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Neues Buch von Paula Hawkins : Bedrohliches Gluckern

  • -Aktualisiert am

Das zweite Buch ist immer am schwersten: die britische Erfolgsautorin Paula Hawkins Bild: INTERTOPICS/Photoshot

Mit ihrem Debüt „Girl On the Train“ landete sie einen Bestseller, jetzt hat Paula Hawkins mit „Into the Water“ nachgelegt. Was taugt das Werk?

          Das zweite Buch ist immer das schwerste. Dieses Naturgesetz des Literaturbetriebs gilt erst recht, wenn der Autor mit seinem Debüt einen Bestseller hingelegt hat. Dann warten bald einige Gegner auf ihn, gegen die es anzuschreiben gilt – die Zeit, hohe Erwartungen, der Verdacht, eine Eintagsfliege zu sein. Für Paula Hawkins war der Druck gewaltig. Ihren 2015 veröffentlichten Erstling „Girl on the Train“ fanden die Kritiker so gelungen, dass sie selbst vor Vergleichen zu Gillian Flynns Thriller „Gone Girl“ nicht haltmachten. Noch begeisterter zeigten sich die Leser, die den in mehr als vierzig Sprachen übersetzten und mit Emily Blunt verfilmten Roman bis heute gut zwanzig Millionen Mal erwarben.

          Paula Hawkins: „Into the Water“. Traue keinem – außer dir selbst. Roman. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2017. 480 S., br., 14,99 €.
          Paula Hawkins: „Into the Water“. Traue keinem – außer dir selbst. Roman. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2017. 480 S., br., 14,99 €. : Bild: Blanvalet

          Hawkins, inzwischen eine der am besten verdienenden Schriftstellerinnen überhaupt, hat nicht lange gefackelt und nun mit „Into the Water“ nachgelegt. Schauplatz des Geschehens ist die englische Gemeinde Beckford, wo seit Jahrhunderten bemerkenswert viele Frauen in einer als „Drowning Pool“ bezeichneten Flussbiegung ums Leben kommen. Zufall? Keineswegs. „Beckford ist ein Ort, um unbequeme Frauen loszuwerden“, notiert Nel, die von den Todesfällen fasziniert ist und ihrerseits schon vor dem Beginn der am analytischen Detektivroman orientierten Handlung stirbt. Daraufhin geht es einerseits um die in der Zukunft liegende Aufklärung ihres Todes, andererseits um die in die Vergangenheit zurückreichende Vorgeschichte.

          Abgegriffenes Personal

          Diese zeitliche Doppelstruktur ist der Autorin augenscheinlich zu dünn, weswegen sie weitere, mitunter völlig irrelevante Sterbefälle schildert und zur Enträtselung freigibt. Darunter leidet die Überschaubarkeit, so dass nach wenigen Kapiteln nicht mehr klar ist, wer wann was zu wem gesagt hat und wer wem was verheimlicht. Das Resultat ist ein nur mit Mühe zu entwirrender Plotsalat, der die Lektüre erschwert und aus folgender Figurenäußerung eine ironische Pointe macht: „Irgendwann hab ich aufgehört, mich zu konzentrieren, hab an andere Dinge gedacht, mich neuen Themen zugewandt, nicht mehr zugehört und so den Faden verloren.“

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          Problematisch auch das abgegriffene Personal. Da ist zum Beispiel die Familie Townsend, bestehend aus Sean (Polizist, verhaltensauffällig), Patrick (sein Vater, sinister) und Helen (seine Frau, blutleer) – ein Trio, das die Psychotherapie vor ganz neue Herausforderungen stellen könnte. Oder Nels Schwester Julia, die so viel Schicksalslast mit sich herumschleppt, dass ihr Geburtsort ein Schnupperkurs für kreatives Schreiben zu sein scheint. Besondere Nachsicht wird dem Leser bei Nickie abverlangt, einer Seherin mit lila Haaren und schwarzem Eyeliner, die von Hawkins, sozusagen als Bonbon, einen Samtschlapphut aufgesetzt bekommt. Hogwarts ist da nur noch einen Besenritt entfernt.

          Ästhetische Ausschweifung

          Insgesamt haben wir es mit elf Hauptfiguren zu tun, die leistungsstarke Überdrusskatalysatoren abgeben, sobald sie sich – obwohl über mancherlei im Bilde – kryptodämlich raunend zu Wort melden. Eine ihrer Funktionen ist es, uns jenes Unbehagen abzupressen, das sie selbst pausenlos empfinden und das bei ihnen Reaktionen provoziert, die sich vor keinem Groschenheft verstecken müssen: „Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf“, „wobei sich mir die Nackenhaare aufstellten“, „ich bekam eine Gänsehaut“, „meine Kopfhaut kribbelte nervös“, „meine Kopfhaut begann zu kribbeln“.

          Während Hawkins in Bezug auf die Todesfälle höhere Geheimniskrämerei kultiviert, schüttet sie am Reißbrett entworfene Konstellationen und klischeehafte Gimmicks ohne jedes Feingefühl über uns aus. Das Gruselregister etwa klingt so: „In den Bäumen hinter der Hütte konnte ich eine Eule rufen hören und dann noch einmal: jemanden husten.“ Birken erscheinen plötzlich wie Gespenster, der Handyempfang ist gestört, und das „Gluckern des Flusses klang nicht mehr fröhlich, sondern bedrohlich“. In diesem Ambiente aus „Hunderten von Horrorfilmen“ quaken schließlich sogar die Kröten, bevor sich zur Entschärfung der Lage ein blökendes Schaf blicken lässt.

          Durchgehend bemüht die Autorin das Wasser als Leitmotiv, wobei sie seine Formlosigkeit mit der düsteren Handlung verknüpft. Das haben wir schnell verstanden, doch der Wille zur morastigen Droste-Hülshoff-Stimmung treibt Hawkins in die ästhetische Ausschweifung: Beharrlich und bis zum Ende wird in diesem strapaziösen zweiten Buch das von Schlamm und Modder ausgehende Unheil heraufbeschworen. Da braucht es tapfere Leser, denen es egal ist, dass sie bereits nach wenigen Seiten kein Land mehr sehen.

          Paula Hawkins: „Into the Water“. Traue keinem – außer dir selbst. Roman. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2017. 480 S., br., 14,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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