschlagewerke. Doch in gedruckter Form rechnet sich die Enzyklopädie nicht mehr. Künftig sollen die Brockhaus-Inhalte ins Internet - kostenlos.

          Alles an ihr ist gewaltig: Sie hat fast 25.000 Seiten, aneinandergereiht nehmen ihre 30 in Leinen gebundenen und mit edlem Goldschnitt versehenen Bände im Bücherregal mehr als zwei Meter Raum ein und sie kostet 2670 Euro. Die große Brockhaus-Enzyklopädie ist in Deutschland eine Ikone des Bildungsbürgertums. Doch in Zeiten von Internetsuchmaschinen und der kostenlosen Online-Wissenssammlung Wikipedia ist der schwergewichtige große Brockhaus ein zum Aussterben verurteilter Dinosaurier.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die aktuelle, vor zweieinhalb Jahren auf den Markt gekommene Ausgabe ist wohl die letzte, die das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus als Buch herausgibt. Zu schleppend sei mittlerweile der Absatz, teilte das Unternehmen mit. Der zum Münchner Medienhaus Langenscheidt gehörende Mannheimer Verlag wendet sich stattdessen radikal dem Internet zu.

          Voraussichtlich wird die „Zeit“ der Onlinepartner

          Über ein neues Lexikon-Portal namens „Brockhaus Online“ will das Unternehmen den Inhalt seiner bisher für viel Geld verkauften Enzyklopädie kostenlos anbieten. Das künftige Online-Geschäftsmodell solle dem von anderen gedruckten Medien wie FAZ.NET oder Spiegel-Online ähneln, sagte ein Verlagssprecher. Diese finanzieren sich weitgehend über Werbung auf den Internetseiten. Außerdem wolle Brockhaus mit einem Medienhaus kooperieren, das aber noch nicht feststehe. Einzelheiten sollen im Frühjahr bekanntgegeben werden.

          Das Lexikon geht online

          Nach Informationen der F.A.Z. wird voraussichtlich der Online-Ableger der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ Partner für die Internetoffensive von Brockhaus. Die Verhandlungen mit den Hanseaten seien weit gediehen, heißt es in Branchenkreisen. Brockhaus hat mit der „Zeit“ unter deren Marke bereits eine Lexikonreihe und andere Nachschlagewerke herausgebracht.

          Kaum noch Zukunft für gedruckte Ausgabe

          Für den Verkauf der Enzyklopädie in Buchform sieht Brockhaus dagegen kaum noch eine Zukunft. Bei der aktuellen Ausgabe war der Verlag zwar zunächst noch zuversichtlich, die Gewinnschwelle von 20.000 Exemplaren rasch zu erreichen. Die Hälfte wurde zügig geschafft, doch dann stagnierte der Verkauf. Selbst die Künstleredition von Armin Müller-Stahl brachte kaum etwas. Und auch der Versuch mit der Tageszeitung „Die Welt“, das Lexikon mit immensem Werbedruck unter die Leute zu bringen, blieb weit hinter den Erwartungen zurück.

          Die schwachen Verkaufszahlen treffen Brockhaus und seine Mitarbeiter hart. Der Umsatz mit dem Nachschlagewerk brach letztes Jahr von 30 auf 20 Millionen Euro ein. Die gesamte Gruppe erzielte 2006 einen Umsatz von 108 Millionen Euro. Dieses Jahr wird es Verluste geben, 50 von 250 Beschäftigten in Mannheim werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Gespräche mit dem Betriebsrat laufen bereits. Weiterhin gut entwickelten sich dagegen die Verlagssparten Kalender, Schulbuch und Duden, heißt es bei Brockhaus. Der Duden ist früheren Angaben zufolge das ertragsstärkste Produkt des Verlags. Auch im Brockhaus-Sortiment gibt es nicht nur Einbußen. Das Geschäft mit Themenlexika „Brockhaus Kochkunst“ und „Brockhaus Wein“ gelten als Verkaufsschlager und dem „Brockhaus Alternative Medizin“ im Frühjahr werden gute Chancen auf eine hohe Auflage beigemessen.

          „Wir scheuen den Vergleich mit Wikipedia nicht“

          Mit seiner Online-Kehrtwende hinkt Brockhaus der Konkurrenz allerdings hinterher. Der Hauptkonkurrent Bertelsmann, der unter anderem die Bertelsmann-Lexikothek in 15 Bänden herausgibt, hat schon Ende vergangenen Jahres eine Kooperation mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vereinbart. Das Onlineportal namens „wissen.spiegel.de“ wurde ausgerechnet am Dienstag für die Nutzer freigeschaltet und damit fast gleichzeitig mit der Hiobsbotschaft von Brockhaus. Die Nutzer können dort kostenlos Einträge im Bertelsmann-Lexikon nachlesen und auf alle jemals erschienenen Spiegel-Texte mit Ausnahme der aktuellen Ausgabe zugreifen.

          Überraschenderweise wurde auch Wikipedia in das neue Wissensportal integriert. Die von freiwilligen Autoren unentgeltlich zusammengetragene nichtkommerzielle Wikipedia-Enzyklopädie gilt eigentlich als Hauptfeind der Lexikon-Verlage. Doch Bertelsmann-Manager Christoph Hünermann gibt sich gelassen: „Wir scheuen den Vergleich mit Wikipedia nicht.“ Das neue Portal soll sich ebenfalls über Werbung finanzieren.

          Brockhaus will offenbar ganz auf eine Druckausgabe verzichten

          Dass Brockhaus auf eine gedruckte Ausgabe seiner großen Enzyklopädie offenbar ganz verzichten will, sorgt bei Bertelsmann allerdings für Überraschung. „Wir verdienen mit unserer Reihe weiter ordentlich Geld und haben nicht vor, auf die Druckausgabe zu verzichten“, sagt Hünermann. Zwar seien in den vergangenen zwei Jahren spürbare Verkaufsrückgänge verzeichnet worden. „Aber es gibt weiter genügend Kunden, die ein repräsentatives umfangreiches Nachschlagewerk im Regal stehen haben wollen“, glaubt der Verlagsmanager.

          Die Lexikon-Verlage haben bisher meist argumentiert, die von anonymen Autoren geschriebenen Wikipedia-Einträge seien unzuverlässiger als die von Brockhaus oder Bertelsmann. Doch braucht Wikipedia den Vergleich mit den großen Namen mittlerweile offenbar nicht mehr zu scheuen. Schon vor drei Jahren hat das Fachmagazin Nature Wikipedia mit der Encyclopaedia Britannica verglichen, dem wohl renommiertesten Nachschlagewerk der Welt. Die Herausforderer aus dem Internet schnitten schon damals nur wenig schlechter ab als die Autoren der legendären Enzyklopädie.

          Noch ungünstiger für die Verlage fiel ein Vergleichstest aus, den im Dezember das Magazin „Stern“ veröffentlicht hat. Das Blatt ließ von Experten die Definitionen von 50 Begriffen von Brockhaus und Wikipedia vergleichen. Das Ergebnis: Die Gratis-Enzyklopädie bekam von den Testern bessere Noten als der Traditionsverlag aus Mannheim.

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