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Krimi „Small Crimes“ : So geht ein richtiger Untergeher unter

  • -Aktualisiert am

Nikolaj Coster-Waldau in der Rolle des Joe Denton: „Small Crimes“ wurde heuer von Netflix verfilmt. Bild: ©Netflix/courtesy Everett Collection

In „Small Crimes“ folgt Dave Zeltserman einem Haftentlassenen in das Gefängnis der Freiheit und überzeugt dabei mit scharfsinniger Action. Einzig an der Übersetzung aus dem Englischen hapert es.

          Bei Büchern ist der erste Eindruck oft genauso wichtig wie bei Menschen. Vorm Lesen kommt das Betrachten, und wenn uns schon die Gestaltung auf Subliterarisches einstimmt, sollten wir an das englische Sprichwort „Don’t judge a book by its cover“ denken. Dies gilt auch für die Krimis, die der kleine Berliner Verlag Pulp Master herausbringt.

          Sie sehen nach Ramschkistenware aus und erhalten nur einen Bruchteil jener Aufmerksamkeit, die große Häuser wie Diogenes oder Rowohlt für ihre Titel ernten. Das geht zu Lasten herausragender, in Deutschland nahezu unbekannter Autoren. Einer von ihnen ist der 1959 geborene Amerikaner Dave Zeltserman.

          Der Ich-Erzähler: ein Soziopath

          Seine jüngste Veröffentlichung „Small Crimes“ kam in den Vereinigten Staaten bereits 2008 als erster Teil der sogenannten „Badass Gets Out of Jail“-Trilogie heraus, heuer wurde sie für Netflix von E. L. Katz verfilmt. Wie auch „Paria“ und „Killer“ (F.A.Z. vom 13. April 2015) handelt der Roman von einem aus der Haft entlassenen Verbrecher, dessen Resozialisierung, vorsichtig formuliert, problematisch anläuft. Joe Denton war vor seinem Gefängnisaufenthalt ein Polizist, der sich mit den Kollegen hauptsächlich um die Ausübung von Straftaten bemühte, nicht um deren Aufklärung. Sein Leben in drei Worten: Spielsucht, Drogenkonsum, Kontrollverlust. Als er am Telefon einmal eine Sportwette plazierte, waren ihm seine Frau Elaine und die beiden kleinen Töchter zu laut, woraufhin er sie mit einer Waffe bedrohte.

          Dave Zeltserman: „Small Crimes“. Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master Verlag, Berlin 2017. 270 S., br., 14,80 .
          Dave Zeltserman: „Small Crimes“. Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master Verlag, Berlin 2017. 270 S., br., 14,80 . : Bild: Pulp Master

          Weniger rücksichtsvoll begegnete er dem Staatsanwalt Phil Coakley, der von den Aktivitäten der lokalen Polizei Wind bekommen hatte. Erst entstellte Joe sein Gesicht mit einem Brieföffner, dann machte er sich daran, sein Büro niederzubrennen. Es folgten sieben Jahre Arrest, die mit Beginn der Handlung abgesessen sind. Ohne Vorgeplänkel steigen wir ins Geschehen ein und wundern uns bald darüber, welch einnehmenden Ich-Erzähler Joe abgibt. Zwar ist er ein Soziopath, der uns mit manipulativen Rechtfertigungsvolten um den kleinen Finger wickelt. Aber da uns genau das schon bei Jim Thompsons Protagonisten imponierte, wollen wir auch Joe nicht als reinen Pestfetzen abtun.

          Tatsächlich haben wir Mitleid mit dieser Figur, denn die neue Freiheit in dem kleinen Städtchen Bradley wartet mit Zwängen auf, gegen die das Gefängnis wie ein Hort absoluter Selbstbestimmung anmutet. Joe arbeitete vormals für einen Mafiaboss, der inzwischen sterbenskrank ist und langsam Angst vor den Unannehmlichkeiten der Hölle kriegt. Und wie löst man das Himmelsticket? Mit umfassenden Geständnissen. Phil ist sofort zur Stelle, um den korrupten Polizeisumpf trockenzulegen, während Sheriff Dan Pleasant, der seit Jahren solide Verbindungen zum Mob pflegt, Joe vor die Wahl stellt: Der Mafioso oder der Staatsanwalt, einer von beiden muss verschwinden.

          Scharfsinn und Klarheit

          In seinem „Versuch über das Tragische“ bemerkt der Literaturwissenschaftler Peter Szondi: „Nicht im Untergang des Helden vollzieht sich die Tragik, sondern darin, dass der Mensch auf dem Weg untergeht, den er eingeschlagen hat, um dem Untergang zu entgehen.“ Das charakterisiert den Plot von „Small Crimes“ ziemlich genau. Was Joe auch anstellt, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, am Ende schnürt sie ihm doppelt und dreifach die Luft ab. Diese Abwärtsspirale zelebriert der Autor so konsequent und temporeich, dass uns ebenfalls der Atem stockt. Klar arrangierte Szenen, ungekünstelte Beschreibungen und scharfsinnig zurechtgefeilte Dialoge geben dem Inhalt eine Form, deren Einfachheit den ganzen Roman trägt.

          Besondere Erwähnung verdienen die Action-Sequenzen. Schildert der enthusiastische Kung-Fu-Fan Zeltserman eine Prügelei, verlieren wir zu keinem Zeitpunkt den Überblick. Jeder Schlag, jeder Tritt, jede Drehung erreicht uns als sprachlich exakt getimte Energieerzeugung. Dabei steht die Brutalität in einem ausgewogenen Verhältnis zu den Pathologien des Personals. Romantik erscheint hier als amouralisches Taktieren, Zuwendung als psychotisches Belauern – mehr Noir geht kaum. Der daraus resultierende Kollaps der Gesamtsituation reift schließlich zu einem rasanten, mit Bösartigkeiten gespickten Finale heran.

          Der Haken? Die streckenweise taumelnde Übersetzung von Michael Grimm und Angelika Müller. Original: „Jesus Christ, Elaine, don’t be so fucking dramatic.“ Deutsch: „Mensch, Elaine, lass doch dieses Pathos.“ So wird aus aggressiver Vehemenz kraftloses Gejammer. Stellenweise scheitert die Übertragung sogar inhaltlich. Original: „You surviving okay on the outside, man?“ Fälschung: „Hast du das Überleben im Knast gepackt, Mann?“ Mit „Small Crimes“ demonstriert der Verlag, dass er fraglos den richtigen Riecher für Autoren hat, nicht jedoch für Übersetzer.

          Dave Zeltserman: „Small Crimes“. Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master Verlag, Berlin 2017. 270 S., br., 14,80 .

          Quelle: F.A.Z.

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