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Kriminalroman „Vagabond“ : Der letzte Fluchtort des Moralisten

„The Art of Danger“ – der britische Thrillerautor Gerald Seymour Bild: mauritius images

Russische Waffen, IRA-Aktivisten und Vergangenheit, die nie vergeht: Dass Gerald Seymours politischer Thriller „Vagabond“ jetzt auch auf Deutsch erscheint, kann nicht genug gelobt werden. Seit zwanzig Jahren hat kein deutscher Verlag mehr seine Bücher übersetzt.

          Manche Sätze verlieren nicht an Wucht, auch wenn sie noch so oft zitiert worden sind. Wenn man Gerald Seymours Roman „Vagabond“ liest, dann passt kaum etwas so gut zu ihm wie William Faulkners berühmte Worte, die Vergangenheit sei nicht tot, sie sei noch nicht einmal vergangen. „Vagabond“ spielt in der Gegenwart, in Nordirland, in London, in der Normandie und in Tschechien. Und für alle Handelnden an diesen Orten hat die Vergangenheit eine Präsenz, der sie nicht entkommen. Der Titelheld ist ein Mann, der den Dienst beim Geheimdienst MI5 vor Jahrzehnten quittiert hat. Er hat Agenten in Nordirland geführt und kühl über das Schicksal von Informanten entschieden. Nun arbeitet er als Fremdenführer in Dünkirchen und Umgebung, auf den ehemaligen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, wo Touristen so etwas wie den Hauch der Geschichte spüren und ergriffen sein wollen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dieser Danny Curnow wird eingeholt von seiner Vergangenheit. Beim MI5 will man ihn noch einmal dabei haben bei einer Aktion. Es soll verhindert werden, dass versprengte IRA-Aktivisten sich Waffen von Russen liefern lassen. Curnow kann sich nicht entziehen, der Spitzel, der den Deal eingefädelt hat, kann nicht nein sagen, weil beide Seiten ihn unter Druck setzen; auch der ehemalige hohe Offizier der Roten Armee, der es sich in Karlovy Vary gut gehen lässt, kommt vom Gestern nicht frei. Dass der Deal auf dem Gelände in Tschechien besiegelt werden soll, das den Sowjets nach der Niederschlagung des Prager Frühlings als Hauptquartier diente, dass es unweit des Ortes liegt, an dem tschechische Fallschirmjäger im Mai 1942 den Nazi Heydrich erschossen, all das zeigt, wie überlegt, wie raffiniert Seymour das Motiv von der Vergangenheit, die nicht vergeht, variiert hat.

          Seymours Thriller waren immer politisch

          Es wäre übrigens nicht verwunderlich, wenn Sie Gerald Seymour gar nicht kennen. Seit zwanzig Jahren hat kein deutscher Verlag mehr seine Bücher übersetzt. Dass Thomas Wörtche „Vagabond“ bei Suhrkamp herausgebracht hat, kann man nicht genug loben. Denn Seymour ist womöglich der letzte, der noch klassische politische Thriller schreibt, die nicht nur immer schwächere Aufgüsse sind wie bei John Le Carré. Manche haben Seymour ja zum Nachfolger von Eric Ambler ernannt. Das ist ehrenwert, führt nur nicht unbedingt weiter; ist aber beglaubigt dadurch, dass der mit Urteilen über Kollegen sehr sparsame Ambler Seymours ersten Roman, „Das tödliche Patt“ lobte. Das war 1975, auch das war ein Roman über irische Verhältnisse, über die IRA.

          Gerald Seymour: „Vagabond“. Thriller. Aus dem Englischen von Zoe Beck und Andrea O’Brien. Suhrkamp, 498 Seiten, 14,95 Euro.

          Zu der Zeit hatte Seymour, Jahrgang 1941, bereits eine eindrucksvolle journalistische Karriere hinter sich. Er berichtete als junger Fernsehreporter vom Postzugraub, er war in Vietnam und 1972 in München, bei Olympia und Geiselnahme, er berichtete über die RAF und die Roten Brigaden. Und nachdem sein erster Roman so erfolgreich war, schränkte er seine Reisetätigkeit nicht wesentlich ein. Seine Thriller waren immer politisch, sie folgten den Konflikten der Gegenwart. Sie erzählten von Geheimdienstaktivitäten, sie spielten im Südafrika der Apartheid, in Afghanistan, im zerfallenden Jugoslawien oder im ersten Golfkrieg – und in Nordirland, in „Vagabond“ nun schon zum vierten Mal. Dass eine Webseite, die Seymour gewidmet ist, sich „The Art of Danger“ nennt, bringt seine Arbeit auf den Punkt.

          Seymour ist, wie er in seinen wenigen Interviews gesagt hat, im Herzen immer Journalist geblieben. Sein Lektor frage ihn manchmal vorwurfsvoll: „Ist das nicht eher Journalismus?“ Aber es ist ja keine Schande, denn ein guter Journalist hat exzellente Quellen und Informanten, die seine Geschichten anreichern, ihm die nötigen Informationen besorgen, und man sieht bei jedem Buch von Seymour, dass er vor Ort recherchiert und mit den richtigen Leuten geredet hat.

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