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Peter Terrins „Der Wachmann“ : Paranoia in der Tiefgarage

Für die Wachmänner in Peter Terrins dystopischem Roman führt der Weg nur nach unten. Bild: Claus Setzer

In Peter Terrin klaustrophober Zukunftsvision bewachen zwei Männer eine verlassene Luxuswohnanlage. Und beweisen, dass es mit Loyalität, die blind einer Macht folgt, nie gut gehen kann.

          Der neue Roman von Peter Terrin ist eine explosive Mischung aus Science Fiction und „Warten auf Godot“. Er spielt fast ausschließlich in der Tiefgarage einer Luxuswohnanlage. Während draußen, in einer unbekannten Stadt einer nicht näher definierten Zukunft, etwas Schlimmes passiert sein muss, mindestens ein Kriegsausbruch oder eine nukleare Katastrophe, herrscht im Innern Paranoia. Dass man dabei als Leser nie genau weiß, welcher Ort schlimmer ist, verleiht dem Buch seinen Horror – bei aller Klaustrophobie des Settings sowie einigen Toten –, aber auch seine Komik. Das liegt vor allem an den beiden Hauptfiguren, weshalb der Roman tatsächlich „Die Wachmänner“ heißen müsste oder auch: „Dick und Doof in der Tiefgarage“.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn die beiden, die da Tag für Tag und Nacht für Nacht ihren Dienst tun, sind so begriffsstutzig, dass sie sogar dann noch an ihrer Routine festhalten, als längst klar ist, dass sie von allen verlassen sind. Doch wie ein altes Ehepaar verharren Michel und Harry in ihrem Keller, führen die immer selben Gespräche, und während sich alles schlagartig verändert zu haben scheint, steht ihre Zeit still.

          Die Isolation treibt die Männer in die Obsession

          Auch die Bewohner der Luxusanlage sind, bis auf einen, längst geflohen. Michel und Harry aber glauben, ihr Arbeitgeber, von ihnen nur die „Organisation“ genannt, habe sie zu Höherem bestimmt und dies sei eine Art Test für sie. Also schreiten sie in ihren strahlend blauen Uniformen weiterhin durch den gewaltigen Kellerkomplex. Selbst als das Licht ausfällt, hören sie nicht auf, ihre Runden nach dem vorgegebenen Muster abzugehen. Das lässt sich natürlich als Allegorie auf eine von Konflikten getriebene und Ängste hervorrufende Gegenwart lesen.

          Der Ich-Erzähler Michel ist dabei der Einfaltspinsel, während sein Kompagnon sich als Verschwörungstheoretiker von Gnaden erweist. Zusehens treibt die Isolation die Männer in die Obsession. Und je länger ihre Ungewissheit andauert, umso abenteuerlicher wird ihr Verhalten. Als schließlich ein dritter Wachmann in der Dunkelheit des Kellers auftaucht, angeblich von der Organisation entsandt, eskaliert die Situation.

          Dem 1968 im flämischen Tielt geborenen Autor, dessen Romane, Erzählungen und Dramen vielfach übersetzt und mit Preisen bedacht wurden, geht es bei allem Grusel auch um soziale Strukturen. „Der Wachmann“, der das literarische Motiv des Nachtwächters aufnimmt, ist deshalb auch ein Angestelltenroman. Auch im Gebäude sind die Rollen klar verteilt: Der Aufzug ist nur für Bewohner und Bedienstete, nicht aber für die Wachmänner zugänglich.

          Die Tragik der beiden liegt darin, dass sie bis zuletzt hoffen, befördert zu werden, wenn sie jetzt nur alles richtig machen. Oberstes Gesetz sind deshalb die Regeln der Firma, denen sie ihr gesamtes Denken und Tun unterwerfen. Der Witz ist aber, dass sie nicht wissen, wie dieses Gesetz und diese Regeln aussehen, schon gar nicht im Ausnahmefall. In kurzen, nicht chronologisch arrangierten Szenen rollt der Erzähler das Psychogramm von Michel und Harry auf.

          Durchgehend vermag Peter Terrin die Spannung nicht zu halten. Irgendwann erschöpft sich das Erzählte in der Wiederholung, und der Showdown am Ende ist allzu verwirrend. Aber der Befund, dass Loyalität, die sich blind an eine unhinterfragte Macht bindet, in die Irre läuft, ist so aktuell wie eh und je.

          Peter Terrin: Der Wachmann. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Liebeskind Verlag, München 2018. 256 S., geb., 20,– .

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