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Douglas E. Winters Krimi „Run“ : Rache ist doch eine einfache Sache

Auf den Straßen New Yorks Bild: Picture-Alliance

Immer etwas mehr als das erforderliche Maß an Aggression: Der Thriller „Run“ von Douglas E. Winter zeigt auf, wie verlottert Kriminalität heutzutage ist – ohne sich dabei zwischen der gängigen Literatur einzureihen.

          Vielen Krimiautoren gelingt es, den immer gleichen Zinnober immer anders aufzuschreiben und enorm erfolgreich damit zu sein. Donna Leons Brunetti-Romane stehen genauso für diese spezielle Form der Könnerschaft wie Henning Mankells Wallander-Reihe. Das Gegenteil von derart atemlos produzierter Dutzendware ist Douglas E. Winters Thriller „Run“. Zum einen handelt es sich um einen Erstling, dem bis heute kein zweiter Roman gefolgt ist, zum anderen kentert er nicht im Schlick ästhetischer Verspießerung. Außerdem sind Autor und Werk weitgehend unbekannt und, durchaus symptomatisch, erst mit der kleinen Verspätung von achtzehn Jahren auf dem deutschen Markt angekommen.

          Winter, 1950 im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten geboren, hat sich einen Helden ausgedacht, der all das verkörpert, was den krähwinkligen Erfolgskrimi gerade nicht kennzeichnet. Denn dieser Held namens Burdon Lane handelt illegal mit Waffen, die er uns wie Fetischobjekte vorstellt und gehörig anpreist. Er ist ein Pragmatiker, der in dem Moment, da er die eigene Exekution für unvermeidlich hält, seinem Gegenspieler ins Gesicht gähnt. Und er sagt Dinge wie: „Wenn Sie es noch nicht selber herausgefunden haben, sollten Sie spätestens jetzt wissen, dass ich keiner von den Guten bin.“ Oder: „Die Leute sagen immer, dass Gewalt keine Probleme löst, aber da liegen sie falsch.“ Oder: „Im Grunde ist es einfach, und darum geht es bei Rache eigentlich immer. Um eine einfache Sache. Sich das zurückholen, was einem rechtmäßig zusteht.“

          Rache als Akt der Wiederherstellung einer verlorenen Ordnung: Das ist archaisch und unkompliziert gedacht. Folgerichtig versorgt uns Lane mit gediegener Unterweltfolklore und erörtert, warum die Zeit der großen New Yorker Mafia-Familien so übel nicht gewesen ist. Damals habe man Geschäftssinn bewiesen und sich an Ehren- und Schweigekodizes gehalten, heute verlottere sogar die Kriminalität – den Jamaikanern, Kubanern und Kolumbianern sei Dank. Hans Magnus Enzensbergers Beurteilung der Verbrecher um Al Capone gilt auch für Burdon Lane: Mit dem Gangster „wandert ins Allerneueste das barbarisch Alte ein“.

          „Run - Sein letzter Deal“ erschien bereits im Jahr 2000 in den Vereinigten Staaten.

          Und barbarisch geht es in „Run“ die meiste Zeit zu. Ausgangspunkt des Spektakels ist ein Waffendeal mit einer New Yorker Straßengang. Lane spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, denn sein Boss führt Regie, während die Kollegen die Drecksarbeit erledigen. Als jedoch mittendrin ein afroamerikanischer Bürgerrechtler erschossen wird, entsteht ein von eskalierender Gewalt befeuerter Mahlstrom, der das ganze Personal mitreißt. Lane, so viel ist bald klar, wurde als Kollateralleiche eingeplant. Wer Näheres wissen will, halte sich an seine Mutter, die eine passionierte Leserin war: „Es gibt immer eine nächste Seite, ein weiteres Kapitel, eine weitere Geschichte.“ „Run“ steckt voller Geschichten über Rassismus, Waffen, Verrat und Rache. Ihr gemeinsamer Fluchtpunkt ist die Ruchlosigkeit.

          Der Autor öffnet den Blick auf eine Gewalt-Arena, in der die kämpfenden Figuren sich nicht mit dem notwendigen Maß an Aggression zufriedengeben, sondern immer den Überschuss anpeilen. Auf diese Weise wird der dargebotene Exzess zum rhythmisierenden Ornament, ohne dabei seine handlungsmotivierende Funktion einzubüßen. Das Finale etwa ist vordergründig ein einziges Gemetzel, tatsächlich jedoch eine zeremonielle Gewalt-Oper mit exakt komponierten Bewegungsabläufen und Schusswechseln. Der Philosoph Martin Seel sagt, die Kunst bestehe darin, „die gewohnten, geläufigen, eingeschliffenen und darum harmlosen Darstellungen von Gewalt zu durchkreuzen“. Winter schafft das mühelos, Gewalt ist in „Run“ stets zur Kenntlichkeit entstellt.

          In dem ständig neu orchestrierten Tumult aus sich verschiebenden Frontlinien zwischen Freunden und Feinden, aus Verrohung und einem zuweilen aufblitzenden Quantum Menschlichkeit versäumt Lane es nicht, uns eines wissen zu lassen: „Ich lebe den amerikanischen Traum.“ Andauernd haut er solche bündigen Statements raus, die gut als Taktgeber funktionieren.

          Im Original wohlgemerkt. Der Übersetzer Peter Mehler hat zwar sein Bestes gegeben, aber den lakonischen Sound des Romans nicht richtig zu fassen gekriegt. Aus „Success or six feet“ wird „Entweder ich habe Glück oder sehe mir die Radieschen von unten an.“ Dennoch ist „Run“ auch auf Deutsch immer noch so gut, wie es all die Konfektionsgeschichten um piefige Ermittler à la Brunetti nie sein könnten.

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