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Krimi Harte Hunde mit Weichteilen

 ·  Fünf Jahre hat der frühere Linksextremist Massimo Carlotto auf der Flucht und sechs Jahre im Gefängnis verbracht. Heute ist er ein erfolgreicher Schriftsteller. Sein neuer Krimi ist eine Killerfibel von einer unheilvollen Anziehungskraft.

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Gutes Essen, schöne Frauen, organisierte Kriminalität. Kaum ein Gespräch über Italien kommt ohne diese Klischees aus, und auch Massimo Carlotto versucht in seinem aktuellen Roman gar nicht erst, sie auszusparen: „Arrivederci amore, ciao“ erzählt aus der Perspektive eines Kriminellen, der nach seiner Haftentlassung zu den besseren Kreisen der Gesellschaft gehören will. Um deren Privilegien zu erreichen, wendet er mit Überfall, Erpressung und Mord alle Praktiken zur Lebenserleichterung an, die er kennt.

Denn seine kriminelle Karriere ist lange und lehrreich. Weil er in seiner Heimat wegen politischer Verbrechen gesucht wurde, lebte Giorgio Pellegrini in einem Camp in Mittelamerika; gemeinsam mit anderen ehemaligen Terroristen und einem Freund, den er auf Weisung des Comandantes bereits auf der ersten Seite des Romans erschießt. Carlotto lässt von Anfang an keinerlei Zweifel an der Kaltblütigkeit seiner Hauptfigur, die nicht einmal zwischen Freund und Feind unterscheidet: Als sich die Gelegenheit bietet, durch den Verrat an seinen alten Kameraden ein geringes Strafmaß zu bekommen, kehrt Pellegrini nach Italien zurück und fungiert als Kronzeuge. Nur eines will er nach der Haft nicht mehr sein: ein kleiner Gangster. Ihm schwebt eine größere kriminelle Karriere vor.

Krimitaugliche Biographie

Sein Hauptziel ist die Wiedereinsetzung in seine früheren Rechte. Die erlangt ein Straftäter nach italienischem Recht, wenn er sich nach seiner Haftentlassung fünf Jahre lang nichts zuschulden hat kommen lassen - oder aber, wie Pellegrini, zu geschickt ist, um sich dabei erwischen zu lassen. Er beginnt als Geschäftsführer in einem Bordell, verpfeift aber schon bald seinen Boss und wendet sich lukrativeren Coups zu. Als er beginnt, mit einem korrupten Polizisten zusammenzuarbeiten, zeichnet sich ein gewisser Erfolg ab, den er auf keinen Fall durch mangelnde Sorgfalt oder unnötige Gnade riskieren möchte.

Fast ebenso krimitauglich wie dieser Stoff ist die Biographie des Autors selbst, der unter Italiens bedeutenden Krimi-Autoren ohne Zweifel die schillerndste Vergangenheit aufweist: In den siebziger Jahren war Massimo Carlotto Mitglied der linksextremen Gruppierung „Lotta Continua“, bis 1976 in seiner Wohnung eine junge Frau ermordet aufgefunden wurde. Er konnte seine Unschuld nicht beweisen, wurde zu achtzehn Jahren Haft verurteilt und floh nach Frankreich und Mexiko. Fünf Jahre war er auf der Flucht und sechs Jahre inhaftiert, bevor er begnadigt wurde. Kurz darauf begann er mit dem Schreiben von Romanen, deren erster, „Il fuggiasco“, seine Geschichte als Flüchtling beschreibt. Das jetzt erst auf Deutsch vorliegende „Arrivederci amore, ciao“ verfasste Carlotto bereits 2001. Die späte Entscheidung des Verlags, das Buch zu übersetzen, ist wohl auch den positiven Kritiken der englischsprachigen Zeitungen zu verdanken.

Dem Bösen in die Augen sehen

Der Roman fasziniert vor allem dadurch, dass der Leser dem Bösen direkt in die Augen sieht. Carlotto hat seine Hauptfigur völlig seelenlos gezeichnet, ohne menschliche Empfindungen bis auf eine Ausnahme: die maßlose Enttäuschung, als Pellegrini sich nach dem Gefängnis die Pralinen seiner Kindheit kauft, die mittlerweile völlig andere sind. „Ich fühlte mich betrogen und hätte am liebsten losgeheult“, konstatiert der harte Hund. Das zeigt eine weiche Seite auf den ersten Blick; reinsten, infantilen Egozentrismus auf den zweiten. Auch im Zusammenhang mit dem Restaurant, das er später übernimmt, wird sein Faible für Essen klar, das er aber vor allem als Aufstiegsmöglichkeit sieht.

Ansonsten beschränken sich Pellegrinis Gefühlsregungen auf eine leise Freude beim Töten von Menschen. Frauen bedeuten ihm nicht mehr als die Möglichkeit, seine Fantasien auszuleben. Es ist beinahe irreführend, dass Massimo Carlotto die meisten Kapitel nach den Frauen benannt hat, die darin vorkommen - denn sie bleiben unwichtig. Pellegrini erniedrigt sie, manipuliert sie virtuos und bringt sie später um, ohne jemals etwas dabei zu empfinden. Die positivsten Worte, die er jemals über eine von ihnen verliert, lauten: „Sie war liebevoll, zuvorkommend und ging einem nicht auf die Eier.“

Von einer vergleichbaren Wortwahl ist der gesamte Roman. Carlotto scheut keine deutlichen Ausdrücke, geht aber dankenswerterweise selten ins Detail. Ein kleiner Machiavelli für Gangster ist da entstanden, dessen einzige Schwäche die mangelnde Tiefe seiner Hauptfigur ist. Von einer unheilvollen Anziehungskraft ist die Geschichte trotzdem: Sie kann oder will zwar keine richtige Identifikation mit dem Antihelden hervorrufen, verschiebt aber immerhin gehörig die Vorstellung von dem, was gut, was böse und was notwendig ist.

Massimo Carlotto: „Arrivederci amore, ciao“. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen Verlag, Berlin 2007. 186 S., geb., 18,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 03.04.2007, Nr. 79 / Seite 32
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