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Rosamund Luptons neuer Roman : Eisig wie die Kälte ist die Angst

Rosamund Lupton: „Lautlose Nacht“. Roman. Deutsch von Christine Blum. dtv Verlag, München 2016. 384 Seiten. 14,90 Euro. Bild: dtv Verlag

In ihrem Roman „Lautlose Nacht“ erzählt Rosamund Lupton von einer atemberaubenden Reise durch Alaska. Sie endet mit der Ergründung eines dunklen Geheimnisses.

          Es ist kalt in Alaska, eiskalt ist es im ewigen Eis des Polarkreises. Und im Winter herrscht am Nordpol die Dunkelheit, die ewige Nacht genannt wird. Yasmin ist mit ihrer Tochter Ruby aus London nach Alaska gefahren, um ihren Mann Matt zu sehen, der als Tierfilmer dort unterwegs ist. Ihre Tochter wollte sie nicht daheim zurücklassen, das zehnjährige Mädchen ist gehörlos. Als sie und Ruby in Fairbanks ankommen, erfährt Yasmin, dass Matt bei einer Brandkatastrophe in einem kleinen Ort am Polarkreis ums Leben gekommen ist. Sie will das nicht glauben, und es beginnt eine in jedem Wortsinn atemraubende Reise dorthin, wo Tag und Nacht zum lautlosen Schwarz des Polarkreises verschmelzen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Schwer zu glauben ist zunächst der Wahnsinn, der Yasmin ihr taubes Kind mit sich nehmen lässt auf diesen Horrortrip, immer tiefer ins ewige Eis, und als es nicht mehr anders geht, in einem gestohlenen riesigen Truck, den sie selbst steuert, gegen alle Vernunft in einen tobenden Schneesturm hinein. Doch Rosamund Luptons Roman „Lautlose Nacht“ reißt einen dann einfach mit auf diese Fahrt an die Grenzen menschlicher Kräfte. Denn Lupton verhandelt weit mehr als eine klirrend gleichgültige Natur. Das 2015 erschienene englische Original heißt „The Quality of Silence“, und die Beschaffenheit der Stille ist zugleich das Schicksal Rubys. Sie hat, auf sehr unterschiedliche Arten angeleitet von ihrem über alles geliebten Vater und ihrer aus Sorge um sie zur Strenge neigenden Mutter, feinste Sensorien ausgebildet für ihre Umwelt. Dazu gehört die Wahrnehmung von Menschen, aber auch ihre Affinität zu den technischen Mitteln der Verständigung. Mit beiden Eltern teilt sie die Gebärdensprache. Während ihre Mutter sie zum mühsam erlernten Sprechen mit ihrer Stimme, die sie selbst nicht hören kann, anhalten will, hat ihr Vater sie den Umgang mit ihrem Notebook, von dem sie sich nie trennt, gelehrt und damit die Kommunikation über Ort und Zeit hinaus.

          An der Grenze des Rationalen

          Yasmin ist Astrophysikerin, zu ihrer Vernunft als Wissenschaftlerin, ihrer Kenntnis der physikalischen Gesetze gesellt sich ihr Handeln jenseits jeder Rationalität, die Unergründlichkeit des besternten Raums macht sie für Metaphysik anfällig. Sie will ihren Mann wiederhaben, den Vater der gemeinsamen Tochter, der ihr in der Weite des Polarkreises verloren ging, ausgebrochen aus der familiären Nähe. Ruby, deren Name die Farbe der Liebe in sich trägt, hat ihre eigene Definition, die in den Roman hineinführt: „Mein Name ist eine Form, kein Laut. Ich bin Daumen und Finger, nicht Zunge und Lippen. Ich bin 10 ausgestreckte Finger alt - ich bin ein Mädchen aus Buchstaben. R-u-b-y. Und das ist meine Stimme.“

          In beiden, Yasmin und Ruby, gibt es einen unbändigen Überlebenswillen. Damit trotzen sie gemeinsam der wütenden Hölle des Polarsturms auf ihrer Suche nach dem Mann, dem Vater. In diesem Fünfzigtonner auf fünf Achsen, von dessen Reifen Yasmin immer wieder die Eisklumpen abschlagen muss, damit er nicht wegrutscht auf den Eispisten, die weniger sichtbar als erahnbar sind. Noch dazu werden sie verfolgt von einem unbekannten Tankwagen, in ständig bedrohlicher, aber nicht greifbarer Distanz. Eigentlich sind all diese Faktoren zusammen eine echte Zumutung für den gesunden Realitätssinn. Aber Rosamund Lupton hält den thrill am Laufen wie Yasmin den Motor des Trucks bei vierzig Grad minus. Das funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Ritt durch die unendliche Eiswüste immer wieder die Vorgeschichte von Yasmin, Matt und Ruby einflicht. Dann wird es ein wenig wärmer in der dunklen Enge des Führerhauses.

          In „Lautlose Nacht“ gibt es den ständigen Wechsel zwischen einer Erzählerin, die Yasmin folgt, und dem Geschehen, wie es Ruby wahrnimmt. Die Perspektiven verschmelzen zum Tonus der Spannung, bis fast ganz zum harten Schluss, der hier nicht verraten wird. Am Ende wird auch das Schicksal des Inuitdorfs Anaktue erhellt, in dem bei einem furchtbaren Feuer alle Einwohner umkamen, angeblich mit ihnen auch Matt. Das verbrannte Anaktue wird zum Fanal, unter ihm liegen riesige Vorkommen an Schieferöl. In Alaska konkurrieren die Energiekonzerne aufs schärfste, Fracking ist der Grund dafür. Rosamund Lupton ist gut informiert, sie erzählt ihre Geschichte absolut zwingend. Sie lässt erstarren in der Eiseskälte, und die Möglichkeit der Katastrophe erzeugt den heißen Schrecken.

          Rosamund Lupton: „Lautlose Nacht“. Roman. Deutsch von Christine Blum. dtv Verlag, München 2016. 384 Seiten. 14,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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