http://www.faz.net/-gqz-t1w9

Kritik an Israel : Jostein Gaarder im Kreuzfeuer

  • -Aktualisiert am

Bauchredner: Jostein Gaarder Bild: dpa

Der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder („Sofies Welt“) ist eine stille Natur. Nun aber sorgt er für Aufregung: In einem Essay kritisiert er mit harschen Worten Israel und schreibt, der Staat sei in seiner jetzigen Form „Geschichte“.

          Zum ersten Mal in seinem Leben schaue er sich besorgt um, sagt Jostein Gaarder. Seit Tagen steht er im Kreuzfeuer der Kritik. Der Norweger ist seit seinem Jugendbuch „Sofies Welt“, das in 49 Sprachen übersetzt und dreißigmillionenmal verkauft wurde, einer der bekanntesten Schriftsteller Europas. Früher erlebte er Kritik allenfalls insofern, als daß manche seine Populärphilosophie allzu gefällig fanden. Jetzt aber gab es auf seinen Essay in der Wochenendbeilage der angesehenen norwegischen Zeitung „Aftenposten“ weit mehr als tausend zum Teil äußerst feindselige Zuschriften. Dort schrieb er, Israel habe mit seinem Vorgehen im Libanon „die Anerkennung der Welt geschändet“. Der Staat Israel in seiner jetzigen Form sei Geschichte und dürfe, wie einst das Apartheidregime in Südafrika oder die Taliban in Afghanistan, nicht mehr anerkannt werden.

          Nicht nur Schriftsteller wie Mona Levin sind empört und vergleichen Gaarders Haßtirade mit Hitlers „Mein Kampf“. Der norwegische Außenminister Jonas Gahr Støre nannte den Text „inakzeptabel und beunruhigend“. Andere teils wenig bekannte Autoren hingegen gaben Gaarder Rückendeckung: Mit seiner „mutigen und wohlbegründeten Analyse“ lasse sich ein norwegischer Schriftsteller endlich einmal nicht einschüchtern. Differenzierter fiel die Kritik des Schriftstellers Erik Fosnes Hansen aus: Gaarder habe einen Irrtum begangen, als er die Rolle des alttestamentarischen Propheten übernahm mit seinen unbestimmten „Wir“-Formulierungen und apodiktischen Sätzen. Er hätte, so Hansen, unterscheiden müssen zwischen dem jüdischen Glauben, in den er sich nicht einzumischen habe, und der Politik.

          Sonst stets sanft und still

          Gaarder erscheint sonst stets sanft und still, steht bei großen Empfängen am Rande. Öffentliche Aufmerksamkeit schien ihm stets ein Greuel. Nur selten äußert sich der vierundfünfzig Jahre alte Religionswissenschaftler, der einen Großteil seiner Einkünfte in eine Stiftung gegen Umweltzerstörung und Doppelmoral einbrachte, öffentlich. Der Träger des Willy-Brandt-Preises, der sich von Hegel und den Brüdern Grimm geprägt sieht, bezeichnet die letzten Tage als ebenso hart wie die Wortwahl seiner Gegner. An der weiteren Debatte will er sich nicht beteiligen. Rückblickend gibt er zu, daß er für seine Wortmeldung eine andere Form wählen sollen als den Scheidebrief, der den Ton einer diplomatischen Urkunde imitiert. Zum Gesagten selbst aber stehe er weiterhin; er hoffe, daß er das auch in einigen Monaten noch tun werde. Er habe „als Humanist“ aus Abscheu vor dem Krieg geschrieben und zur Versöhnung mahnen wollen.

          Manche der Vorwürfe gegen Gaarder erinnern an frühere: Er vermische ohne tiefere Einsicht und Kenntnis Ebenen und Themen. Gaarder hält dem entgegen, er habe seinen Text, in dem er Israel vorwirft, die Religion für politische Zwecke zu mißbrauchen, zuvor mit Fachleuten erörtert. Das einzige, was er wirklich bedauere, sei, Menschen verletzt zu haben - und seine „respektlose“ Bezeichnung der Zehn Gebote, die er „lustige Steintafeln“ nannte.

          Weitere Themen

          Hast du Worte

          Netzrätsel : Hast du Worte

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: Songtexte visualisieren.

          Das Tote Meer soll nicht sterben Video-Seite öffnen

          Salzsee in Nahost : Das Tote Meer soll nicht sterben

          Das Tote Meer, das an Israel und Jordanien grenzt, verliert durch wirtschaftliche Nutzung immer mehr Wasser. Israels Regierung erklärt, man wolle langfristig Profit- und Umweltinteressen versöhnen.

          Topmeldungen

          Kanzlerin Merkel beim Besuch des Unternehmens Trumpf Sachsen in Neukirch.

          Merkel in Sachsen : Die Liebe und Zuneigung der Kanzlerin

          Meckern und Miesepeterei: Die Beziehung zwischen Angela Merkel und Sachsen ist schon länger eine schwierige – dennoch kann die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch im Protest-Freistaat punkten.
          Donald Trump beim Besuch eines Militärstützpunkts im Bundesstaat New York vergangene Woche.

          Frühestens 2019 : Trump muss auf seine Militärparade warten

          Eine Militärparade mitten in der Hauptstadt wollte Trump, wie er es in Paris gesehen hatte. Das Pentagon macht seinen Plänen nun einen Strich durch die Rechnung – zumindest für dieses Jahr. Das liegt wohl auch am Geld.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.