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Krimi im Überwachungsstaat : Drohnenland riecht angebrannt

Vorbote: eine von einem Überwachungsgegner gesteuerte Drohne über dem Berliner Neubau des Bundesnachrichtendienstes. Bild: dpa

Souverän ist, wer über die Daten entscheidet: Tom Hillenbrand hat einen mitreißenden Krimi über unsere Zukunft im Überwachungsstaat geschrieben. In der Welt der Drohnen gibt es kein Entrinnen.

          Die Zukunft hat schon angefangen, und hier kann man nachlesen, wie sie in zwei, drei Generationen aussehen könnte. Die Europäische Union hat sechsunddreißig Mitgliedstaaten und ist zur Festung ausgebaut. Die Kommissionspräsidentin heißt weder Juncker noch Schulz, sondern Tansu Özal. England will die Union verlassen, weswegen eine neue Verfassung verabschiedet werden muss, die diesen Schritt überhaupt erst zulässt. Es brodelt in den Hinterzimmern des Parlaments.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das reichste Unionsland ist Portugal, weil es als Energielieferant mit Wellenkraftwerken punktet, die tatsächlich aber Konzernen der neuen Supermacht Brasilien gehören. In der Sahara wurden Solarkriege geführt, aktuell drohen wieder Anschläge von Tuaregfreischärlern auf Kollektorentürme. Die Britskis, vereinigte russische und englische Mafiosi, bedrohen die Union, dagegen hat sich Amerika abgemeldet, China zerfleischt sich selbst. Militante Christianisten stürmen Abtreibungskliniken. Ein Drink kostet zweitausend Euro.

          Eine romantische Fantasie aus 2-D-Filmen

          Dieses „Drohnenland“-Europa ist ein beinahe perfekter Überwachungsstaat, in dem Supercomputer und Drohnen nicht nur Aufklärung betreiben, sondern auch aus der Luft hinrichten und mittels Prädikation hochgerechnete Wahrscheinlichkeiten zum Anlass nehmen, Kinder auszuschalten, die später straffällig werden könnten. Man trägt Specs, Datenbrillen, Medienfolien haben alles gedruckte Papier ersetzt. Eine Garderobe, an der man seine Persönlichkeit abgeben müsste, existiert lange nicht mehr. So weit die Lage.

          Und doch beginnt der Münchner Journalist und Schriftsteller Tom Hillenbrand seinen Krimi ganz klassisch - mit einem Leichenfund. Ein Mann liegt im belgischen Dauerregen auf einem Acker, nobel gekleidet, laut Pass 47 Jahre alt, biologisch wegen diverser Optimierungen erst 29, errechnete Lebenserwartung 119 Jahre. Vittorio Pazzi ist Mitglied des Europäischen Parlaments, besser: war es, bis ihn ein Scharfschütze mit Kopfschuss erledigte.

          Hillenbrand, Jahrgang 1972, hat bislang die Sparte Gourmet-Krimi beackert. Sein Luxemburger Spitzenkoch Xavier Kieffer reüssiert nebenbei als Ermittler. Jetzt hat er mit dem Holländer Arthur van der Westerhuizen einen überragenden Bruder im Geiste gefunden. Aart, wie ihn seine bezaubernde israelische Analystin Ava Bittmann nennt, ist Hauptkommissar bei Europol in Brüssel. Der Endvierziger trägt als seelische Wunde den Verlust seiner Frau seit zehn Jahren mit sich herum; als Soldat in den Saharakriegen hat er sich reichlich Narben zugezogen. Eine trockene Selbstironie aber ist ihm geblieben. Seinen Dienstwagen nennt er Gottlieb, in seiner Freizeit schaut er sich alte Schwarzweißfilme mit Humphrey Bogart an. Ein Ermittler vom alten Schlag, der nicht in seine Zeit zu passen scheint - das ahnt auch sein Chef, der dubiose Polizeipräfekt Vogel: „Effizienz ist Trumpf, Westerhuizen. Sich die Schuhsohlen abzulaufen ist nur noch eine romantische Fantasie aus 2-D-Filmen.“

          Die zweitbeste Datenspur ist ein Gesicht

          Längst steht Europol mit Terry ein Supercomputer zur Verfügung, der es ermöglicht, sich mittels einer Spiegelung, einer begehbaren Computersimulation, an den Tatort zu versetzen. Der wurde zuvor als Datenraum aus einer Vielzahl von Aufnahmen virtuell zusammengesetzt. Den Großteil der Ermittlungsarbeit erledigt Terry, der nach dem blinden Seher der Antike, Tereisias, benannt wurde. Wo ihm Phantasie und Riecher fehlen, helfen die Menschen. Etwa, indem sie sich im Paralleluniversum Mirrorspace umsehen. Dorthin beamt man sich mit einer Livespiegelung, kann als Ermittler unsichtbar neben einem Paar am Restauranttisch stehen und dessen Gespräche belauschen. Bevorzugt nutzt diesen Weg der Gegenspieler von Europol, der Unionsgeheimdienst Récupération des Renseignements (Wiederherstellung der Geheimdienste beziehungsweise der Informationen, kurz RR).

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