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Juden in Deutschland : Nicht mein Land

Der Autor Yascha Mounk Bild: Steffen Jänicke

Kann man als Jude in Deutschland leben? Yascha Mounk ist nach New York gezogen. Warum, das erzählt er in seinem sehr deutschen Buch.

          Er wäre so gern Deutscher geworden. Warum? Vielleicht wegen Woody Allen, wegen Daniel und wegen Johannes. Als echter Deutscher hätte Yascha Mounk über diese Typen nie nachdenken müssen. Aber Mounk, 1982 geboren in München, ist Jude. Und Jude zu sein und Deutscher zugleich, geht für ihn nicht. Sein Leben geht ungefähr so: Erster Tag im Gymnasium, der Lehrer teilt seine Schüler für den Religionsunterricht ein. Katholisch oder evangelisch? Mounk sagt, er sei „irgendwie . . . jüdisch“. Seine Mitschüler lachen, und einer, Johannes, kommentiert: „Hör auf zu lügen. Jeder weiß, dass es die Juden nicht mehr gibt.“

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dann nach der Schule, ein paar Jahre später. Daniel, etwas älter und bewaffnet mit einem elektrischen Rasierapparat, jagt Yascha Mounk, versucht ihm, um ein bisschen KZ nachzuspielen, die Haare abzurasieren. „Ständig sagt ihr Juden uns, was wir zu tun haben (. . .) Aber damit hat sich’s jetzt. Wir werden euch schon zeigen, wer hier das Sagen hat“, brüllt der Rasier-Apparatschik. Irgendwann nach dem Abitur, eine Party, ein Gespräch über Filme und dann auch noch das: Mounk wird für einen Verwandten von Woody Allen gehalten.

          Essay-Sachbuch-Memoir-Mix

          In „Echt, du bist Jude?“ beschreibt Yascha Mounk diese und andere Nazizeit-Suchtis, Schlussstrich-Aufsager und Philosemiten-Verwirrte, die er in Deutschland so trifft, die ihn dazu bringen, das Land zu verlassen und nach New York zu ziehen. Doch Nazizeit-Suchtis, Schlussstrich-Aufsager und Philosemiten-Verwirrte sind nicht die Worte von Mounk, weil er echt nett ist in seinem Essay-Sachbuch-Memoir-Mix, der zu dem Ich-bin-Jude-und-verlasse-Deutschland-Genre gehört. Mirna Funk, die im Sommer ihren Debütroman „Winternähe“ veröffentlichte, hat so einen Text vergangenes Jahr in das „Zeit“-Magazin geschrieben. Und Henryk M. Broder hat das in der „Zeit“ in den achtziger Jahren getan. „Warum ich gehe“ ist bis heute das Standardwerk dieses Genres geblieben. Wie zu heiße Milch liefen Broders Temperament und Argumente über damals. Auch so viele Jahre nach Kriegsende war Deutschland - logischerweise, überraschenderweise - noch nicht ganz sauber von Antisemiten, das machte Broder absolut klar.

          Und jetzt also Mounk, der an den seltsamsten Orten des Landes aufgewachsen ist: Laupheim, Freiburg, Maulbronn. Und immer wieder mal München, wo Mounk sich noch weniger deutsch fühlt, da dort statt der einfachen Provinz-Antisemiten fast nur hysterische Großstadt-Philosemiten rumlaufen, die Mounk mit ihrem Benehmen genauso ausgrenzen wie die dörflichen anderen.

          Es sind kleine biographische Szenen, in denen Mounk sein Leben in Amerika und in Deutschland beschreibt, in schnellem und scharfem und sehr klarem Ton, so dass man, fast wie in einem echten und wahren Roman, das eigene Leben erkennt, als Deutscher oder als Fremder, denn das kann nur Literatur, wenn sie gelingt. Doch dann vernäht Mounk die Szenen immer wieder mit Essay-Passagen, so schief und so grob, dass alles Wahre und Echte in seinem Buch einfach zerreißt. Literatur aber will es ohnehin gar nicht sein, dieses Buch, muss es nicht sein, denkt man sich irgendwann, liest weiter und sieht dann das wahre „Echt, du bist Jude?“-Problem: Yascha Mounk und sein Text wollen unbedingt klug sein.

          Ausgerechnet Ernst Nolte

          Zum Beispiel die Geschichte von Daniel mit dem Rasierapparat. Mounk erzählt diese brutale Szene wie ein echter Erzähler, bis dann so ein Satz kommt: „Und doch nahm sich Daniel auf seine plumpe Weise jene feinsinnigen Intellektuellen wie Ernst Nolte zum Vorbild, die behaupteten, es sei an der Zeit, Deutschlands Verhältnis zu seiner Vergangenheit zu verändern.“ Warum sucht sich Yascha Mounk ausgerechnet Ernst Nolte als Idol des vierzehnjährigen KZ-Spielchen-Daniels aus? Vielleicht, weil „Nolte“ sich klüger anhört als „KZ-Spielchen-Daniel“. Vielleicht auch, weil Mounk die Motive des KZ-Spielchen-Daniels selbst nicht verstanden hat. Vielleicht ist das aber auch nur sein hilfloser, noltehafter Versuch zu relativieren, um den Deutschen nicht weh tun zu müssen.

          „Nichts von dem, was ich geschrieben habe, ist als Anklage gemeint“, schreibt Yascha Mounk wahrscheinlich deshalb auch in die Mitte seines Bloß-niemandem-weh-tun-wollen-Textes hinein. Ja, stimmt. Tatsächlich hört sich nichts in Mounks Buch nach ernsthafter, schwerer Anklage an, weil er immer wieder betont, dass ja nicht alle so oder so sind und dass er sehr vieles und viele versteht.

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