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Krimi „Blutiger Januar“ : In einer düsteren Stadt

Alan Parks’ Glasgow der Siebziger: Ein Junge spielt in einem verfallenen Gelände in einer Pfütze. Bild: Picture-Alliance/Mary Evans Picture Library

Willkommen im Clan: Mit dem Glasgower Alan Parks und seinem Debüt „Blutiger Januar“ hat der Schottenkrimi einen neuen Mitspieler. Was taugt der Stoff?

          Die Schotten wollen sich zur Krimiweltmacht aufschwingen, und deshalb halten sie zusammen, wo es nur geht. Auch im Fall des heute auf Deutsch erscheinenden Debüts von Alan Parks prasselten die Lobeshymnen und Schulterklopf-Blurbs nur so auf das neueste Mitglied der Tartan-Noir-Sippe herunter. International erfolgreiche Autoren wie Ian Rankin, Louise Welsh, John Niven, Peter May und aus amerikanischer Ferne Bret Easton Ellis waren zur Stelle, um Parks zum legitimen Erben von William McIlvanney zu ernennen, dessen 1977 publizierter Roman „Laidlaw“ das Genre begründete.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Nur einer hielt in „The Scotsman“ dagegen, der achtzigjährige Allan Massie, dem das zu viel Gedöns war. Ihm kommen zu wenig wirkliche Glasgower Jedermänner vor, der Held heile nach Messerattacken zu schnell, und überhaupt scheine zu viel Spaß an der Gewaltinszenierung durch – weil es sich eben um Unterhaltung handle, und nicht, wie im Falle McIlvanneys, um einen Moralisten, dem es um das Wesen von Korruption und nicht um die Sensation von Gewaltverbrechen gegangen sei. Außerdem: Viel zu viel hineingestopft, typischer Anfängerfehler.

          Man ist geneigt, Massie zu folgen, denn auch die Dialoge klingen – in der Übersetzung von Conny Lösch „aus dem schottischen Englisch“ – einigermaßen nivelliert. Und dennoch muss man sagen, dass Parks das mit seinen vierundfünfzig Jahren als Neuling nicht schlecht macht. Er führt in die ersten Januartage des Jahres 1973 in Glasgow, seiner alten und neuen Heimatstadt. Damals war er elf Jahre alt, und die Stadt war ziemlich am Boden. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie sich erholte. Fotografien aus jenen Jahren zeigen Armut in Kohlenruß, eine Stadt, die von Verkehrsschneisen und betonbrutalistischen Wohnsilos verunstaltet wird.

          Sorgsam ausgewälzte Grausamkeit

          Auftritt Harry McCoy: Der dreißigjährige Detective wird ins berüchtigte Gefängnis Barlinnie geholt, weil ihm ein Insasse steckt, dass anderntags ein Mädchen namens Lorna ermordet werden soll. Alle Versuche, die Tat aufzuhalten, misslingen. Ein Jugendlicher erschießt diese Lorna, die sich offiziell als Kellnerin verdingte, an einem belebten Busbahnhof, bevor er sich selbst richtet.

          McCoy und sein noch grüner Assistent Wattie sind bald auf einer Spur, die in die Welt der Prostitution und damit am Ende in die Welt der Finanz, Justiz, Politik und des Adels führt. Ein wenig gestanzt vielleicht, dieses Tableau. Denn Lorna war ein Escortmädchen, das sich auch härter rannehmen ließ. So geizt Parks nicht mit expliziten Szenen und sorgsam ausgewälzter physischer und seelischer Grausamkeit. Das hat aber ursächlich damit zu tun, dass sein Ermittler selbst eine Vergangenheit als Heimkind hat, mit einem prügelnden Alkoholiker als Vater und dem Rattenschwanz an Störungen, den ein solcher Missbrauch mit sich bringt.

          Versetzt zurück ins kohlenverrußte Glasgow von 1973: Der Schottenkrimi „Blutiger Januar“ von Alan Parks.

          McCoy hat zwar eine Visitenkarte einer Psychologin in der Tasche, aber noch versucht er, seine Ängste mit Alkohol, Drogen und Sex zu betäuben. Der Kater ist sein bester Freund. Zudem ist er eng verbandelt mit Stevie Cooper, einem unduldsamen König der Unterwelt an der Grenze zum Wahn, der ihn in jenem Heim für schwererziehbare Knaben vor Übergriffen schützte. Dafür fordert er jetzt Loyalität ein, und er bekommt sie auch. Am Ende der gesellschaftlichen Nahrungskette stehen die Dunlops, die neben krummen Geschäften der Jagd frönen und Orgien veranstalten, an denen dann schon mal ein Vertreter der königlichen Familie teilnimmt und so blöd ist, sich dabei fotografieren zu lassen. Mit den Dunlops hat McCoy eine Rechnung offen, und das gibt dem Buch auf den letzten hundert der vierhundert Seiten einen unerwarteten Schub.

          Die Zukunft des McCoy

          Glasgow ist, anders als Edinburgh, noch nicht mit fiktionalen Ermittlern überbevölkert, legendär ist dort die Fernsehserie „Taggart“, die von 1983 an dreißig Jahre lief, und eben die Romane des 2015 verstorbenen bekennenden Sozialisten McIlvanney. Heute halten Alex Gray und Denise Mina die Fahne hoch. Zu ihnen gesellt sich nun der studierte Philosoph und langgediente Manager in der Popindustrie Alan Parks. Zunächst gab er das Lob zurück und pries die Kollegen Denise Mina, Ian Rankin und Louise Welsh, verbeugte sich vor McIlvanney und dem heute vergessenen Autorenduo H. Kingsley Long und Alexander McArthur. Deren 1935 erschienener Roman „No Mean City“ spielt in den zwanziger Jahren, sein der Bibel entlehnter Titel wurde ein geflügeltes Wort in Glasgow.

          Und Parks? Der zweite McCoy-Band ist schon im Kasten, eine Serie soll daraus werden, aber spätestens 1980 soll Schluss sein, weil in diesem Jahr Parks’ Lebensweg Richtung London abbog. Das wären, blieben die Fälle im Monatsrhythmus – „Grausamer Februar“, „Bleierner März“ etc. –, achtundsiebzig Bände mit McCoy. Das schafft selbst der bärtigste Schotte nicht. Um es mit Allan Massie versöhnlich zu sagen: Es wäre eine Überraschung, wenn sich Parks nicht steigern würde.

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