Home
http://www.faz.net/-gr0-o8rf
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kriegsfotos Bilderstreit um Tote

24.10.2003 ·  Jörg Friedrichs Buch „Brandstätten“ über die alliierten Angriffe auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg zeigt verkohlte Bombenopfer und Leichenberge. Nicht das ist der Skandal, sondern die dubiose Haltung des Verlages.

Von Andreas Platthaus
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Muß die etymologische Herkunft der Bezeichnung "Verlag" neu geklärt werden? Das Wort leitet sich von "verlegen" ab. Aber den semantischen Gehalt dieses Begriffs versteht man beim Berliner Propyläen Verlag offenkundig anders als vermutet. In dem gerade erschienenen Bildband "Brandstätten", in dem der Historiker Jörg Friedrich die alliierten Bombenangriffe auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg dokumentiert, gibt es ganz am Schluß auf einer mit Bildnachweisen vollgestopften Seite eine unscheinbare Erklärung ohne jede Überschrift. Darin heißt es unter anderem: "Über die Grenzen der Darstellbarkeit von Körperzerstörung konnten sich Verlag und Autor nicht einigen." Doch sie "übergeben den Band der Öffentlichkeit im gegenseitigen Respekt vor der Haltung des anderen; der Leser möge sich sein eigenes Urteil bilden". Eine peinliche Lösung, doch nun wissen wir, daß sich der Propyläen Verlag auf Verlegenheit verlegt hat.

Bislang dachten wir, die Aufgabe eines Verlags liege neben der bloßen Produktion und dem Vertrieb seiner Bücher auch darin, deren Qualität zu gewährleisten. Daß es dafür Maßstäbe geben muß, dürfte jedem Autor klarzumachen sein; niemand zwingt einem Verlag ein Buch auf. Bei Propyläen aber hat man keine Maßstäbe mehr, die für sich Geltung beanspruchen dürfen, und das ist der wahre Skandal um Friedrichs neues Buch. Statt dessen aber erregen sich Fernsehanstalten und Zeitungen über die darin abgedruckten Bilder oder besser gesagt: über ein rundes Dutzend Aufnahmen, die sich im umfangreichsten Kapitel, "Bergung" betitelt, finden.

Keine leichte Kost

Darin sieht man unter anderem verkohlte Bombenopfer und Leichenberge, die zum Verbrennen aufgestapelt wurden. Keine leichte Kost, fürwahr, aber nichts, was überraschen könnte. Unsere Phantasie hat aus den Erinnerungen der Eltern und Großeltern an die Bombennächte schrecklichere Bilder geschaffen als die, die Friedrich ausgewählt hat. Sein Buch, jedes Buch zu diesem Thema wäre zudem unvollständig zu nennen ohne die Darstellung der verzweifelten Rettungsversuche, der hilflosen Aufräumarbeiten und der entsetzlichen Erlebnisse dabei. Man könnte sogar mit Fug behaupten, daß diese Fotos unter den insgesamt rund fünfhundert überwiegend aus Stadtarchiven zusammengetragenen Aufnahmen, die das Buch enthält, durchaus noch einen größeren Teil hätten ausmachen können. Darum also kann es den Ikonoklasten, wollen sie ernst genommen werden, nicht gehen.

Die Debatte um Friedrichs "Brandstätten" speist sich vielmehr aus zwei vergifteten Quellen. Zunächst einmal aus dem Streit um das Vorläuferbuch "Der Brand", das im vergangenen Jahr kontrovers diskutiert wurde. Man hat Friedrich damals Relativierung der deutschen Verbrechen vorgeworfen, weil er einseitig die Opferrolle der Zivilbevölkerung im Bombenkrieg dargestellt habe. Aber Friedrich beschönigt und verharmlost nicht. Der berüchtigte britische Pilot Arthur Harris hatte bereits 1924 festgestellt, daß Städtebombardements allein strategische Ziele verfolgen, keine moralischen wie Vergeltung. Entweder also ist jede Beschäftigung mit deutschen Opfern unzulässig, oder seine Kritiker müssen Friedrich zugestehen, daß er sich bemüht, ein altes historiographisches Ideal zu erfüllen: erzählen, wie es gewesen ist. Einzig die Wahl der beiden Buchtitel, die über ihre Feuermetapher ein Analogon zum eingeführten Begriff des Holocaust (Brandopfer) nahelegen, könnte man zur Geschmacksfrage erheben.

Dubiose Nachbemerkung

Viel wichtiger aber ist die zweite Quelle der neuen Debatte: der Verlag selbst. Ist schon der Appell an die Urteilsbildung der Leser eine Dreistigkeit, weil wir nun auf einmal die Verantwortung für eine Auswahl übernehmen sollen, die uns im Buch geboten wird, so ist es noch frecher von Propyläen, den eigenen Zwiespalt bei der Vermarktung des Buches auszuschlachten. Ohne die dubiose Nachbemerkung hätte Friedrichs Bildauswahl wohl kaum dieses negative Echo gefunden. Entweder hat die Aussicht auf gute Verkaufszahlen die Lektoren korrumpiert (dann hätte man sich den Verweis sparen sollen), oder der Verlag hat bewußt auf sein Dilemma hingewiesen, um den Band ins Gespräch zu bringen.

Eine Seite vor der verlegerischen Bankrotterklärung steht ein Editorial aus der Feder von Jörg Friedrich. Dort heißt es: "Ich habe nach Bildern gesucht, die erzählen, was Worterzählungen übersteigt." Das ist ihm dankenswerterweise nicht geglückt. Denn es gibt kein Bild, das den Schrecken steigern könnte, den man sich schon aufgrund der mündlichen oder schriftlichen Zeugnisse zum Zweiten Weltkrieg ausgemalt hat - der Zeugnisse aus den Konzentrationslagern wie aus den bombardierten Städten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2003, Nr. 247 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel