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Thriller von Denis Johnson : Gar nichts ist sicher!

Unterwegs in Kongo Bild: Sven Torfinn/laif

Wo die Realität keine Tatsache ist: Denis Johnsons Roman „Die lachenden Ungeheuer“ spielt in Afrika und erzählt eine Agentengeschichte, die sich liest wie ein Malariafiebertraum.

          Wer von dem amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson einen ganz normalen Spionagethriller erwartet, der könnte auch von Elmore Leonard einen hübschen Heimatroman verlangen. Oder von Quentin Tarantino ein problemorientiertes deutsches Fernsehspiel. Solche Erwartungen sind nur dazu da, enttäuscht zu werden.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man kann stattdessen neue Erfahrungen sammeln mit diesem Buch, das „Die lachenden Ungeheuer“ heißt und das Johnson „eine Agentengeschichte mit ernsthaften Absichten, wenn man so will“, genannt hat. Was implizit ja besagt, dass es heute mit der Ernsthaftigkeit anderer Agentengeschichten so weit nicht her sein kann.

          Dieser unausgesprochenen Diagnose lässt sich schwer widersprechen. Die großen Tage eines John le Carré sind seit dem Ende des Kalten Kriegs vorbei, die Eleganz und Hellsicht eines Graham Greene oder Eric Ambler sind längst tiefste Vergangenheit und eine schöne Erinnerung. Das, was heute unter dem Label „Thriller“ auf den Markt kommt, kann literarisch sowieso kaum mithalten und hat auch keine antizipatorischen Fähigkeiten mehr zu bieten.

          Meist ist der Blick auf die Geheimdienstwelt eher krude, alles wirkt entweder ein bisschen zu ausgedacht oder bleibt hinter dem zurück, was Untersuchungsausschüsse oder Whistleblower ans Licht bringen.

          Hier gehen die Uhren anders

          Bei Denis Johnson gehen die Uhren anders. Es ist die Zeit nach 9/11: eine Welt, in der die Befugnisse und Mittel der Geheimdienste zwar unverhältnismäßig erweitert worden sind, in der sie jedoch lieber auf Drohnen und digitale Überwachungsinstrumente setzen als auf ihren Mann in Havanna oder Peking.

          In Afrika, dem Schauplatz der „Lachenden Ungeheuer“, fehlt zudem noch die Infrastruktur für Big Data: zu wenig W-Lan, zu wenige Internetanschlüsse. Und wenn Johnsons Figuren auch Laptop und Verschlüsselungssoftware benutzen, so kommt einem der Roman doch vor wie ein Stück aus analogen Zeiten.

          Denis Johnson ist selber mehrmals in Westafrika gewesen, in Somalia und Liberia vor allem, als dort der grauenvolle Charles Taylor regierte. Jonson hat grandiose Reportagen darüber geschrieben. Auch sonst weiß der Autor, der 1949 in München geboren wurde und in Tokio und Manila aufwuchs, genau, worüber er spricht.

          Sein Vater arbeitete fürs amerikanische Außenministerium als Verbindungsmann zwischreaen der United States Information Agency und der CIA. Und dass Johnson in jüngeren Jahren Erfahrungen mit diversen Drogen und Halluzinogenen gesammelt hat, war in früheren Romanen wie „Schon tot“ oder in dem Erzählungsband „Jesus’ Sohn“ unübersehbar.

          Roland Nair, der Icherzähler in den „Lachenden Ungeheuern“, trinkt zu viel, er ist ein Däne mit amerikanischem Pass, arbeitet für den Geheimdienst der Nato und ist daher schon ziemlich bald nach seiner Ankunft in Sierra Leone als ein typischer unzuverlässiger Erzähler durchschaut, dem man als Leser so wenig glaubt, wie Nair die Geschichten seines alten Freundes Michael Adriko glauben kann.

          Wer hat welche Mission?

          Adriko hat ihn nach Sierra Leone gelockt; oder Nair ist von seinem Dienst dorthin geschickt worden, um Adriako zur Strecke zu bringen. Beides ist gleichermaßen wahrscheinlich in einem Milieu, in dem Loyalitäten und Identitäten verschwimmen. In jedem Agenten steckt potentiell der Doppelagent oder zumindest jemand, der einen Auftraggeber hat und zugleich in eigener Mission handelt.

          Das ist eine reizvolle Grundsituation für einen Roman: der eklatante Mangel an Gewissheit. Und dieser Mangel ist nicht etwas, was dieses Buch in seinem Fortgang genregerecht verringern wollte.

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