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Veröffentlicht: 07.05.2017, 13:54 Uhr

Krimi-Autor Rex Stout Das FBI, wie es keiner kennt

Die Polizei kennt nur die offiziell festgelegte Realität, der Privatdetektiv schert sich nicht darum: Was der Krimi-Schriftsteller Rex Stout und die amerikanische Soziologie gemeinsam haben.

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© Getty Seine Figuren sind gleichzeitig auf der Vorder- und der Hinterbühne unterwegs: Rex Stout (1886-1975) auf einer Cocktailparty des Schriftstellerverbandes Mystery Writers of America.

„The Doorbell Rang“ war im Herbst 1965 noch nicht herausgekommen, da erhielt Rex Stout bereits einen Leserbrief. Der Schreiber fasste sich kurz: „Lieber Herr Stout, ich habe gerade gelesen, was im ,Herald Tribune Sunday Magazine‘ über Ihr Buch steht. - Thomas Jefferson dankt Ihnen. Thomas Paine dankt Ihnen. James Madison dankt Ihnen. - Und ich danke Ihnen.“

Jürgen Kaube Folgen:

Es kommt selten vor, dass die halbe Gründungsmannschaft der modernen Demokratie aufgeboten wird, um eine Detektivgeschichte zu loben. Lakonisch wie stets meinte Rex Stout später, er habe sich damals schon gefragt, was denn mit Benjamin Franklin und George Washington los gewesen sei. Und er spielte die politische Bedeutung seiner Geschichte über Nero Wolfe, wie der einmal das FBI reinlegte, herunter. Es sei ihm nur um eine gute Story gegangen. Das nächste Mal, ließ er wissen, werde er sich vielleicht auf die Heilsarmee, die römische Kirche, den Ku-Klux-Klan oder die Abstinenzbewegung christlicher Frauen stürzen.

Mehr als nur ein politisches Statement

Dass das Buch sein größter Erfolg wurde, hing trotzdem mit dem Stoff zusammen. Die Vereinigten Staaten hatten damals die Kommunistenjagd des Senators McCarthy gerade mal zehn Jahre hinter sich. Sie waren vom Attentat auf Kennedy erschüttert, ein Jahr danach hatte sich, der Roman streift es, mit Barry Goldwater ein Befürworter der Rassentrennung im öffentlichen Leben um das Präsidentenamt beworben. J. Edgar Hoover, in dem die Leser den ganz großen Fisch erkannten, der am Ende vergebens an der Tür Wolfes klingelt, war schon seit 1924 Chef des FBI und sollte es noch weitere sieben Jahre bleiben.

Dass der Roman auf eine Liste der dem FBI nicht genehmen Schriften kam, Hoover den Autor für einen Kommunisten hielt und der Darstellung seiner Agenten bei Stout ausdrücklich widersprach, hätte Nero Wolfe nicht verwundert: „Sie haben es darauf angelegt, und jetzt stecken Sie drin.“ Stouts Schwester erhielt sogar Besuch von zwei FBI-Leuten, die sie über ihre politischen und religiösen Ansichten befragten: „Mein Bruder wurde darüber ganz grün vor Neid.“

45161786 © Klett-Cotta Vergrößern Rex Stout: Es klingtelte an der Tür. Ein Fall für Nero Wolfe. Übersetzt von Conny Lösch, erscheint am 11. März bei Klett-Cotta.

Das amerikanische „Bundesamt für Ermittlung“ zu provozieren war freilich mehr als nur ein politisches Statement des bürgerrechtlich engagierten Autors. Es berührte die Form des Kriminalromans. Waren in ihm doch seit seinen Anfängen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorzugsweise zwei Instanzen mit Ermittelungen beschäftigt. Einerseits die Polizei im Besitz staatlicher Gewaltmittel. Anderseits der Privatdetektiv, der mitunter auch ein Versicherungsagent, ein Anwalt, ein Pfarrer, eine von Zinsen lebende Lady oder ein pensionierter Offizier sein konnte. Dass der Rechtsstaat nicht ausreicht, um die Taten der intelligenten Verbrecher aufzuklären, ist für die Detektivgeschichte jener Epoche wesentlich.

Für alle ein Rätsel

Weshalb aber reicht er nicht aus? Weil die Polizei gegenüber den Normalzuständen, die sie wiederherstellen möchte, befangen ist. „Der Polizist kennt nur die offizielle festgelegte Realität“, hat der Soziologe Luc Boltanski diesen Mangel beschrieben. Den großen Verbrecher befähigt demgegenüber gerade seine Unabhängigkeit von der konventionellen Wirklichkeitswahrnehmung dazu, alle ihr Verpflichteten zu manipulieren. Dem normalitätsgläubigen, nur mit dem ersten Blick ausgestatteten und immer auf dem Dienstweg befindlichen Inspektor tritt darum im klassischen Kriminalroman der mit dem Bösen, seinen außerordentlichen Absichten und seinen kognitiven Möglichkeiten vertraute Privatermittler überlegen zur Seite.

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