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Krimi-Roman „Kalter Frieden“ : Alles im grauen Bereich

Der zweite Schlag des kalten Sommers: Fassungslosigkeit nach dem Attentat auf Staatsanwalt Paolo Borsellino und seine Leibwächter am 19. Juli 1992 in Palermo Bild: ROPI

Italien in der Staatskrise: „Kalter Sommer“, der neue Roman von Gianrico Carofiglio, erzählt von einem Mafia-Krieg in seiner Heimat Bari. Dort erklärt der Autor auch, warum am Ende der Staat gewinnen wird.

          Es ist eine Nachricht ganz nach seinem Geschmack. Just an dem Tag, an dem sich der Besucher aus Deutschland angemeldet hat, nimmt die Polizei in Bari und Umgebung 104 mutmaßliche Mafiosi fest. Ein lange und sorgfältig geplanter Coup, ein voller Erfolg. „Es geht immer weiter, und am Ende werden wir siegen“, sagt ein zufrieden lächelnder Gianrico Carofiglio beim Aperitif im Riva Club auf dem Molo S. Antonio, der wie ein Dorn in das Hafenbecken von Bari ragt. Von dort aus hat man den besten Blick auf die Altstadt, das Gründerzeitviertel, das von Nachkriegsmoderne und Betonbrutalismen angegriffen ist, und auf die Bauten der faschistischen Ära entlang der Uferpromenade nach Süden hin.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Carofiglio ist längst ein Ehemaliger der Strafverfolgung – den Posten als Staatsanwalt in der Antimafia-Abteilung hat er an den Nagel gehängt, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Dass er auch als Schriftsteller nicht von diesem Thema loskommt, beweist sein soeben auf Deutsch erschienener Roman „Kalter Sommer“, der im Jahr 1992 spielt. Die Befreiung aus dem Würgegriff des organisierten Verbrechens sei eben eine Sache von Jahrzehnten, das zeigten auch die aktuellen Verhaftungen: „Die, die heute verhaftet wurden, haben Verbindungen zu den Mafiosi, die ich im Roman schildere“, sagt der Autor.

          Beim Gang durch seine Heimatstadt an der Adria zeigt sich, dass der austrainierte, hochgewachsene Carofiglio nicht das übliche Spaziertempo seiner Landsleute bei einer passeggiata anschlägt. In großen Schritten pfeilt er zielstrebig durch das Raster der Innenstadtstraßen – und wird trotz verspiegelter Sonnenbrille erkannt. Zwei Rentner nicken unmerklich, junge Polizisten grüßen ehrerbietig, in seiner Lieblingsbuchhandlung Laterza kennt man ihn seit Kindesbeinen. Hier muss er immer mal wieder für ein Fan-Foto herhalten. Laterza sei eine Metapher für die Entwicklung der Buchkultur, sagt Carofiglio, denn den größten Teil ihrer Fläche musste die Buchhandlung aufgeben. Den bespielt jetzt eine Luxusmodemarke, durch raumhohe Glasscheiben ist der Blick zum jeweiligen Nachbarn frei.

          Der 1961 in Bari geborene Autor ist in Italien viel mehr als nur ein Kriminalschriftsteller, als der er in Deutschland seit seinem Debüt „Reise in die Nacht“ (2006) bekannt ist. Er war auch schon in der Politik, für den Partito Democratico saß er fünf Jahre im römischen Senat. Heute schreibt er neben Krimis auch Kurzgeschichten und Romane ohne Mord, dazu Essays über Kunst, Literatur, Mafia, Politik.

          Im Fernsehen ist er auch zu sehen, allerdings gehe er nur „in seriöse Talkshows, nicht in solche, in denen nur herumgeschrien wird“, sagt Carofiglio. Letztes Jahr hat er sich mit dem Parteivorsitzenden der Lega Nord, Matteo Salvini, in der Diskussionsrunde „Otto e mezzo“ angelegt. Salvini sah am Ende nicht mehr gut aus. Carofiglio denkt schnell und scharf.

          Realität und Fiktion

          Aber in die Politik zurückkehren, das will sich Carofiglio nicht noch einmal antun. Vielleicht, weil er ein Moralist ist, mit dem argumentativ nicht gut Kirschen essen ist, wenn er die Wahrheit bedroht sieht. Eine Wahrheit, von der er allerdings sagt, sie sei nie schwarz oder weiß. Bei den Mafia-Prozessen, bei denen er als Kläger auftrat, habe er mehrmals Angebote von Mafiosi bekommen, ihre Verteidigung zu übernehmen nach dem Motto: Du bist besser als mein Anwalt hier, was kostet es mich, wenn du mich verteidigst? Und seine Romane seien von den Verurteilten im Gefängnis immer gern gelesen worden.

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