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Krimi von Friedrich Ani : Die Vermissung der Welt

Hommage an den Schriftsteller, der als Vater der Schwarzen Serie mehr Legende denn vielgelesener Autor ist: Jeanne Moreau in „Die Braut trug schwarz“. Bild: Picture-Alliance

Wenn es dunkel ist, ist es niemals ganz dunkel: Friedrich Ani verbeugt sich in aller Schwärze vor einem Vorbild.

          Eigentlich, ja eigentlich war Schluss mit Süden. Nach neunzehn Romanen. Aber nun taucht der ehemalige Polizist, Vermissten-Fahnder und nun auch eigentlich ehemalige Privatdetektiv Tabor Süden doch noch einmal auf, und zwar am Münchner Hauptbahnhof. Der Spezialist für „Vermissung“ will gerade aus der Geschichte aussteigen. Er hat eine leere Wohnung inklusive Handy hinterlassen, als ihn bei der Zuganzeige seine ehemalige Arbeitgeberin Edith Liebergesell abfängt. „Ich wusste es“, sagt sie. Dass er einen Zug nehmen würde, um endgültig zu verschwinden.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Als sie ihm den Auftrag schildert, den sie im Begriff ist anzunehmen – ein ehemals erfolgreicher Kriminalschriftsteller, der in einem derangierten Hotel lebt, ist seit ein paar Tagen abgängig, der Hotelier macht sich Sorgen – willigt Süden überraschend sein. „Unbedingt“, sagt er, wohl auch ein wenig sich selbst überrumpelnd.

          Im Wintermantel in der Julihitze

          Derweil ist jener Cornelius Hallig, der sich als Autor Georg Ulrich nennt, im Osten Münchens abgetaucht. Er beobachtet das verwahrloste Haus, in dem einst seine Mutter als Schneiderin arbeitete. Die Mutter, die ihn allein großzog, bei der er blieb auch als Erwachsener. In einem Wintermantel steht Hallig in der Julihitze in Zamdorf, nördlich der Autobahn, die Richtung Passau führt. In einem Dreieck zwischen der Eggenfeldener Straße, der Friedrich-Eckart-Straße, benannt nach einem Konservenfabrikanten, und der Emin-Pascha-Straße, benannt nach dem deutschen Afrikaforscher Eduard Schnitzer. Wo einst Dorf war, franst heute hier die große Stadt aus, unentschieden, was sie sein will, ein Gelände ohne Haltepunkte.

          Autor Friedrich Ani

          Aufgelöst haben sich längst auch Halligs menschliche Beziehungen. Nach dem Tod der Mutter, die mit ihm im Hotel gelebt hatte, gibt es nur noch eine Tante in Schwabing, aber das ist eine ganz andere Welt. Berührung hat Hallig nurmehr mit dem Hotelpersonal. Er sieht aus wie siebzig, ist obendrein krank, verweigert aber jeden Arztbesuch. Geplagt von den stechenden Schmerzen eines offenen Beins, abgemagert, eine Hülle von Mensch, ein „getriebener Schatten, der den Abend nicht erwarten kann“, hat Hallig/Ulrich nur noch ein Ziel.

          Rabenschwarz ums Gemüt

          Der ihn sucht, ist ihm so ähnlich, dass er bald weiß, wo er zu suchen hat. Halligs Lektorin hat eine Biographie über Georg Ulrich geschrieben, der eine ganze Weile recht erfolgreich als Kriminalschriftsteller war – Verfilmungen; Hörspiele, Übersetzungen. Seine Biographie hat er nicht angefasst, stattdessen hortet er eine Pistole, von der niemand weiß. Nachdem Süden das Manuskript gelesen, die Autorin und das Hotelpersonal vernommen und Witterung aufgenommen hat, folgt er antizipatorisch den Bewegungen Halligs.

          Friedrich Ani: „Der Narr und seine Maschine“. Ein Fall für Tabor Süden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 143 S., geb., 18,– .

          Auf staubtrockenen hundertvierzig Seiten führt Ani die beiden Geistesverwandten aufeinander zu, dass es einem rabenschwarz ums Gemüt werden könnte. Aber da ist noch eine Ebene, die von Bedeutung ist. Das Buch ist eine Hommage an den amerikanischen Schriftsteller, der als Vater der Schwarzen Serie mehr Legende denn vielgelesener Autor ist, die Diogenes-Ausgabe ist längst nurmehr antiquarisch zu finden: Cornell George Hopley-Woolrich (1903 bis 1968). Er schrieb unter den Namen Cornell Woolrich und zwei weiteren Pseudonymen maßgebliche Bücher und Kurzgeschichten, die später durch ihre Verfilmungen Weltruhm erlangten (am bekanntesten Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“, Truffauts „Die Braut trug schwarz“, „Walzer in die Dunkelheit“).

          Ein paar menschenfreundliche Lichter

          Ani hat zum fünfzigsten Todestag ein Gedenkblatt über Woolrich verfasst, das man auf culturmag.de findet. Im Roman ist Woolrich omnipräsent: Er lebte, wie Anis Antiheld Hallig, die längste Zeit seines kurzen Lebens mit seiner Mutter in Hotels. Das Pseudonym Georg Ulrich ist eine Verbeugung vor Cornell Woolrich, ein Zitat aus dessen nicht übersetzter Autobiographie „Blues Of A Lifetime“, in der er sich als „ein Narr und seine Maschine“ charakterisierte, gibt dem Roman den Titel. Auf ein Whodunit verzichtet Friedrich Ani ebenso, wie er im Finale die Gepflogenheiten des Genres unterläuft, so als wolle sich der Autor abwenden, um allein zu sein mit seiner Schattentraurigkeit.

          Dass es Ani schafft, in dieser dunklen Seelenwelt unter dezentem Einsatz religiöser Motive ein paar menschenfreundliche Lichter anzuzünden, nimmt den Leser für die Weltabgewandtheit seiner beiden Leidensmänner, die das Lächeln verlernt haben, ein.

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