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Krimi-Hörbuch : Wir stehen hier stellvertretend für das Tal

Unter Rednecks: Im waldreichen Norden regelt man die Dinge lieber unter sich. Bild: Picture-Alliance

Moral ist was für die anderen da draußen: Christian Brückner liest den dritten Teil von Castle Freemans Vermont-Trilogie „Der Klügere lädt nach“.

          Sheriff Lucian Wing ist ein gebranntes Kind. Im schmerzhaftesten Sinn des Wortes. Als junger Mann gehörte er zu einer Gang von Rowdys, die das Tal terrorisierten. Ein paar Männer überzeugten ihn, dass er abhauen und zur Navy gehen solle, für ein paar Jahre wenigstens. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, verpassten sie ihm einen bleibenden Denkzettel in Form eines Brandzeichens. Und so hat er für den Rest seines Lebens das Kürzel „DFK“ auf dem Allerwertesten. Seiner späteren Frau Clemmie gegenüber behauptet Wing, das stehe für „Delta Force Karl“, eine Spezialeinheit der Navy, der er angehört habe und über die er nicht reden dürfe. In Wirklichkeit, das gestand ihm später einer seiner Peiniger, steht es für „Damn Fool Kid“.

          Castle Freeman: „Der Klügere lädt nach“. Gelesen von Christian Brückner. Parlando Verlag, Berlin 2018. 5 CDs, 359 Min., 24,95 Euro.
          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Im waldreichen Nordosten der Vereinigten Staaten, im fiktiven County-Städtchen Cardiff, wo der Roman angesiedelt ist, regelt man die Dinge unter sich. Der Sheriff zählt hier nicht zu einer Berufsgruppe, die man als Freund und Helfer einordnen würde, manch einer fühlt sich von ihm bei der geringsten Nachfrage „transaliert“. Von dieser Art sind die Hinterwäldler im Kosmos des amerikanischen Schriftstellers Castle Freeman. Der ist hierzulande eine späte Entdeckung: Nach „Männer mit Erfahrung“ und „Auf die sanfte Tour“ legt er nun mit „Der Klügere lädt nach“ den dritten Teil seiner Vermont-Elegie vor. Der 1944 in Texas geborene Freeman, der nach einem Studium an der Columbia als Redakteur für Buch- und Zeitschriftenverlage arbeitete, lebt hier seit vielen Jahren. Er kennt also seine Pappenheimer.

          Wie ein Wolke von Rasierwasser

          Das gilt auch für den Mann, der die souveräne Übersetzung von Dirk van Gunsteren vorliest. Der 1943 geborene Berliner Christian Brückner firmiert als Experte für nordamerikanische Literatur, was angesichts der schieren Menge anderer Bücher, die er eingelesen hat, eigentlich nicht mehr weiter ins Gewicht fällt. Den vorliegenden North-Eastern liest er wie einen Western, man meint das Knarren der Schwingtür eines Saloons zu hören. Eine Coolness von Männern ist hier zugange, die noch weiß, was ein Mann zu hat, wenn er es denn zu tun hat. Mithin: Brückner hat sich für eine den Gepflogenheiten des Genres angepasste Leseweise entschieden, die Filmbilder evoziert und den Text wie eine Wolke von Rasierwasser einhüllt.

          Sein Timbre ist aufgerauht, manchmal kehlig, er betont gern stark und wird zum Satzende hin oft sehr leise. Das wörtliche Zitate abschließende „sagte er“ verschwindet an vielen Stellen als kaum noch hörbares, tonloses Anhängsel. Hörbar gemachte Lakonik?

          Lucian Wing in Bedrängnis

          Das Leben meint es gerade nicht besonders gut mit Lucian Wing. Seine Frau Clemmie, die gern Krimis liest, die in fremden Ländern spielen, vergnügt sich mit einem Nebenbuhler, und mit dem neue Gemeindevorsteher Stephen Roark ist nicht gut Kirschen essen. Roark ist ein Zugezogener, der glaubt, alle müssten nach seiner Pfeife tanzen. Als ehemaliger Luftwaffen-Colonel ist er es gewohnt, Befehle zu erteilen. Als zwei Burschen bei vorgeblichen Unfällen brutal verstümmelt werden, ärgert sich Roark über den fehlenden Ermittlungseifer von Wing.

          Dessen hervorstechendste Eigenschaft ist sein Beharrungsvermögen. Er ist ebenso maulfaul wie sein neuer Deputy, Olivia Gilfeather, und er bevorzugt es, unterschätzt zu werden. Roark tut ihm diesen Gefallen und hält ihn für einen „begriffsstutzigen Hinterwäldler“. Er verkennt, wie gefährlich Wings Gegenspieler sind, weil sie im Namen der Mehrheit Entscheidungen treffen und im Zweifelsfall dabei auch über Leichen gehen. Gesetze? Moral? Ist was für die anderen, außerhalb des Tals.

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