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Mickey Spillane : Einer der ganz bösen Buben des amerikanischen Krimis

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Peggie Castle und Biff Elliot in der Mike-Hammer-Verfilmung „I, the Jury“ aus dem Jahr 1953 Bild: Picture-Alliance

„Das Donnern meiner 45er ließ den Raum erbeben. Charlotte wankte einen Schritt zurück...“: Warum Mickey Spillanes Romane um den Privatdetektiv Mike Hammer noch immer durch das Genre geistern.

          Da haben Dashiell Hammett und Raymond Chandler dem amerikanischen Kriminalroman endgültig die gehörige Anerkennung verschafft – und dann dies: Mickey Spillane, ein knapp dreißig Jahre junger Mann aus Brooklyn, veröffentlicht 1947 „I, the Jury“ (Ich bin das Gericht), einen Roman, der die mühsam erlangte Reputation der „mystery novel“ zu zerstören droht und die beiden Ahnherren der „hard-boiled school“ zutiefst ärgert. 1952, als Spillane sich auf dem Zenit seines Erfolgs befindet, bezeichnet Raymond Chandler den Newcomer als „extremes Beispiel eines sadistischen Schriftstellers“ und seine Romane als „eine Mischung aus Gewalt und Pornographie“.

          Spillanes Privatdetektiv Mike Hammer trennen von seinen Kollegen Sam Spade und Philip Marlowe in den Romanen Hammetts und Chandlers Welten. Hammers gnadenlose Brutalität sucht während der vierziger und fünfziger Jahre in der amerikanischen Pulp-Fiction ihresgleichen. Und der Unterschied zu den klassischen Kriminalromanen Agatha Christies oder Georges Simenons ist noch eklatanter: „Die klassischen Detektive handeln nicht, sie denken“ (Ernest Mandel).

          Bereits die Titel der meisten von Spillane während seiner Glanzzeit geschriebenen Romane machen eindeutige Versprechungen: „The Big Kill“, „Vengeance Is Mine“, „My Gun Is Quick“, „Kiss Me, Deadly“. Und der Name seines Helden verkündet dessen Rolle zweifach: Hammer ist nicht nur das Werkzeug, sondern auch der Hahn einer Feuerwaffe. Die Cover-Illustrationen der Taschenbücher verkünden eine deutliche Botschaft; durchweg bilden sie eine leichtbekleidete junge Frau ab, der Mike Hammer sein Schießeisen entgegenhält.

          Das Gesetz in die eigene Hand nehmen

          Tatsächlich erfüllt Spillane in seinen Romanen die Erwartungen. Dem Titel „I, the Jury“ gemäß nimmt Mike Hammer das Gesetz in die eigene Hand. „Ich bin das Gericht und der Richter (...) Ich verurteile dich zum Tode. Ein Gerichtsverfahren wäre umständlich und würde zu lange dauern. Das Gesetz ist gut und schön. Doch diesmal bin ich das Gesetz.“ Als selbsternannter Vollstrecker befreit er die Gesellschaft von Verbrechern und ist’s zufrieden: „Ich war jetzt wirklich dankbar, dass ich ihm die Kugel verpasst hatte. Der Kerl war eine Ratte.“

          Das Gericht bin ich: Mickey Spillane (1918 bis 2006), aufgenommen 1957 als Mike Hammer. Bilderstrecke

          Zuweilen lässt Spillane seine Opfer in sadistischer Zeitlupe sterben. In „I, the Jury“ scheiden das erste und das letzte Mordopfer ganz langsam dahin. Bevor Hammer den Mörder seines Freunds erschießt, malt er sich dessen Hinrichtung aus. „Er wird nicht schnell sterben. Es wird einige Minuten dauern.“ Und Sex gibt es reichlich. Mit phallozentrischem Blick schaut Mike Hammer vor allem auf die Beine und Silhouetten der Frauen. Seine Sekretärin hat „million-dollar legs“ und trägt „tight-fitting dresses“.

          Hammers Freund wurde, wie er inzwischen ermittelt hat, von einer schönen Frau erschossen. Und sie, die weiß, dass er dies weiß, versucht, ihn in die erotische Falle zu locken. Ihre entsicherte Pistole hat sie bereitgelegt und bietet sich ihm in einem perfekten Striptease an – „eine sonnengebräunte Göttin – ihr Duft – ein Seufzer – sie wollte mich küssen“. Spillanes erzählerisches Talent verhindert ein Abgleiten dieser Szene ins Pornographische. Ohne Übergang, kurz und bündig folgt auf den verlockenden Striptease die Vollstreckung des Urteils: „Das Donnern meiner 45er ließ den Raum erbeben. Charlotte wankte einen Schritt zurück...“ Diese lakonische, temporeiche Erzählweise macht Spillanes Romane auch heute noch spannend. Allerdings: Die letzten deutschen Übersetzungen legte Rotbuch vor mehr als zwei Jahrzehnten vor, man muss heute antiquarisch suchen.

          Die Schlag-auf-Schlag-Technik hatte Spillane als Comictexter gelernt. Die brutale Präzision der einzelnen Szenen, die Mischung von Crime mit Sex, die saloppe, mit Slang angereicherte Sprache, abgespeckte Syntax, aber auch die atmosphärisch dichten Bilder aus den Straßenschluchten New Yorks machten Spillanes Romane zu Bestsellern, deren Auflage die Konkurrenz nie erreichte. Die Gesamtauflage seiner knapp zwei Dutzend Bücher wird auf zweihundertzwanzig Millionen Exemplare geschätzt.

          Fast alle Kritiker und Kollegen straften ihn mit Verachtung – außer einigen eigenwilligen Künstlern wie Dylan Thomas und Janis Joplin. Spillane war Kritik gleichgültig: „Ich gebe keinen Pfifferling um Kritiken – was ich gern lese, sind die Honorarschecks.“ So posierte er als Underdog aus Brooklyn gegen das Establishment – diese „großartigen Schriftsteller haben nie kapiert, dass mehr gesalzene Erdnüsse verzehrt werden als Kaviar“. Im Gegensatz zu Chandler und Hammett war er ein schräger Vogel, der sich in diversen Jobs betätigte: als Krawattenverkäufer in einem Kaufhaus, Rettungsschwimmer und Zirkusartist.

          Die Gründe für seinen Erfolg waren allgemeine Verrohung, diffuse Rachegefühle und die paranoide Verfolgungssucht der amerikanischen Gesellschaft, die der Zweite Weltkrieg mit sich gebracht hatte. Überdies passten Spillanes Romane zu der damaligen Jagd auf die „bösen“ Kommunisten in der McCarthy-Ära und im Kalten Krieg – jede Zeit hat den Kriminalroman, den sie verdient. Man kann Spillane heute als Dokument einer Zeit lesen, in der Sexismus, Machismo oder politische Korrektheit noch nicht in Umlauf waren. Bei Spillane siegt das eher Böse über das ganz Böse.

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